FEIERTAG: Allerheiligen hat es schwer

Morgen wird traditionell der Toten gedacht. Der Feiertag muss sich heute gegen laute Konkurrenz aus den USA behaupten.

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Geteilte Trauer: Familie Reimann (Vater David, Sohn Noe, Mutter Mirjam und Tochter Anina, von links) auf dem Friedhof Anderallmend in Kriens. (Bild: Eveline Beerkircher)

Geteilte Trauer: Familie Reimann (Vater David, Sohn Noe, Mutter Mirjam und Tochter Anina, von links) auf dem Friedhof Anderallmend in Kriens. (Bild: Eveline Beerkircher)

Josef Hochstrasser*

Allerheiligen? Ich fragte ab und zu meine Schülerinnen und Schüler an der Kantonsschule Zug, wann dieses Fest gefeiert werde. Die Antwortpalette war breit: im Februar, Ende Juni, im Monat August.

Allerheiligen hat es schwer. Das Fest wühlt die Seele der Menschen weit weniger auf als Weihnachten. Wer interessiert sich schon für Heilige? Ein Alfons von Liguori, eine Brigitta von Schweden – wie sollen sie im Leben eines Menschen des 21. Jahrhunderts von Bedeutung sein?

In der Bezeichnung Allerheiligen steckt das Wort heilig. Spätestens mit der Definition dieses Wortes durch den Theologen Eugen Drewermann dürfte auch ein moderner Zeitgenosse aufhorchen, selbst wenn er gar nicht religiös ist. «Für heilig gilt im Leben von Menschen all das, was als lebensnotwendig unter absoluten Schutz gestellt zu werden verdient», schreibt Drewermann. Das Fest Allerheiligen könnte immerhin veranlassen, kritisch zu fragen: Was soll für mich persönlich oder was muss in der gegenwärtigen Lage der Welt als lebensnotwendig unter absoluten Schutz gestellt und damit für heilig erklärt werden? Das Smartphone? Die Globalisierung? Roger Federer? Sauberes Wasser? Der Neoliberalismus? Die nachhaltige Lösung des Flüchtlingsdramas? Mit der Beantwortung dieser, von Drewermann ausgelösten Fragen wird Allerheiligen auf einen Schlag höchst aktuell.

Für mehr Furore um Allerheiligen sorgt Halloween, leider und Gott sei Dank zugleich. Leider, weil Halloween heute völlig verfremdet, sinnentleert und mit unpassendem Klamauk über die Bühne rauscht. Und Gott sei Dank, weil dieses keltische Fest einen wunden Punkt gerade unserer Zeit ins Bewusstsein ruft. Halloween geht wohl auf das Fest Samhain zurück. Die Kelten feierten um die Zeit von Anfang November ihr Totenfest. Zu den Verstorbenen pflegten sie eine natürliche Beziehung. Brach die dunkle Jahreszeit an, öffnete sich den Lebenden die Ander-Welt wie ein dünner Vorhang für eine Begegnung zwischen Tod und Leben. Aber selbst die Kelten sollen Respekt vor dem Bereich der Toten gehabt und mitunter auch Angst empfunden haben. Irische Einwanderer brachten im 19. Jahrhundert die alten Bräuche rund um Samhain in die USA. Von dort erreichte der einst feinfühlige Kult erneut den europäischen Kontinent, allerdings als pervertierte Geschäftemacherei.

Kein Wunder, kommt das keltische Fest in unseren Tagen als Gruselkabinett daher. Memento mori, der Gedanke an den Tod ist unangenehm. Unsere Gesellschaft will am liebsten nichts davon wissen. Daher sind die abstrusesten, Schrecken einjagenden Kostüme an den Halloweenpartys sehr wohl als unbeholfene Form des Umgangs mit dem Tod zu deuten, nach dem Motto: Die Angst, die mich umtreibt, jage ich am besten anderen Menschen ein. So bleibt sie mir vom Hals.

Mit der Christianisierung ursprünglich keltischer Gegenden Europas brachte die katholische Kirche das Fest Samhain gezielt zum Verschwinden. Nach bekanntem, religionspolitischem Muster initiierte sie anstelle des alten Brauchs ihre eigene Festtradition. Im Jahre 835 ordnete Papst Gregor IV. an, in Zukunft sei am 1. November in christlichem Sinne der Toten zu gedenken. Damit legte er den Grundstein zum Allerheiligenfest.

Mit Allerheiligen und Allerseelen pflegt die katholische Kirche ein kostbares Juwel. Die beiden Feste sind weder ein alter Zopf noch modern. Sie sind schlichtweg von existenzieller Notwendigkeit. Und dies über die Grenzen jeglicher Religiosität hinaus. Im Sinne der Definition Eugen Drewermanns ist die Beschäftigung mit dem Tod – so paradox es tönt – lebensnotwendig und unter absoluten Schutz zu stellen, also heilig. Wer den Impuls des Allerheiligenfestes aufnimmt und den Drewermann’schen Gedanken auch auf den Umgang mit dem eigenen Tod hin prüft, bereichert sich. Konsequenterweise wird ein solcher Mensch niemals ein Fundamentalist sein, denn er ist sich seiner eigenen Endlichkeit und der Vorläufigkeit all seiner Ideen und seiner gesamten Weltanschauung bewusst. Er verdrängt nicht, will nichts in dieser Welt für unverrückbar oder gar ewig gültig halten. Unsere Zeit setzt aber alles daran, den Tod zu verdrängen. Das beginnt bei einer fragwürdigen Medizin, die den Eid des Hippokrates, Leben zu erhalten, in eine Verlängerung desselben mit allen finanziellen und technischen Mitteln pervertiert, und endet bei der unsäglichen Verherrlichung ewiger Schönheit und Jugend.

Unabhängig von der persönlichen Weltanschauung, ob religiös oder nicht, ein gebildeter Mensch weiss, dass Allerheiligen am 1. November gefeiert wird. Das sahen meine Schülerinnen und Schüler schliesslich auch so. Aber für noch viel wertvoller hielten sie den Impuls dieses Festes, sich selbst als junge Menschen existenziell und ehrlich auf die Frage einzulassen: Was macht es aus mir einzugestehen, dass ich sterblich bin?

Hinweis

* Josef Hochstrasser, Jahrgang 1947, ist in Ebikon aufgewachsen. Nach der Matur studierte er Theologie. Erst Schweizergardist in Rom, wurde er 1973 zum katholischen Priester geweiht. Ein Jahr später lernte er die Katechetin Elisabeth kennen. 1985 wurde er vom Bischof mit einem Berufsverbot belegt. Seit 1989 ist er reformierter Pfarrer. Bis 2012 wirkte er als Religionslehrer an der Kantonsschule Zug. Hochstrasser ist zudem Buchautor.