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Luzerner Wasserschmöcker hat wegen des Klimawandels Hochkonjunktur

Fredy Schenker wird oft von Bauern engagiert, um Wasseradern aufzuspüren. Nach dem letzten Hitze-Sommer ist sein Talent besonders gefragt.

Andreas Bättig
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Für die Bauern Anton und Rolf Kaufmann aus Kleinwangen im Kanton Luzern war der vergangene Sommer kein einfacher. Als der Regen über mehrere Wochen ausblieb, reduzierte sich der Ausfluss der hofeigenen Grundwasserquelle deutlich. Für die Kaufmanns eine schwierige Situation. Schliesslich braucht jede ihrer gut 100 Milchkühe 100 bis 180 Liter Wasser – pro Tag.

Den Bauern blieb nichts anderes übrig, als jeden Tag mit Wassertanks drei Kilometer weit entfernt bei einem anderen Bauern 9000 Liter zu holen. Dieser hatte noch genügend Wasser, da er Zugang zu einer reichhaltigen Quelle hat. «Es war eine mühsame Arbeit, die uns pro Tag bis zu zwei Stunden kostete», sagt Anton Kaufmann. Auch musste das Wasser sehr sparsam eingesetzt werden. «Wir haben zum Beispiel die Autos und Maschinen gar nicht mehr gereinigt, die Sprinkleranlage der Kühe nicht so lange laufen lassen.» Damit sich dieses Szenario nicht wiederholt, beschloss der 37-Jährige, zur Ergänzung der bisherigen Quelle eine neue Ader anzuzapfen, die geologisch bedingt konstanter Wasser liefern sollte. Doch diese Wasserquelle musste erst mal gefunden werden – mit Hilfe eines Wasserschmöckers.

Mit der Wünschelrute dem Wasser nach

Seit Jahrhunderten setzen Bauern bei der Wassersuche auf sogenannte Wasserschmöcker. Das sind Menschen, die nach eigenen Angaben aufgrund ihrer Feinfühligkeit erspüren können, wo sich Wasseradern befinden. Meistens nehmen sie beim Suchen eine Wünschelrute zur Hilfe. Die kann aus zwei Metallstäben, einer Astgabel oder gar aus einem Kleiderbügel bestehen. Fredy Schenker aus Schwarzenbach im Kanton Luzern ist ein solcher Wasserschmöcker. Der 66-Jährige bekam von Bauer Kaufmann den Auftrag, auf seinem Grundstück eine Wasserader zu finden.

Schon sein Grossvater habe die Gabe gehabt, Wasseradern aufzuspüren, erzählt Schenker. Als Kind eiferte er ihm kurz nach, versuchte auch sein Glück, verlor aber das Interesse schnell wieder. Erst bei seiner Arbeit als Architekt und Bauleiter habe er auf Baustellen wieder angefangen, Wasserleitungen, Drainagen oder sonstige Leitungen aufzuspüren, wenn keine Leitungspläne vorhanden waren. «Das war natürlich praktisch. So wusste der Baggerfahrer, wo gebaggert werden kann», sagt Schenker.

Fredy Schenker fand auf einem fünf Hektaren grossen Grundstück eine Wasserader in einer Tiefe von 12 Metern. (Bild: Dominik Wunderli (Kleinwangen, 19. Dezember 2018))

Fredy Schenker fand auf einem fünf Hektaren grossen Grundstück eine Wasserader in einer Tiefe von 12 Metern. (Bild: Dominik Wunderli (Kleinwangen, 19. Dezember 2018))

Wie genau seine Gabe funktioniert, kann der Wasserschmöcker nicht erklären. Und es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis, der seine Methode untermauern würde. «Ich weiss einfach, dass es funktioniert.» Die Technik, die er verwendet, scheint simpel. Schenker nimmt einen dünnen Messing-Draht in die linke Hand, einen anderen in die rechte und drückt die Hände zu einer Faust fest zu. Dann läuft er auf dem Gelände umher, die Stäbe zeigen nach vorne. Nachdem sich eine Spannung im Körper aufgebaut hat, wie Schenker sagt, gehen die Stäbe plötzlich auseinander und geben die Richtung der Wasserader an. So weiss Schenker, dass sich unter ihm Wasser befindet. Und nicht nur das. Auch die Tiefe, in der sich die Ader befindet, kann Schenker ungefähr angeben und wie viel Liter pro Minute sie hergibt. Dafür verwendet er ein kleines Pendel, bei dem er anhand der Kreisbewegungen die Meter-Anzahl und die Wassermenge ablesen kann. «Dass das für gewisse Leute nach Hokuspokus klingt, ist mir klar. Aber ich kann gut damit leben, dass sie so denken», so Schenker.

Lehmschicht schützt Wasser

Bei Kaufmann hatte der Wasserschmöcker Erfolg. Er fand auf einem fünf Hektaren grossen Grundstück eine Wasserader in einer Tiefe von 12 Metern. Nachdem Schenker den exakten Ort der Ader ausmachte, führte Kaufmann eine Testbohrung durch. Nach ersten Erkenntnissen liefert die Ader eine Wassermenge von zirka 30 Litern pro Minute. Ein guter Wert, wie Kaufmann findet. Auch die Lage der Ader sei optimal: zwischen zwei Felsplatten unter einer Lehmschicht. «Zu 99 Prozent hat das Wasser so eine sehr gute Qualität, da es in dieser Tiefe durch die Lehmschicht von Oberflächenwasser geschützt ist», sagt Schenker. Dieses sei oft mit Nitraten verschmutzt. «Ab fünf Metern Tiefe nimmt der Nitrat-Wert deutlich ab.»

Letzten Sommer musste Schenker für viele Bauern solche Adern suchen. Mindestens zweimal in der Woche sei er unterwegs gewesen. Auch jetzt im Winter suchen die Landwirte seine Hilfe. «Viele wollen auf einen weiteren trockenen Sommer vorbereitet sein», sagt Schenker, der für seinen Aufwand «einen angemessenen Stundenlohn» verlangt.

Auch in fernerer Zukunft werde den Wasserschmöckern die Arbeit nicht ausgehen, ist Schenker überzeugt. «Gletscher in den Alpen sind ja riesige Wasserspeicher, welche Wasseradern, Flüsse und Seen speisen. Sollten die durch die Klimaerwärmung verschwinden, sieht es für die Wasserversorgung schwierig aus», sagt er. «Wir sollten das Wasser deshalb schätzen, solange es noch im Überfluss vorhanden ist. Und es mit gesundem Menschenverstand brauchen.»

Rückblick Leben: Ein beispielloser Sommer

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Regina Grüter