Musikhochschule Luzern
Auftakt zum «Szenenwechsel»: Online ist das Festival so visionär und abstrakt wie eine Stimme vom Mars

Das Festival «Szenenwechsel» der Musikhochschule Luzern startete online am Freitagabend mit einem witzigen Auftakt und dauert noch bis Sonntag. Für Livestimmung sorgten erstaunlicherweise mehr die neu integrierten Diskussionsrunden als die vorproduzierten Konzerte.

Urs Mattenberger
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Remix am Computer: Blick aufs Mischpult bei der Aufführung des Klaviertrios in H-Dur von Brahms.

Remix am Computer: Blick aufs Mischpult bei der Aufführung des Klaviertrios in H-Dur von Brahms.

Bild: HSLU / Priska Ketterer

«Hallo Erde!», begrüsst uns so oder ähnlich auf Chinesisch eine Stimme vom Mars. Das animierte Männchen posiert vor einer gigantischen urbanen Silhouette auf dem roten Planeten, dem Beispiel einer Schule, aus der die Menschen längst wegrationalisiert sind. Im Gegensatz zur Stammschule auf der Erde, der Musikhochschule Luzern, die seit letztem Jahr in den zukunftsweisenden Kampus Südpol integriert ist. Die nämlich bietet noch immer das ganze «Vollprogramm» mit – männlichen wie weiblichen – Musikstudenten, Dozenten und Forschern aus Fleisch und Blut.

Wie zukunftsweisend der Zusammenschluss von Bildung, Forschung und Konzerten an einem Ort ist, erfahren wir ebenfalls vom Mars-Mann: Denn mit dem diesjährigen Festival «Szenenwechsel» wird fiktiv die Gründung des Kampus «vor 100 Jahren» gefeiert. Und wie dieser mit der Zeit geht, zeigte die diesjährige Ausgabe des Festivals, die mit diesem Videoclip am Freitag um 17.15 Uhr so witzig wie passend eröffnet wurde. Denn das Festival findet noch bis Sonntag ausschliesslich online statt.

Die Katze tippt auf der Tastatur mit

Passend war dieser Eröffnungsclip, weil auch bei dieser Festivalausgabe die Menschen – nämlich das Publikum vor Ort – wegrationalisiert wurden. Alle Konzerte waren zuvor in Räumen des Neubaus der Musikhochschule beim Südpol aufgezeichnet worden. Dass sich die Musiker nach ihren Auftritten zu einem imaginären Publikum hin verbeugten, machte dessen Abwesenheit im fehlenden Applaus nur noch deutlicher und gespenstisch.

Vor allem aber dauerte es lange, bis wir Zuschauer vor unseren Bildschirmen zu Hause angesprochen wurden. Bei der offiziellen Eröffnung verzichtete selbst Valentin Gloor, Direktor der Musikhochschule, auf eine konventionelle Ansprache. Mit Antonio Baldassare, Leiter Forschung und Entwicklung, präsentierte er einen ebenfalls witzigen Henry-Purcell-Remix, der unmittelbar ins diesjährige, hochaktuelle und zukunftsweisende Thema «Re-Mix» einführte.

Dieses war schon vor der Pandemie gewählt worden, passte jetzt aber perfekt zum digitalen Format. Dennoch blieb dieses vergleichsweise abstrakt, weil wir Zuhörer ohne jede Moderation und Ansprache uns ganz allein überlassen wurde. Der Chat, in den man sich zu den Musikübertragungen auf Youtube einklinken konnte, war dafür kein Ersatz.

Neben zahlreichen «Braviiiissiiiimi»-Einträgen verriet auch mal einer, dass in der Wohnstube mit ihren vielen Ablenkungen ohnehin keine Konzertatmosphäre herrscht. «Sorry, this was my cat», entschuldigte sich eine Viewerin für eine rätselhafte Tastenkombination. Dass Onlineformate wie dieses noch in den Kinderschuhen stecken, zeigt auch die Tatsache, dass ein interaktiver Austausch (über Zoom) erst am Sonntag an einer digitalen Forschungstagung über Bachs «Chaconne» genutzt wird.

Round Tables schaffen Liveatmosphäre

Interpretatorisch wie technisch hohes Niveau: Ensemble aus Musikstudenten spielt Brahms (Maria Anikina, Klavier, Mikalai Semiankon, Violine, Mara Lobo, Cello).

Interpretatorisch wie technisch hohes Niveau: Ensemble aus Musikstudenten spielt Brahms (Maria Anikina, Klavier, Mikalai Semiankon, Violine, Mara Lobo, Cello).

Bild: HSLU / Priska Ketterer

So war man doppelt froh über die substanziellste Neuerung dieses «Szenenwechsel», nämlich den Einbezug von Diskussionsrunden zwischen den Konzerten. Selbst beim ersten Programmpaket «Re-Work» blieb man noch ganz sich selbst überlassen: Mikalai Semiankou, Violine, Mara Lobo, Violoncello, und Maria Anikina, Klavier, steigerten die Spätfassung von Johannes Brahms' Klaviertrio in H-Dur zu schwelgerischem, ja hymnischem Wohlklang, ohne die Kanten ganz wegzuglätten. Ja, auch die gespenstische Atmosphäre, die einem solchen Onlineauftritt ohne Livepublikum anhaftet, spukte hier romantisch-visionär herum.

Wie Brahms selber Kanten und Brüche bei der Umarbeitung der frühen Fassung seines Klaviertrios abgemildert hatte, erfuhr man in der anschliessenden – ebenfalls aufgezeichneten – Diskussionsrunde. Wenn die Moderatorin Christine Fischer im Zoom-Meeting die Experten begrüsste (neben Baldassare als Gast Janina Klassen sowie die Dozenten Benjamin Moser und Philipp Teriete), stellte sich fast Liveatmosphäre ein. Und obwohl die Diskussion – ohne Hörbeispiele – etwas akademisch geführt wurde, war sie eine interessante und gute Hörhilfe für die anschliessende Aufführung der Frühfassung des Trios.

Da hörte man die fremden Stilzitate, die Brahms beim «Re-Mix» des eigenen Werkes entfernte, wie entblösst hervortreten: Etwa die Reverenzen an Bach oder Scarlatti, die Mireia Coma Casellas (Violine) und Luca de Falco (Cello) mit barocker Tongebung gezielt verdeutlichten. Mit der Pianistin Daria Vasileva hielten sie die Spannung auch über quasi-improvisatorische Passagen aufrecht. Und dass hier – im Vergleich zum ersten Konzert – dramatische Erregung gegenüber hymnischem Überschwang stärker hervortrat, bewies, auf welch hohem technischem wie interpretatorischem Niveau die Musikhochschul-Ensembles musizierten.

Neue Volksmusik in der Nachfolge von Brahms?

Das galt auch für das Volksmusik-Konzert im Abendpaket unter dem Motto «Re-Blend». Da spielten Musikstudenten der Abteilungen Volksmusik, Jazz und Klassik, unter anderem Stücke von Dozenten und Komponisten wie Nadja Räss und Albin Brun. Sie taten es mit herzhaftem Schwung und «Dräck» und nahmen damit auch harmonischen und rhythmischen Eskapaden dieser neuen Volksmusik alles Gesuchte und Gekünstelte.

Natürlich fragte man sich da zum Thema «Re-Mix», ob bei der Erneuerung der Schweizer Volksmusik Stilzitate aus der Weltmusik eine ähnliche Rolle spielten wie die Barockmuster beim Romantiker Brahms. Aber die Gesprächsrunde vor dem Konzert ging ohne Bezug darauf Urheberrechtsfragen nach, die mit dem digitalen Remixen immer komplexer werden. Das mochte wertvolle Hinweise für Musiker und Remixer enthalten, liess aber die Zahl der Viewer von 100 (bei Brahms) auf ein paar Dutzend zusammenschrumpfen. Die Zahl dürfte wieder hochschnellen, wenn heute vor dem Konzert der Big Band der Musikhochschule (19.30) ein Round Table die Praxis des «Remix in Bildender Kunst und Musik» thematisiert.

Das Onlinefestival «Szenenwechsel» der Musikhochschule Luzern dauert noch heute und bis Sonntag, 13.00 Uhr. Programm und Link zum Stream: hslu.ch/szenenwechsel