FESTIVAL: Das Musikfest findet auch draussen statt

Man kann am Blue Balls auch auf den kleinen Bühnen gute Bands geniessen. Oder die Stars im Gespräch sehr persönlich erleben.

Pirmin Bossart
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Mit Leidenschaft am Werk: der sonntägliche Auftritt der Genfer Gruppe The Animen im Musikpavillon. (Bild Philipp Schmidli)

Mit Leidenschaft am Werk: der sonntägliche Auftritt der Genfer Gruppe The Animen im Musikpavillon. (Bild Philipp Schmidli)

Bild: Nadia Schärli / Neue LZ
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Stimmgewaltig: Paloma Faith am 25. Juli am Blue Balls Luzern. (Bild: Keystone)
Bild: Nadia Schärli / Neue LZ
Chloe Howl am 25. Juli am Blue Balls Luzern. (Bild: Keystone)
Alison Goldfrap und ihr Quintett gestern am Blue Balls im Konzertsaal des KKL: Die Engländerin begeisterte das Publikum mit ihrer prägnanten Stimme. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)
Jamie Woon am Blue Balls Festival 2014. (Bild: Keystone)
Rita Ora bei ihrem Auftritt im KKL anlässlich des Blueballs. (Bild: Keystone)
Die Britin lässt sich von Fans feiern. (Bild: Keystone)
Die norwegische Popmusikerin und Songwriterin am 23. Juli im KKL. (Bild: Keystone)
Ihr Album «Weapon in Mind» schnellte 2013 auf Platz 1 der Charts. (Bild: Keystone)
Kulinarische Höhepunkte am Blue Balls Festival 2014. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)
Farbenfrohes Blue Balls Festival 2014 vor dem KKL. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)
James Blunt, der vielleicht prominenteste Star des diesjährigen Festivals, erfüllte gestern die Erwartungen voll. (Bild: Keystone)
Kann und soll man einen Song wie «You're Beautiful», den die Leute schon so oft gehört haben, und der nebst Ohrwurmqualitäten inzwischen auch ein gewisses Nerv­potenzial hat, überhaupt noch live bringen? Doch als es soweit war, gegen Ende des Konzerts, wurde schnell klar: James Blunt will, und das Publikum erst recht. (Bild: Keystone)
Agnes Obel schlug die leisen Töne im KKL an. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
Dabei erzeugte sie aber eine höhere Intensität als manche Rockband. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
Sonnenuntergang auf der Terrasse unter dem KKL-Dach. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)
Panorama-Bild vom Luzerner Blue Balls (Bild: Leser Roman Beer)
Regnerisch, aber dennoch festliche Stimmung am Dienstag vor dem KKL. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
Howlin Pelle Almqvist... (Bild: Keystone)
Sänger der schwedischen Rockband «The Hives», beim Auftritt am 21. Juli am Blueballs. (Bild: Keystone)
Die schwedische Sängerin Sophie Zelmani. (Bild: Keystone)
Nach ihrem erfolgreichen Debütalbum war die 42-Jährige in Schweden sehr erfolgreich, und tourte bald durch ganz Europa und Japan. Heute lebt sie eher zurückgezogen in Schweden. (Bild: Keystone)
Charlotte Cooper von der britschen Indie-Rock-Band Subways (Bild: Keystone)
Charlotte Cooper von der britschen Indie-Rock-Band Subways (Bild: Keystone)
John Smith zählt zu den aufregendsten Newcomern der neuen britischen Folkszene. (Bild: Keystone)
The Passenger im Luzerner KKL. (Bild: Roger Gruetter / Neue LZ)
Fran Healy von Travis beim Konzert in Luzern. (Bild: Roger Gruetter / Neue LZ)
Travis bezieht sich auf die Hauptperson des Films «Paris, Texas» von Wim Wenders. (Bild: Roger Gruetter / Neue LZ)
Valerie June. (Bild: Keystone)
Nina Nesbitt ist das diesjährige Blue Balls Cover. (Bild: Keystone)
Die Karriere der 20-jährigen Schottin begann, als sie auf der Internet-Plattform Youtube ihre eigenen Lieder und Cover-Versionen hochlud. (Bild: Keystone)
Ed Sheeran. (Bild: Keystone)
Blue Balls ist die neue Festhütte von Luzern. Eine Dauerberieselung aus Musik, «Gschnorr» und guter Laune. Das kann einem schon mal übel zusetzen. Aber die Menschen scheinen es zu mögen (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Tausende von ihnen sind Freitagnacht und auch Samstagnacht am See unterwegs oder stauen sich vor dem Hotel Schweizerhof in ungemütlicher Dichte. Alles ist mega, super und cool. Finsterlinge, die diesem Gute-Laune-Überschuss nicht trauen, bleiben besser zu Hause. Oder holen sich draussen beim Pavillon eine Protestbüchse Eichhof über die Gasse. Aber die ist ja unterdessen auch Heineken geworden. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Gross und Klein am Blue Balls Festival. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
«The Animen», SRF3-Best Talent vom Juli 2013, auf der Luzerner Pavillon-Bühne. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
«The Animen», SRF3-Best Talent vom Juli 2013, auf der Luzerner Pavillon-Bühne. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Noch ist es ruhig und wenig Leute haben sich versammelt: Einen Abend vor dem Start des Blue Balls sind die Zelte und weitere Infrastruktur bereits aufgestellt. (Bild: Leserbild Heinrich Inderbitzin)
Die Zelte sind bereit vor dem Start des Blue Balls. (Bild: Leserbild Heinrich Inderbitzin)

Bild: Nadia Schärli / Neue LZ

Blue Balls ist die neue Festhütte von Luzern. Eine Dauerberieselung aus Musik, «Gschnorr» und guter Laune. Das kann einem schon mal übel zusetzen. Aber die Menschen scheinen es zu mögen. Tausende von ihnen sind Freitagnacht und auch Samstagnacht am See unterwegs oder stauen sich vor dem Hotel Schweizerhof in ungemütlicher Dichte. Alles ist mega, super und cool. Finsterlinge, die diesem Gute-Laune-Überschuss nicht trauen, bleiben besser zu Hause. Oder holen sich draussen beim Pavillon eine Protestbüchse Eichhof über die Gasse. Aber die ist ja unterdessen auch Heineken geworden.

Kammermusikalische Ruhe

Auf der Muschelbühne des Pavillons steht Julia Holter aus Los Angeles mit ihrer Band und gibt sich Mühe, in das Raster der Festseligkeit zu passen. Ihre Musik ist so gut wie nicht geeignet. Die Songs sind zu anspruchsvoll, um sich auch nur für ein paar Sekunden festzuhaken, Ohrwürmer machen andere. Die avantgardistisch angehauchten Zwischenspiele mit Violine, Cello und Keyboards sind in diesem Setting ohnehin schwierig. Wird es ein wenig leiser auf der Bühne, schwappt sofort der Publikumsgesprächspegel über.

Aber die Band lässt sich nicht aus ihrer kammermusikalischen Ruhe bringen. Es ist das letzte Date auf ihrer Tournee, und die Musiker scheinen den prächtigen Sommerabend mit Luzerns Kulisse zu geniessen. Auch die Sängerin zeigt sich angetan. Sie habe noch nie hier gespielt, meint sie bei einer ihrer Ansagen. Musiker meinen das immer. Wir denken zurück an den Sommer 2012, wo sie zirka vier Kilometer entfernt auf dem Sonnenberg am B Sides Festival auf der Bühne stand, aber damals noch viel verträumter und introvertierter wirkte.

Musik ist überall. Vorne beim Fünfsternehotel steht ein blonder, langmähniger Singer-Songwriter auf der Bühne und macht mit musikalischer Inbrunst auf gute Laune. Er findet sein Publikum auch auf der gegenüberliegenden Strassenseite, wo sich die Passanten über die Absperrgitter lehnen und selbstvergessen in den bunten Rummel starren. Auch unter dem KKL-Dach schlägt einer heftig auf die Gitarre und traktiert dazu seine Mundharmonika. Es ist nicht Bob Dylan.

Kühle Gruft

Wir brauchen eine Pause und finden sie im Auditorium, dem kleinen Saal im KKL Luzern. Hier findet jeden Abend um 19 Uhr die «Meet the Artist»-Runde statt. Die Reihe ist allein schon wegen dem luftgekühlten Raum und den weichen Ledersitzen ihren Besuch wert. In der kühlen Gruft zu sitzen, ist nach den Menschenmassen und dem Gedünste aus hundert Essküchen in der Affenhitze draussen eine Wohltat. Und siehe da: Für einmal kommt sogar der Unterhaltungsmuffel auf seine Rechnung.

Moderator Hannes Hug empfängt Musiker und Künstler, die am gleichen Abend am Blue Balls Festival auftreten. Nichts ist vorbereitet, die Künstler bringen ihre Launen mit, der Moderator muss gleichzeitig unterhalten und improvisieren. Hannes Hug löst diese anspruchsvolle Aufgabe mit Bravour. Er hat die sehr seltene Gabe, dass er Qualitäten wie Witz, Ernsthaftigkeit, Spontaneität, Neugier, Blödsinn und Klugheit in sich vereint und sie mit viel Selbstironie ausspielen kann. Und ja: Er hört seinen Gästen sogar zu, lässt sie ausreden!

Happy Birthday

Der erste Talk am Freitag setzt die Latte sehr hoch. Ein Lastwagenfahrer im Publikum bedient das Signalhorn. Zuerst plaudert Hug mit der Sängerin Valerie June, roter Jupe, die Haare hochgesteckt, sehr «laid back». Sie bekennt, dass sie mit vielen Songs vertraut sei, aber längst nicht immer sagen könne, von wem dieses oder jene Stück sei. Weil June vor einem Auftritt die Ruhe schätzt, schenkt ihr Hug vor dem Verabschieden «ten seconds of silence».

Dann stakst das Blue-Balls-Covergirl Nina Nesbitt herein, mit blondem Haar und langen Beinen. Die Schottin ist nett und so, aber man bereut nicht, kein Ticket gekauft zu haben. Sängerin Debbie Harry von Blondie ist ihr grosses Vorbild. «A strong woman, independent, I like her style.» Da sie ein paar Tage zuvor 20 geworden ist, stimmt das Publikum «Happy Birthday» an. Nina ist gerührt. Fast überlegt man sich, doch noch ein Ticket zu kaufen.

Mit Ed Sheeran läuft der Talk zur Hochform auf. Auch der Lastwagenfahrer hupt jetzt dazwischen. Das seltsamste Interview, erzählt Sheeran, habe er in Japan gegeben. «Die Kamera und der Interviewer waren vor mir aufgebaut. Aber ich musste meine Antworten zur Katze sprechen, die auf dem Tisch lag.» Am Schluss bekommen auch die Zuhörer von Hug noch ihren Schmus: «Ihr seid ein Superpublikum. Wenn wir eine Massentrauung machen könnten, würde ich euch alle heiraten.»

Prolo-Punker

Samstag ist geworden, und die Sleaford Mods entern beim Pavillon die Bühne. Sie spülen den Kunstpop von Julia Holter ins Vergessen. Die beiden Briten lieben es deftig, in Klang und Wort. Ein wüster Beatstrom aus Rockriffs, Grime-Geknalle und plakativen Bässen wird per Laptop in Gang gesetzt, dann legt sich Rapper Jason Williamson ins Zeug. Seine Tiraden im East-Midlands-Slang pfeffern in zornigen, rotzigen und dreckigen Spoken-Word-Salven mit einer Inbrunst, die an die frühe Punk-Energie erinnert. Während sich Williamson fuckin’ fuckin’ die Seele aus dem Leib stampft, steht Andrew Fearn mit der Flasche Bier in der Hand hinter dem Laptop und wippt mit.

Ein Energiebündel pur, wenn auch feiner gezwirnt als bei den Brit-Prolos, sind The Animen, die am Sonntag die Pavillonkonzerte eröffnen. Die vier jungen Genfer sind eine astreine Gitarrenband. Sie spielen den Rock ’n’ Roll der 1950er, zitieren die frühen Beatles, Kinks und Byrds der 1960er-Jahre, fügen eine Prise Surf dazu und schmecken ab mit ihren Harmoniegesängen. Das kommt so lieblich wie roh und gefällt mit der Leidenschaft, die hier am Werk ist. Mehr «Blue Balls» will man gar nicht.