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Interview

Festival-Seelsorger Claude hat ein offenes Ohr für Metal-Fans

Auf Festivalbühnen sorgen laute Bands für gute Laune. Leisere Töne werden in der Ansprechbar der Festivalseelsorge Schweiz angeschlagen. Mittendrin: der Luzerner Religionspädagoge und Theologiestudent Claude Bachmann.
Roger Rüegger
Seelsorger an Festivals: Claude Bachmann. (Bild: Pius Amrein, Luzern, 4. Juli 2018)

Seelsorger an Festivals: Claude Bachmann. (Bild: Pius Amrein, Luzern, 4. Juli 2018)

Claude Bachmann, Festivals habe ich schon viele besucht. Von einer Festivalseelsorge habe ich aber noch nie gehört. Ich hatte auch nie das Gefühl, es bräuchte eine solche. Liege ich falsch?

Vermutlich liegt es daran, dass viele Leute Seelsorge vorneweg als etwas Negatives betrachten und meinen, man könnte sich nur melden, wenn man Hilfe benötigt.

Ist es nicht so?

Nein, absolut nicht. Wir haben ein offenes Ohr für alle Leute, die das Bedürfnis haben, über Schlechtes, aber eben auch über Gutes und Schönes zu reden. Insbesondere auch an Festivals.

Sie waren beim «Greenfield» in Interlaken zum ersten Mal mit der Festivalseelsorge an­wesend. Kommen die Leute an Festivals in das Zelt der Seelsorge, weil die Bands auf der Bühne so himmeltraurig spielen, dass man sich trösten lassen muss?

Warum nicht. Wenn eine Band so schlecht ist, dann kann man sich bei uns auskotzen, auch dafür haben wir ein offenes Ohr. Es ist doch egal, weshalb man kommt, wenn etwas nicht so läuft, wie es sollte, haben wir ein offenes Ohr.

Im Ernst: Was bedrückt Leute an einem Festival, wo man doch hingeht, um zu feiern?

Es sind immer dieselben, oder sagen wir, ähnliche Dinge, die angesprochen werden. Meistens geht es um Sinnfragen oder ganz allgemein über den Glauben oder Gott. Auch über das «Greenfield» und die Bands wurde viel diskutiert. Einige Male war aber auch der Tod eines nahen Menschen Thema, oder wenn es mit der Beziehung nicht mehr läuft. An Musikfestivals wird zwar gefeiert, und man will eine gute Zeit haben, doch wenn man sich austauschen will und es eben doch etwas gibt, das man besprechen will, dann fehlen an solchen Anlässen oftmals die Leute, die zuhören. Es ist auch oft Alkohol im Spiel, da werden viele Leute redselig.

Und da bieten Sie mit der Seelsorge Hilfe an?

Es ist nicht unsere primäre Aufgabe, jemandem zu helfen. Wir haben nicht die Haltung, dass es den Festivalbesucherinnen und Besuchern per se schlecht geht und wir die Lösung auf alle Probleme haben. Das wird oft falsch verstanden. Wir hören in erster Line zu und sind da, wenn sich Leute mit uns unterhalten möchten. Wenn sie dabei konkret Hilfe möchten, helfen wir natürlich sehr gerne.

Seid ihr auf einer Mission?

Auf gar keinen Fall. Die Ansprechbar ist ein ökumenisches Projekt, in welches am «Greenfield» rund 20 Leute involviert waren. Der Hauptinitiant ist Sämi Hug. Er ist der Pfarrer des Vereins Metalchurch, der unter anderen von der reformierten Kirche Bern-Jura-Solothurn unterstützt wird. Es handelt sich dabei also nicht um eine Sekte oder freikirchliche Bewegung. Die Festivalseelsorge ist weder missionierend noch bekehrend.

Das Zelt der Ansprechbar ist schwarz ausgestattet und mit Skeletten mit Instrumenten versehen. Dies lässt nicht als Erstes auf eine christliche Mission schliessen.

Warum nicht? Die Kirche probiert sich dort aus, wo sie sich bewegt. Uns ist Authentizität wichtig. Da wir von der Festivalseelsorge alle Metaller beider Geschlechter und überzeugte Christen sind, war uns das wichtig. In der christlichen Tradition spielt Musik eine grosse Rolle. Sie ist eine Form, um Emotionen auszudrücken. Das darf durchaus auch brachial und laut sein, eben in Form von Metal-Rock. Die Bibel besteht ja auch nicht nur aus netten Geschichten, sie ist zum Teil auch brachial, und manch einer legt sich mit Gott an. Das passt also sehr gut.

Gehen Sie am Festival auch unter die Leute und werben für Ihr Anliegen?

Wir gehen insofern zu den Leuten, dass wir Präsenz zeigen und uns auf dem Festivalgelände bewegen. Aber wir gehen nicht offensiv auf Festivalbesucher zu und versuchen, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Ziel ist schlussendlich schon, dass wir als Kirche rausgehen zu den Menschen, denn der Glaube spielt sich ja nicht nur im Inneren einer Kirche ab, sondern im konkreten Lebensalltag, auch an Festivals.

Welche Leute besuchten die Ansprechbar?

Es waren zu einem grösseren Teil junge Männer, aber selbstverständlich besuchten auch Frauen die Ansprechbar. Einmal hat sich eine Gruppe von fünf jungen Frauen gefunden. Wir haben uns dann über eine Stunde über Berufe unterhalten. Natürlich gab es auch tiefere Gespräche, in denen Probleme besprochen wurden. Wie gesagt, wir haben für alle ein offenes Ohr, das ist auch das Logo auf unseren T-Shirts.

Wie viele kamen an die Bar?

Die absolute Killerfrage. Alle wollen wissen, wie viele Leute da waren. Niemand fragt, ob es gut war, ob sich die Leute wohl gefühlt haben. Wir machen Seel-Sorge und nicht Zahlen-Sorge! Ich erlebte das auch als Jugendseelsorger in Pfarreien. Immer wollte die vorgesetzte Person den Erfolg anhand der Zahlen messen. Wenn ich antwortete, dass nur acht junge Leute anwesend waren, wurde die Jugendarbeit schon in Frage gestellt. Wenn man umgekehrt fragte, wie viele Leute am Gottesdienst waren, kam dies bei den entsprechenden Personen gar nicht gut an. Vermutlich waren nicht mehr Leute anwesend.

Hat die Festivalseelsorge guten Anklang gefunden?

Es ist mir persönlich keine einzige negative Rückmeldung zu Ohren gekommen. Ich sage es jetzt trotzdem, weil wir bei diesem Pilotprojekt natürlich die Zahlen erfassen mussten, damit wir die Sache auswerten können. Es waren bei 300 Gesprächen rund 400 Personen bei uns an der Bar. Davon etwa 250 Männer zwischen 20 und 30 Jahren. Wenn man es an der Zahl messen will, dann ist es ein Erfolg.

Gab es Leute, die sich an der Seelsorge am Festival störten und meinten, die Kirche hätte nichts verloren da?

Vielleicht hat der eine oder andere lächelnd den Kopf geschüttelt. Aber wir selber wurden nie blöd angemacht oder provoziert.

Wie kam die Idee?

Sämi Hug hat Metal-Festivals in Deutschland besucht. In Wacken und am «Summer Breeze» sind Seelsorger im Einsatz. Warum also nicht auch in der Schweiz.

Ein cooler Arbeitsplatz, nicht?

Das wäre tatsächlich so. Aber wir sind nicht auf Arbeit, sondern Festivalseelsorger aus Überzeugung und tun dies ehrenamtlich.

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