FILM: Warum Alena Ehrenbold nie im Trüben surft

Die Luzerner Surferin und Regisseurin Alena Ehrenbold (34) ist auf dem Brett schon mehrfach Haien begegnet. In ihrem zweiten Surffilm «Blue Road» geht es dagegen weniger um Gefahr als um Passion – und um ganz existenzielle Fragen.

Turi Bucher
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Alena Ehrenbold ist nicht nur Regisseurin, sondern auch die beste Surferin der Schweiz. (Bild: Jonathan Josse (30. April 2017))

Alena Ehrenbold ist nicht nur Regisseurin, sondern auch die beste Surferin der Schweiz. (Bild: Jonathan Josse (30. April 2017))

Alena Ehrenbold, nach «I wanna Surf» kommt bereits Ihr zweiter Surf-Film ins Kino: «Blue Road». Wieso soll ich ihn mir als Nicht­surfer, ja, als Nichtschwimmer, anschauen?

Zum Beispiel, weil es darin nicht ausschliesslich ums Surfen geht. Der Film porträtiert drei Surferinnen, die sich mit verschiedenen Fragen konfrontiert sehen. Etwa welche Rolle die Leidenschaft in einem Leben spielen soll. Oder wie man die richtigen Entscheidungen trifft. Kurz: Die drei Frauen sind auf der Suche nach dem Glück. Ausserdem wurde ein Teil des Films in den Schweizer Bergen, beim Skifahren, gedreht. Die Schneefans kommen also auch auf ihre Kosten. Und der Film zeigt wunderschöne Landschaftsaufnahmen von Hawaii, Asien und Frankreich.

War Ihr erster Film eigentlich ein Erfolg?

«I wanna Surf» habe ich damals gemeinsam mit Filmemacher Timon Rupp sowie den Co-Produzenten Sophie Bürgin und Mike Eymann realisiert. Der Film lief an mehreren Filmfestivals und hat neuen Schwung in die Schweizer Surfszene gebracht.

Sie sind nicht nur Surf-Filmregisseurin, sondern auch die beste Schweizer Surferin.

Vor zwei Jahren habe ich meine Stelle als Gymnasiallehrerin für Wirtschaft und Recht in der Schweiz aufgegeben und voll auf die Karte Surfen gesetzt. Seither surfe ich für Projekte, coache andere Surfer, schreibe für verschiedene Magazine und meine eigenen Filmskripte.

In drei Jahren ist Surfen in Tokio erstmals eine olympische Sportart. Werden Sie in Japan mit dabei sein?

Nun, es dürfen weltweit nur rund zwanzig Frauen teilnehmen. In den Top 20 der Weltrangliste sind derzeit ausschliesslich Frauen aus Australien, den USA, Brasilien und Frankreich vertreten.

Ein solch enges Teilnehmerfeld entspräche ja nicht gerade dem olympischen Gedanken.

Trotzdem ist es absolut illusorisch, dass die Schweiz in Tokio mitsurfen wird. Obwohl sich das Niveau der Schweizer Surfer sehen lassen darf. Ich surfe zum Beispiel nicht für die Weltrangliste, sondern wettkampfmässig nur mit der Schweizer Mannschaft.

Deren Namen wiederum nicht sehr schweizerisch tönen ...

Stimmt. Das Schweizer Team besteht hauptsächlich aus Surfern mit Wurzeln in Portugal, Australien und Costa Rica. Es ist halt ähnlich wie bei der Fussball-Nati.

Weil das Meer gnadenlos unfair ist beziehungsweise jede Welle anders, heisst es, dass an den Olympischen Spielen in Tokio in einem Pool mit «einheitlichen Wellen auf Knopfdruck» gesurft werden soll.

Den Pool finde ich tipptopp – zum Trainieren. Doch zu unserem Sport gehört für mich das Meer als Variable zwingend dazu. Denn hier muss sich ein Surfer an jede Welle anpassen können. Kurz: Surfen als olympische Disziplin unbedingt, aber bitteschön auf dem Meer.

Apropos Meer: Ihr Surfer habt es ja schön, seid immer an den schönsten Stränden, immer an der Sonne, macht Party ...

Ich glaube, das habe ich jetzt oft genug erklärt: Diese Sichtweise entspricht einem Klischee. Gerade für Schweizer ist es schwierig, sich im Surfsport sozusagen «über Wasser zu halten».

Sie selber haben kürzlich beschrieben, worauf die Jury bei einem Surfwettkampf achtet. Nämlich auf die Kraft, Schnelligkeit, Flüssigkeit, Radikalität, Innovation und Varietät. Wo sind Sie stark, wo können Sie sich verbessern?

Da ich als Luzernerin nicht am Meer aufgewachsen bin und mir das Surfbrett nicht in die Wiege gelegt wurde, kann ich sicher in Sachen Radikalität und Innovation noch zulegen. Bewertet wird hier, wie man eine Welle angreift, wie steil man die Welle hochschiesst. Die Schnelligkeit und die Kraft wiederum zähle ich zu meinen Stärken.

Welches sind Ihre Lieblings-Surfdestinationen?

Indonesien, Frankreich, Hawaii.

Haben Sie schon Hai-Attacken erlebt?

In Indonesien bin ich schon mehrmals Haien begegnet, in Australien auch. Wenn man den Hai sieht, dann geht das ja noch, dann sollte man Hände und Füsse aus dem Wasser nehmen und ruhig bleiben.

Und wenn man den Hai nicht sieht ...

... dann ist es meistens zu spät, weil das Tier von unten angreift. Eine Regel besagt, dass man nicht in trübem Wasser surfen soll. Denn dann begibt man sich sozusagen freiwillig in den Fresstopf des Hais. Haie sehen nicht gut und beissen dann halt einfach mal so zu, weil sie einen Fuss für einen Fisch halten.

Waren Sie schon einmal in Lebensgefahr?

Weniger durch die Begegnungen mit Haien. Dafür wurde es auf dem Brett schon heikel: 2013 hat es mich in Portugal so richtig «überstellt» und unter Wasser gedrückt. Das ist dann schon nicht dasselbe, wie wenn man in der Badewanne untertaucht und die Luft anhält. Zum Glück weiss ich mittlerweile grosse Wellen immer besser einzuschätzen.

Schwere Verletzungen?

Surfen ist ein verletzungsarmer Sport. Klar, wenn man im Wasser ist und einem das Surfbrett an den Kopf knallt, ist das sehr problematisch. Ich habe auch schon eine Rippe gebrochen oder mir mit Stürzen auf Riffs Narben eingehandelt. Einmal hat es mir vom gewaltigen Druck des Wassers den Oberschenkelknochen in die Hüftpfanne verschoben, das war meine schlimmste Verletzung.

Haben Sie zum Schluss noch einen guten Surferwitz?

Nun, es gibt den Schweizer Surfer-Witz, dass man den Surferkollegen vor dem nahenden Hai warnen will, indem man ihm laut «Hai» zuruft. Wenn es aber ein amerikanischer Surferkollege ist, dann ruft der lediglich «Hi» zurück.

Interview: Turi Bucher

arthur.bucher@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Premiere des Films «Blue Road» ist am 7. Juni im Luzerner Kino Bourbaki. Der Billett-Vorverkauf läuft ab 15. Mai. Weitere Infos: <i>blueroadsurffilm.com</i>