FINANZEN: Die Zahl der reuigen Steuersünder steigt

Noch nie haben sich in unserer Region so viele Steuerhinterzieher selber bei den Behörden gemeldet wie 2015. Experten wissen, was die Sünder zur Einsicht bringt.

Matthias Stadler
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Immer mehr Personen melden ihr Schwarzgeld freiwillig den Behörden. (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)

Immer mehr Personen melden ihr Schwarzgeld freiwillig den Behörden. (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)

Es scheint, dass bei Steuerhinterziehern die Angst umgeht – die Angst vor den Steuerkontrolleuren. Noch nie haben sich in der Zentralschweiz so viele Personen, die Steuern hinterzogen haben, selber bei den Behörden angezeigt wie im vergangenen Jahr. 886 Verfahren waren es 2015, wie Recherchen unserer Zeitung zeigen (siehe Tabelle).

Seit 2010 besteht in der Schweiz die Möglichkeit, eine Selbstanzeige zu machen und nicht deklarierte Vermögen oder Einkommen nachträglich den Behörden anzugeben. Darauf müssen Nachsteuern bezahlt werden – aber keine Busse. Eine solche straflose Deklaration ist einmal im Leben möglich.

Markanter Sprung in Zug

Spitzenreiter im Jahr 2015 in der Zentralschweiz ist der Kanton Luzern. 381 Personen haben sich letztes Jahr selber angezeigt, wie das Finanzdepartement auf Anfrage bekannt gibt. Das ist im Kanton der zweithöchste je gemessene Wert – gleich nach dem Jahr 2014. Damals lag die Zahl gar bei 422 Verfahren. Dank dieser Selbstanzeigen hat Luzern 6,7 Millionen Franken mehr eingenommen. Bei den Bundessteuern gab es ein Plus von 1,7 Millionen Franken.

Einen markanten Sprung vermelden die Zuger. Gab es 2014 noch 107 Selbstanzeigen, waren es im vergangenen Jahr 162 – so viele wie noch nie. Guido Jud, Leiter der Steuerverwaltung des Kantons Zug, erklärt, dass er keine «gesicherte Kenntnis» habe, weshalb die Selbstanzeigen eingingen und warum die Zahl so stark gestiegen sei.

Der Kanton Schwyz verzeichnete ebenfalls einen starken Anstieg. 2010 zeigten sich 104 Steuersünder selber an, 2015 lag diese Zahl bei 237 – so viel wie noch nie. Dabei gab es laut dem «Boten der Urschweiz» einen spektakulären Fall: Eine Person hat ein nicht deklariertes Vermögen von 20 Millionen Franken gemeldet, was dem Kanton 830 000 Franken an Nachsteuern einbringt.

In Nidwalden gingen vergangenes Jahr 59 Selbstanzeigen ein, was einem Steuerbetrag von 3,4 Millionen Franken für Gemeinden, Kanton und Bund entspricht. In Obwalden meldeten sich 34 Personen. Rund 0,3 Millionen Franken gelangen dadurch in die Kasse, was allerdings ein vorläufiger Wert ist, da viele Fälle laut dem Finanzdepartement noch nicht abgeschlossen sind. In Uri hingegen zeigt sich eine sinkende Tendenz. 2010 gab es 27 Verfahren, im vergangenen Jahr noch deren 13.

Banken empfehlen Deklaration

Christoph Lengwiler, Leiter des Instituts für Finanzdienstleistungen Zug der Hochschule Luzern, weiss, wieso die Zahl der Fälle von Selbstanzeigen steigt. «Immer mehr Leuten wird bewusst, dass diese Möglichkeit überhaupt existiert.» Zudem würden Steuerberater und Banken ihren Kunden empfehlen, ihre Vermögens- und Einkommensverhältnisse korrekt zu deklarieren und die steuerlichen Altlasten zu bereinigen. «Die Banken akzeptieren es heute auch bei inländischen Kunden nicht mehr, wenn diese offensichtlich undeklarierte Vermögen haben und Steuern hinterziehen», sagt Lengwiler. Dass sich die Beträge jedes Jahr stark unterscheiden, sei Zufall. Wenn eine Person einen grossen Betrag angebe, habe dies einen starken Einfluss auf das Ergebnis. Lengwiler erwartet, dass die Anzahl der Selbstanzeigen in den nächsten Jahren auf ähnlichem Niveau bleiben oder sogar steigen wird. «Mittelfristig wird sich die Zahl der Selbstanzeigen verringern, weil weniger Leute nicht deklarierte Vermögen haben.»

Andrea Opel, Assistenzprofessorin für Steuerrecht an der Uni Luzern, weist zudem darauf hin, dass die Bevölkerung heute weniger Toleranz gegenüber Steuersündern aufbringe als früher. «Steuerdelikte galten lange als Kavaliersdelikt. Dem ist heute nicht mehr so.»

Matthias Stadler

Die Selbstanzeigen in den Zentralschweizer Kantonen. (Bild: Kantone)

Die Selbstanzeigen in den Zentralschweizer Kantonen. (Bild: Kantone)