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FINANZEN: Schulden wurzeln oft schon in der Jugend

Bei unerwarteten Vorfällen kann sich über Nacht ein riesiger Schuldenberg auftürmen. Oftmals erfolgt der Einstieg in die Schuldenspirale aber bereits bei den ersten Erfahrungen im Umgang mit dem Geld.
Ismail Osman
Auf junge Menschen kommen mit dem ersten Geld ganz neue Herausforderungen zu. (Bild: Illustration: Oliver Marx)

Auf junge Menschen kommen mit dem ersten Geld ganz neue Herausforderungen zu. (Bild: Illustration: Oliver Marx)

Ismail Osman

ismail.osman@luzernerzeitung.ch

Männlich, 29 Jahre alt, 100 000 Franken Schulden, Betreibungen wegen ausstehenden Steuern, Krankenkassenprämien und Kreditkartenzahlungen. Seit sieben Jahren wird gepfändet. So können Profile von Menschen aussehen, wenn sie bei Barbara Bracher Hilfe suchen. Bracher ist Leiterin der Fachstelle für Schuldenfragen in Luzern. «Viele unserer Klienten haben zu dem Zeitpunkt, wo sie unsere Hilfe suchen, bereits eine lange Geschichte der Verschuldung», sagt Bracher. Ist der Überblick über ausstehende Rechnungen, Mahnungen und Betreibungen erst einmal verloren, dreht sich die Schuldenspirale immer schneller: «Ab Ausständen von 30 000 Franken können Schulden ohne weiteres Zutun rasant weiter in die Höhe schnellen.»

Stark verschuldete Klienten wieder auf finanziell gesunde Beine zu bekommen, ist jeweils ein langer Prozess, der drei und mehr Jahre dauern kann. «Die Überschuldung beginnt früh», weiss Bracher aus Erfahrung. «Unsere Klienten und Klientinnen sind meist über 30 Jahre alt, die Wurzeln der Überschuldung liegen aber oft schon lange zurück, meist zwischen sechs bis zehn Jahren.»

Eltern nehmen Schlüsselrolle ein

Die Herausforderungen beim Umgang mit dem Geld manifestieren sich demnach bereits während der Jugend oder spätestens als junge Erwachsene. In dieser Zeit müssen auch die Weichen gestellt werden. «Im Zentrum steht meist der Umgang mit Konsumgütern, wie etwa Smartphones oder andere elektronische Geräte, oder das Ausgangsverhalten», sagt Marcus Nauer, Leiter des Sozialberatungszentrum Region Entlebuch, Wolhusen und Ruswil. Das Zentrum bietet unter anderem auch Jugendberatungen an. Diese kommen zwar oftmals nicht explizit wegen Geldsorgen zur Beratung. Geld ist aber nicht selten ein Faktor von übergeordneten Problemen. «Neuere Konsummöglichkeiten wie der Online-Versandhandel, der auf Rechnung liefert, oder Online-Gaming, bringen auch neue finanzielle Risiken mit sich», sagt Nauer. Er hält aber auch fest, dass die meisten Jugendlichen sehr gut mit dem Geld umzugehen wüssten.

Bei Geldfragen spielen die Eltern ganz klar eine Schlüsselrolle: «Der Umgang mit Geld will gelernt sein. Die Eltern dienen dabei – im positiven oder negativen Sinn – immer als Vorbilder», ist Nauer überzeugt. Wie der Umgang mit Geld vorgelebt wird, sei entscheidend. «Natürlich ist es einfacher, wenn man innerhalb der Familie darüber spricht, als wenn es ein Tabuthema ist, das nur Mutter und Vater was angeht.»

Das Modell Jugendlohn verspricht Prävention

Die Rolle der Eltern streicht auch Claudia Meier Magistretti, Professorin an der Hochschule Luzern (HSLU), hervor. Sie verfasste in den vergangenen Jahren mehrere Studien und Evaluationen zum Thema Schuldenprävention bei Jugendlichen. So evaluierte sie auch zuletzt gemeinsam mit Professorin Anne Hermann von der Fachhochschule Nordwestschweiz den Nutzen eines Jugendlohnes. Bei diesem Erziehungsmodell handeln Eltern und Kinder einen Vertrag aus, bei dem die Jugendlichen ab 12 Jahren einen fixen «Monatslohn» zwischen 100 und 300 Franken bekommen und im Gegenzug für einen vereinbarten Teil der Lebenskosten selbst verantwortlich sind. Der Jugendlohn soll die Kompetenzen im Umgang mit Geld fördern (Artikel vom 21. März).

«Die Eltern sind in Geldfragen für Jugendliche interessanterweise ein normativer Faktor. Das heisst, Jugendliche fragen die Eltern in diesem Belange nach Rat – sonst ist in dieser Phase ja eher Auflehnung gegen die Eltern angezeigt.» Damit ein Modell wie der Jugendlohn aber wirklich funktionieren kann, müssen mehrere Faktoren zusammenspielen. «Sowohl die Jugendlichen wie auch die Eltern müssen den Jugendlohn wirklich wollen», sagt Meier. Zentral sei zunächst eine klare Vereinbarung der Verantwortlichkeiten. Danach ist aber auch Durchhaltevermögen gefragt: «Man muss es akzeptieren und aushalten können, wenn die Jugendlichen zunächst Fehler machen.» Es brauche dann auch die nötige Konsequenz, nicht mit weiterem Geld auszuhelfen.

Die Jugendlichen seien aber nicht selten einfallsreich, wenn es ums Geld geht, stellte Meier Magistretti im Rahmen ihrer Evaluationen des Jugendlohnmodells fest. Sie verweist etwa auf das Beispiel eines Jungen, der mit dem ersten Jugendlohn gleich eine Playstation kaufte, dann aber merkte, dass ihm einerseits Geld für Notwendiges fehlte und dass anderseits seine Freude am Spiel nicht sehr andauernd war. Er verkaufte die Playstation online wieder und erhielt dafür fast den Neupreis. Wäre das Gerät ein Geschenk gewesen, wäre es wohl einfach in der Ecke gelandet, bemerkte die Mutter des Jungen. «Ein ‹Langzeiteffekt› ist, dass die Jugendlichen ihre Kaufimpulse besser regulieren und reflektiertere Käufe tätigen können», sagt Meier Magistretti. So wird beispielsweise zweimal abgewogen, ob die Trend-Jeans mit den vorgefertigten Löchern die Investition auch wirklich wert ist. Natürlich spielt das soziale Umfeld gerade bei Themen wie Mode eine Rolle beim Kaufentscheid. Gemäss ihrer Erfahrung ist dies jedoch häufiger bei jungen Männern ein Thema: «Definiert sich die Peergroup durch Materielles, können nach einem Statusverlust in der Gruppe Kaufentscheide plötzlich vor diesem Hintergrund gefällt werden.»

Sowohl Barbara Bracher von der Schuldenberatung wie auch Marcus Nauer von der Sozialberatung werten das Jugendlohn-Modell als grundsätzlich positive Präventionsmassnahme. Es seien aber noch weitere Faktoren zu berücksichtigen, merken beide an. «Planung ist elementar», sagt etwa Bracher. «Wichtig ist zudem, eine gesunde Resilienz zu entwickeln. Beispielsweise, sich nicht durch Äusserlichkeiten und Materielles zu definieren.» Marcus Nauer hält zudem fest, dass das Modell Jugendlohn auch seine Grenzen habe: «Für eine Familie mit drei oder vier heranwachsenden Kindern oder tiefem Einkommen kann es schnell schwer werden, jedem einen monatlichen Lohn auszubezahlen.»

Neue Studie über Jugendarbeitslosigkeit

Claudia Meier Magistretti und Anne Hermann arbeiten derweil bereits an der nächsten Studie in Sachen Schuldenprävention. Diese wird ihren Fokus auf eine besondere Risikogruppe für Verschuldung richten: jugendliche Arbeitslose, die keine Lehrstelle fanden oder nach einem Lehrabbruch keine Anschlussmöglichkeiten hatten. Dieses Thema dürfte interessieren: Im Kanton Luzern stieg die Arbeitslosenquote bei den 15- bis 24-Jährigen von zuletzt 2,3 auf 2,4 Prozent.

Hinweis

Mehr Informationen zur Schuldenberatung,zu Sozialberatungszentren im Kanton Luzern sowie zum Jugendlohn finden Sie unter www.lu.schulden.ch, www.sobz.ch und www.jugendlohn.ch.

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