«First Responder» – oder wenn Ihr Lebensretter an der nächsten Strassenecke warten könnte

Ab Montag sind im Kanton Luzern die ersten First Responder im Einsatz. Insgesamt 200 medizinisch ausgebildete Freiwillige stellen sich dann zur Verfügung, bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand erste Hilfe zu leisten. Alarmiert werden sie per App.

Pascal Studer
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Agieren im Notfall unter grösstem Zeitdruck: Rettungskräfte des Notrufs. (Bild: Corinne Glanzmann, Luzern, 14. Dezember 2015)

Agieren im Notfall unter grösstem Zeitdruck: Rettungskräfte des Notrufs. (Bild: Corinne Glanzmann, Luzern, 14. Dezember 2015)

Im ganzen Kanton Luzern erleidet jeden Tag eine Person einen Herz-Kreislauf-Stillstand. Das Leben hängt dann jeweils an einem seidenen Faden. Was dann vor allem zählt, ist Zeit: Gemäss einer Mitteilung des Luzerner Kantonsspitals (Luks) sinken mit jeder verstrichenen Minute, in welcher die Betroffenen nicht versorgt werden, die Überlebenschance um 10 Prozent. Frappant ist dabei, dass der Rettungsdienst durchschnittlich erst 10 bis 12 Minuten nach der Alarmierung am Ort des Geschehens eintrifft.

Wer diese kleine Milchbüechli-Rechnung zu Ende führt, erkennt: Eigentlich kommt der Rettungsdienst in diesen Fällen immer zu spät. Doch wer alle Betroffenen eines Herz-Kreislauf-Stillstands zu den Todgeweihten zählt, verkennt eines: die Zivilcourage der Schweizer Bevölkerung.

App optimiert Reaktionszeiten der Freiwilligen

Zivilcourage scheint in der Luzerner Bevölkerung einen hohen Stellenwert zu besitzen. Über 200 First Responder – also sogenannte Ersthelfer mit medizinischer Ausbildung – sind nämlich aus allen Regionen des Kantons Luzern ab nächster Woche im Einsatz. Die freiwilligen Nothelfer haben dabei nur ein Ziel: Leben retten.

Das entsprechende System haben in den vergangenen Monaten das Luzerner Kantonsspital zusammen mit dem kantonalen Gesundheits- und Sozialdepartement aufgebaut. Das Konzept sieht wie folgt aus: Per App erhalten die Freiwilligen über eine speziell entwickelte App eine Alarmierung. Dann soll so schnell wie möglich geholfen werden. Wie das genau funktioniert, erklärt Manuel Wanzenried, Leiter Rettungsdienst Luks:

«Die möglichen Einsatzgebiete der registrierten First Responder werden durch die Nutzer in der App angewählt. Die Alarmierungsplattform sendet bei einem Einsatz allen auf das jeweilige Einsatzgebiet gemeldeten First Respondern via Smartphone-App eine Push-Meldung.»

Ist einer dieser First Responder in der Lage, innert nützlicher Frist erste Hilfe am entsprechenden Einsatzort zu leisten, so bestätigt er seine Verfügbarkeit. Das System wählt sodann die nächst verfügbaren Freiwilligen aus und übergibt den Einsatzauftrag. Somit kann jeweils rasch reagiert werden.

Die First Responder werden also nach ihrer freiwilligen Verfügbarkeit und, was noch viel wichtiger ist, ihrem geografischen Standort ausgewählt. Im Kanton Luzern sind die Freiwillige gleichmässig verteilt: Sie kommen aus allen Teilen des Kantons sowie den Randgebieten der umliegenden Kantone. Dass ein Entlebucher also ein Einsatz in der Stadt Luzern hat, ist aus diesen Gründen praktisch nicht möglich. Die Einsatzorte beschränken sich allerdings auf den Kanton Luzern.

Spezifische Zertifikate als Voraussetzung

Doch wer kann alles First Responder werden? Reicht ein ausgeprägtes Helfersyndrom ohne medizinischen Hintergrund? Die bisher 200 Helfer kommen gemäss Mitteilung aus allen beruflichen Branchen. Das Luks hat dennoch genaue Vorstellungen an das Anforderungsprofil: Primär müssen die Freiwilligen eine zertifizierte Ersthelfer-Ausbildung bei Herz-Kreislauf-Stillstand abgeschlossen haben – oder wie man es im Fachjargon nennt: ein gültiges BLS-AED-SRC Zertifikat Wiederbelebung (BLS) sowie Automatischer Externer Defribillation (AED). Diese Diplome sind allerdings nicht Teil der First Responder-Ausbildung. Manuel Wanzenried sagt dazu:

«Die Basisausbildung muss vorgängig bei einem frei wählbaren Bildungsinstitut abgelegt werden. Grundsätzlich braucht es aber keinen medizinischen Background.»

Zum vorausgesetzten Zertifikat dazu müssen die Freiwillige die entsprechende zweistündige Informationsveranstaltung am Luks besucht haben, volljährig sein und über ein Smartphone verfügen.

Andere Kantone leisteten erfolgreiche Pionierarbeiten

Das Konzept der First Responder fusst auf Freiwilligkeit. Die Helfer müssen sich also nicht davor fürchten, rund um die Uhr einen zwingenden Anruf zu erhalten. Wanzenried präzisiert die Verantwortung der First Responder wie folgt: 

«Die First Responder bieten eine wichtige Ergänzung zum Regelrettungsdienst. Sie können sich jederzeit unbegründet via App abmelden, womit sie keine Einsatzanfragen mehr erhalten.»

Bei der Ausarbeitung des Konzepts konnten das Luks und das kantonale Gesundheits- und Sozialdepartement auf Erfahrungen von anderen Kantonen profitieren. Insbesondere der Kanton Tessin hat wichtige Pionierarbeit geleistet. Wie SRF letzten Februar berichtete, erhöhen die medizinisch ausgebildeten Laienhelfer die Überlebenschancen deutlich – in der Sonnenstube der Schweiz sogar um weit als mehr das Doppelte. Auch im Kanton Bern, welcher die Idee der Tessiner als erster übernommen hat, verspricht man sich viel von den freiwilligen Helfern.

Manuel Wanzenried ist ähnlich optimistisch: Mit den First Repondern könne die Überlebenschancen von Menschen mit Herz-Kreislauf-Stillständen deutlich erhöht werden. Wie viel mehr Überlebende es dann tatsächlich gäbe, will er nicht beziffern: «Eine genaue Prognose zu machen, ist sehr schwierig.» Beruhigend ist es jedoch allemal, dass ab nächster Woche an jeder Luzerner Strassenecke ein Schutzengel warten könnte, der Leben rettet.