FISCHEREI: Welse bringen Hechte in Not

Im Sempachersee leben immer mehr Welse. Die Riesenfische haben ­einen Haken: Sie gehören gar nicht hierher und ­bedrohen ­heimische Arten.

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Der gefrässige Wels (oben) wird dem einheimischen Hecht (unten) im Sempachersee gefährlich. (Bild: Keystone/Getty)

Der gefrässige Wels (oben) wird dem einheimischen Hecht (unten) im Sempachersee gefährlich. (Bild: Keystone/Getty)

Evelyne Fischer

«Wer den Wels seinerzeit ausgesetzt hat, weiss kaum, welchen Schaden er angerichtet hat.» Philipp Amrein, Fachleiter Jagd und Fischerei, von der kantonalen Dienststelle Landwirtschaft und Wald (Lawa), ist beunruhigt. Was mit Einzelfängen vor sechs Jahren begann, ist mittlerweile mit stattlichen Erträgen in der Statistik verzeichnet. «Die Entwicklung des Wels-Bestandes ist uns ein Dorn im Auge. Dieser Fisch hat im Sempachersee nichts verloren.» Von einem «enormen Eingriff ins Öko­system» ist die Rede. Über die Beweggründe dafür kann Amrein nur spekulieren. Vielleicht sei es die Hoffnung auf den fleischigen Fang gewesen. Immerhin ist der Wels mit bis zu zwei Metern Länge der grösste europäische Süsswasserfisch.

Heimisch ist der Wels im Bodensee, im Rhein oder in der Aare. In der Zentralschweiz hingegen gilt er als gebietsfremd und als «eine echte Bedrohung» für hiesige Arten. «Der Wels saugt den Boden gezielt nach Jungfischen und Laichen ab.»

Krankheitsrisiko steigt

Zugenommen hat auch der Bestand an Sonnen- und Kaulbarschen. Dies hält Berufsfischer Andreas Hofer vom gleichnamigen Familienbetrieb in Oberkirch im Jahresbericht des Landschaftsschutzverbands Pro Sempachersee (siehe Kasten) fest. Wie der Wels sind auch Kaul- und Sonnenbarsch gebietsfremd. «Die Raubfische vermehren sich massenhaft, sind für Berufsfischer aufgrund ihrer geringen Grösse total uninteressant und für das Ökosystem gar eine Gefahr», so Hofer. «Werden Fische aus einem anderen Gewässer eingesetzt, steigt das Risiko von Krankheiten, und die einheimischen Arten werden verdrängt.»

Gegen die stetige Zunahme fremder Arten sind die Fischer machtlos. «Mit diesem Übel müssen wir leben», sagt Philipp Amrein vom Lawa. Um wenigstens die Vermehrung nicht zusätzlich zu beschleunigen, gilt für sie weder ein Schonmass noch eine Schonzeit. «Wer einen Wels oder Sonnenbarsch fängt und diesen wieder in den See freilässt, macht sich gemäss Bundesgesetz über die Fischerei sogar strafbar.»

Hechte gehen massiv zurück

Der Sempachersee ist schweizweit der ertragreichste See gemessen am Fang pro Hektar Seefläche. Doch der heimische Fischbestand sorgt für Kopfzerbrechen: Die Hecht-Erträge nehmen massiv ab. Der Rückgang in Zahlen: Wurde im Jahr 2009 von Berufsfischern ein Ertrag von rund 850 Kilogramm verzeichnet, waren es 2013 noch gut 600 Kilogramm. «Die steigenden Wels-, Kaul- und Sonnenbarsch-Bestände dürften ein Grund dafür sein», sagt Berufsfischer Hofer.

Um der heimischen Fischpopulation auf natürlich Art und Weise nachzuhelfen, betreiben Hofers eine eigene Aufzuchtanlage, in der die Eier ausgebrütet werden. Doch dafür braucht es erst laichreife Hechte. «Keinen einzigen fingen wir im letzten Jahr», sagt Hofer. «So etwas habe ich noch nie erlebt.» Heuer sehe es ähnlich aus. «Gerade mal ein laichreifer Hecht ging ins Netz.» Könnten über Jahre keine Jungfische ausgesetzt werden, müsste man solche zukaufen. «Dafür bräuchte es aber eine kantonale Bewilligung. Und die Gefahr ist gross, Krankheiten einzuschleppen.»

Für Laichplätze sorgen

«Aus heutiger Sicht ist die Situation der Hecht-Bestände noch nicht alarmierend», sagt Philipp Amrein vom Lawa. Bei den Erträgen habe es schon immer Schwankungen gegeben. Dennoch sei es wichtig, an den bisherigen Aufwertungsmassnahmen festzuhalten. Sprich: Ufer abzuflachen, Schilfgebiete anzupflanzen. «Das sind ihre beliebten Laichplätze.»

Auch Felchen brauchen Hilfe

Nachgeholfen wird auch der Felchenpopulation. «Es wäre unser Ziel, dass sich der Fisch dereinst wieder selber fortpflanzen würde», sagt Amrein. «Im Moment sind wir davon aber noch meilenweit entfernt.» Der Felchen lege seine Eier im ganzen Seegebiet, ­bevorzugt aber an sandig-kiesigen Uferpartien ab. Diese werden häufig von Feinsedimenten überdeckt, die die Zuflüsse mit sich bringen. Die Folge: «Die Eier gehen zugrunde.» Ein Grund für das Eingreifen von Menschenhand ist ferner in der Wasserqualität zu finden: Trotz Seebelüftung ist die Phosphorkonzentration weiterhin hoch. «Dies kurbelt das Pflanzen- und Algenwachstum an.» Das Wachstum wie auch die Zersetzung verbrauchen Sauerstoff, der den Fischeiern später fehlt.