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Fischfutter, Kompostkühler, Zellanalyse: Wie Luzerner Startups das Klimaproblem anpacken

Start-up-Firmen im Technopark Luzern reagieren mit spannenden Erfindungen auf den Klimanotstand. Ein Besuch in Root.
Stephan Santschi

«Das Klima retten – von der Idee zum Erfolg.» So lautete vor kurzem die Überschrift der Gesprächsrunde «Talk Plus», die jährlich vom Technopark Luzern durchgeführt wird. Der weltweite Klimawandel ist in aller Munde, der Druck nach Veränderung gross. «Doch besser als Forderungen sind innovative Lösungen», sagt Hansruedi Lingg und betont: «Unsere Start-ups sind Vorbilder und wagen sich an die Klimaprobleme.»

Lingg ist CEO des Technoparks im Rooter Industrieareal D4. Start-up-Firmen erhalten hier seit 2003 unternehmerische Hilfe bei ihrem Einstieg in den Markt. 35 Firmen beheimatet der Technopark derzeit und bemerkenswert ist: Zehn davon, also fast ein Drittel, widmen sich dem Klimaproblem. Bei unserem Besuch durch die Räumlichkeiten des Technoparks treffen wir auf eindrückliche Geschäftsideen, die bereits umgesetzt werden oder kurz vor der Realisierung stehen:

Besseres Futter für Fische

(Bild: Manuela Jans-Koch, Root, 19. September 2019)

(Bild: Manuela Jans-Koch, Root, 19. September 2019)

Duncan Sutherland ist CEO der Firma «TwentyGreen».

Die Überfischung der Weltmeere und die teils miserablen Bedingungen in Fischzuchten haben den Sohn einer Luzernerin und eines Australiers zum Handeln bewogen. Sein Produkt ist ein grünes Pulver, «ein Gemisch aus Bakterien und Algen», wie er erklärt. Gedacht ist es als Zusatz für Fischfutter, auf eine Tonne kommen rund fünf Kilo seines Extraktes. «So reduzieren wir die Sterblichkeit der Zuchtfische um zehn Prozent.»

(Bild: Manuela Jans-Koch, Root, 19. September 2019)

(Bild: Manuela Jans-Koch, Root, 19. September 2019)

Der Erfindung liegt die Lehre der probiotischen Nutztierernährung zu Grunde. Die Bakterien stärken das Immunsystem der Fische und machen sie resistenter gegen Infektionen, was den Einsatz von Antibiotika minimiert. Der Fisch gewöhnt sich an pflanzliche Ernährung, auf Fischmehl soll zunehmend verzichtet werden. Das heisst: geringere Produktion von Futter, weniger CO2-Ausstoss, weniger Abfall. Produziert wird in Hildisrieden in einer ehemaligen Käserei mit vorhandenen Fermentatoren zur Bakterienzüchtung. Bereits sind mehrere Lieferungen im Wert von 200000 Franken verkauft worden. «Nächstes Jahr möchten wir mit grösseren Mengen einsteigen», sagt Sutherland und verrät: «Wir testen diese gesundheitsfördernden Futterzusätze auch bei Schweinen und Hühnern.»

Kampf dem Food Waste

Food Waste ist der neudeutsche Begriff für die Verschwendung von Nahrung. In der Schweiz landen jährlich Lebensmittel im Wert von 2000 Franken pro Haushalt im Güsel. Deshalb hat Daniel Bertschi, Geschäftsleiter der Novaris AG, die Schublade Soneva erfunden.

Durch ein Vakuum sinkt darin der Sauerstoffanteil und Bakterien wachsen weniger schnell. Zudem schützt sie vor Licht und reguliert die Feuchtigkeit, um Schimmel einzudämmen. «Damit können Produkte wie Brot, Gemüse oder Obst, die nicht gekühlt werden müssen, umweltschonend aufbewahrt werden und bleiben rund dreimal länger frisch», erklärt Bertschi. 2020 ist der Markteinstieg geplant.

Freezy Boy gefriert Abfall

Wer die Reste von Lebensmitteln entsorgt, für den hat Peter Ruppeiner von «Avantyard» die richtige Lösung parat: den Freezy Boy:

(Bild: Manuela Jans-Koch, Root, 19. September 2019)

(Bild: Manuela Jans-Koch, Root, 19. September 2019)

Bei minus fünf Grad gefriert er jede Art von organischem Küchenabfall. «Heute landen davon 70 Prozent im normalen Kehricht», sagt Ruppeiner. Er weiss auch warum: «Fleisch- oder Fischreste stinken, also denkt man sich: schnell weg damit.» Mit dem Freezy Boy können sie in einem herausnehmbaren Biobehälter getrennt vom Müll aufbewahrt werden, ohne dass es unhygienisch wird. Auch lästige Fruchtfliegen werden nicht angelockt. Via Grüntonne landet der Abfall später in einer Biogasanlage, in der CO2-neutraler Strom produziert wird. «Verbrennen ist das Schlimmste, was man mit tierischen und pflanzlichen Resten tun kann. Das sorgt für ein Vielfaches an CO2-Emissionen und Verlust von wertvoller Energie.»

Doch ist das Gefrieren von Abfall nicht auch ein Energiefresser? «Dieser Aspekt war uns sehr wichtig. Durch modernste Technik erhöhen sich die Stromkosten nur um etwa 15 Franken pro Jahr», erzählt Ruppeiner und hält vergleichend fest: «Der Stromverbrauch eines Ladegeräts an einem Handy mit bereits vollem Akku beläuft sich im Jahr auf bis zu 50 Franken.» In der Schweiz ist der Freezy Boy seit 2018 erhältlich, nun steht er vor der Expansion ins Ausland.

Haus ohne Stromanschluss

Die Firmen «Cowa Thermal Solutions» und «Smart Conversion» konzentrieren sich auf Energieeffizienz. «In einem neuen Energiespeicher aus sogenannten Phasenwechselmaterialien können wir zwei bis vier Mal mehr Energie speichern als mit herkömmlichen Methoden», sagt Remo Waser, einer der Gründer von Cowa. Die Speicherkapseln nehmen sehr viel Wärme auf und geben sie bei Bedarf ohne Verlust wieder ab. Ab 2021 sind sie vor allem für Photovoltaikanlagen mit Wärmepumpen gedacht – so wie sie in Einfamilienhäusern verwendet werden. Ziel ist die Maximierung der Energieautarkie von Häusern mit umweltfreundlicher Technologie. Im besten Fall kann ein Haus ohne Anschluss ans öffentliche Stromnetz funktionieren.

Smart Conversion setzt auf eine Kühltechnik ohne klimaschädliche Kühlmittel. Zudem können durch eine thermodynamische Steuerung beispielsweise die Kühlmöbel von Supermärkten auf halbe Leistung heruntergefahren werden – etwa am Abend, wenn weniger Kunden die Türen öffnen, um die Produkte zu entnehmen. Wer sich in Sachen effiziente Nutzung von Energie und wirtschaftlichem Klimaschutz beraten lassen will, ist derweil bei «Enerprice» am richtigen Platz.

Gülle wird zu Wasser...

Fast schon biblische Ausmasse nimmt die Innovation von «Bluetector» an. Sie macht zwar nicht Wasser zu Wein, aber Gülle zu Wasser. Weltweit entsteht in Massentierhaltungen sehr viel Gülle. Was Äcker und Wiesen nicht aufnehmen, kann das Grundwasser belasten, zum Beispiel in Form von Nitrat. «Anstatt zu viel Gülle auszutragen oder irgendwohin zu transportieren, kann sie der Bauer mit unserer Anlage, die an den Silotank angeschlossen wird, direkt auf dem Hof in Wasser umwandeln und damit sein Land bewässern», sagt Firmengründer David Din. «Mit unseren Anlagen können wir das Güllenproblem lösen und die weltweiten CO2-Emissionen um zwei Prozent verringern.» Vor kurzem wurde in Deutschland die erste Anlage in Betrieb genommen.

... und Erbsen zu Fleisch

Die Planted Foods AG, die an der ETH Zürich beheimatet ist und möglicherweise als Start-up zum Technopark stösst, macht aus Erbsen Fleisch – das sogenannte Planted Chicken. «Tierhaltung trägt zu 18 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen bei», weiss Co-Gründer Lukas Böni zu berichten. Die Produktion des proteinhaltigen Fleischersatzes aus Erbsen verbraucht weniger Wasser, Land und Energie, setzt weniger Treibhausgase frei und schont somit Umwelt und Klima. «Unsere Zielkunden sind Flexitarier, die Fleisch essen, aber versuchen, ihren Konsum zu reduzieren.»

Weitere Start-ups im Technopark sind «Amphasys». Im Labor werden hitzeresistente Sorten von Weizen und Mais entwickelt, um die Folgen der globalen Erwärmung für die Nahrungsmittelproduktion abzuschwächen:

(Bild: Manuela Jans-Koch, Root, 19. September 2019)

(Bild: Manuela Jans-Koch, Root, 19. September 2019)

«Foodcoin» macht die Klimafreundlichkeit der Nahrungsmittelproduktion vom Saatgut bis zum Teller rückverfolgbar.

Und «SmartSilo» warnt dank Sensoren, bevor die von Siloplanen umhüllten Weizen verderben.

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