Flucht in ein neues Leben: So hat der Sport der ersten Siegerin des Lucerne Marathon geholfen

Am kommenden Samstag findet auf der Lidowiese der erste Luzerner Flüchtlings-Solidaritätslauf statt.

Natalie Ehrenzweig
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Addis Gezahegne musste selbst aus ihrer Heimat fliehen. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 20. September 2019)

Addis Gezahegne musste selbst aus ihrer Heimat fliehen. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 20. September 2019)

Sport funktioniert ohne Worte und über Kulturgrenzen hinaus. Eine gute Voraussetzung, um einen Solidaritätslauf für Flüchtlinge zu organisieren. Das Solinetz Luzern, ein Zusammenschluss verschiedener Akteure im Asylbereich, führt am kommenden Samstag den ersten Luzerner Soli-Lauf auf der Lidowiese durch. «Die Idee ist, dass die Läuferinnen und Läufer für ihre Runden um die Wiese Sponsoren suchen und dann 40 Minuten lang so viele Runden laufen, wie sie mögen. Der Erlös kommt dem Solinetz, der Kontakt- und Beratungsstelle für Sans-Papiers und weiteren innovativen Projekten im Migrationsbereich zu Gute», erklärt Mitorganisatorin Bernadette Inauen.

Eingeladen seien alle: Einheimische, Geflüchtete, Erwachsene, Kinder. Läuferinnen und Läufern ohne Sponsor wird eine Patenschaft angeboten. «Es soll ein Ort der Begegnung werden, mit Musik und Häppchen», sagt Inauen. In anderen Städten, wie in Bern oder Basel, hat der Soli-Lauf schon länger Tradition.

Mit dabei ist eine Olympionikin aus Äthiopien

Mit dabei ist auch Addis Gezahegne. Die äthiopische Marathonläuferin hat nicht nur 1992 an den Olympischen Spielen teilgenommen, sie hat zahlreiche Rennen gewonnen – unter anderem den ersten Lucerne Marathon – und 1991 den afrikanischen Marathonrekord aufgestellt. «Ich renne seit ich 14 Jahre alt bin. Jetzt habe ich nicht so viel Zeit zum Trainieren, weil ich im Kantonsspital arbeite und daheim viel zu tun habe», erzählt die heute 48-Jährige. Doch nicht nur den Sport, auch die Fluchterfahrung bringt Addis Gezahegne mit zum Soli-Lauf. Denn vor 23 Jahren musste die ehemalige Spitzensportlerin mit ihrem Mann ihre Heimat verlassen. Während Gezahegnes Augen strahlen, wenn sie vom Sport spricht, stockt ihre Stimme und ihr Blick richten sich auf den Boden, wenn sie an ihre Flucht denkt. «Ich möchte lieber nicht darüber sprechen, das schmerzt», sagt sie. Das äthiopische Paar bekam Asyl in der Schweiz. «Die erste Zeit war sehr schwer. Die Sprache, die Kultur und auch das Wetter waren ihnen fremd. Und ich habe meine Familie und meine Freunde vermisst», erinnert sich Gezahegnes.

Geholfen hat ihr damals der Sport. Sofort nach ihrer Ankunft in Emmenbrücke setzte sie ihr Training fort. «Ich war in verschiedenen Sportclubs. Das hat mir sehr geholfen. Auch das Marathon Team Kriens ist mir sehr wichtig. Hier habe ich ein zweites Zuhause gefunden», erzählt sie – wieder mit leuchtenden Augen. Auch der Mann von Addis Gezahegne ist ehemaliger Spitzenläufer. Manchmal trainieren sie zusammen – zuweilen mit ihren Kindern. «Wir sind eine Sportlerfamilie. Mein 19-jähriger Sohn spielt Tennis und macht Leichtathletik. Und auch meine 14-jährige Tochter treibt viel Sport», freut sie sich. Die Familie habe durch den Sport viele Kontakte zu Schweizer Familien geknüpft und so seien auch langjährige Freundschaften entstanden.

Teilnahme ist bis kurz vor Start möglich

Obwohl sich die politische Situation in Äthiopien inzwischen etwas entspannt hat, kann sich Addis Gezahegne nicht vorstellen, zurückzugehen. «Meine Kinder sind hier zur Welt gekommen und aufgewachsen», betont sie. Vor drei Jahren reiste die Familie in die Heimat der Eltern. «Wir wollten den Kindern zeigen, wo wir herkommen. Wie arm unser Land ist. Das war sehr traurig», sagt sie.

Die Läuferin kann sich nicht vorstellen, wie ihre Ankunft in der Schweiz ohne Sport gewesen wäre. «Ich wäre allein gewesen, ohne Kontakte. Furchtbar, denn Sport ist alles für mich. Ich bin gesund, der Sport gibt mir Kraft und Mut.» Am Soli-Lauf wird Addis Gezahegne aber nicht nur ihre Runden drehen, sie wird die Läuferinnen und Läufer, zusammen mit Franziska Inauen, beim Aufwärmen begleiten. Für wie viele Teilnehmer sie das Warm-up leiten wird, ist nicht klar, denn man kann sich zwar online anmelden, aber Interessierte dürfen am Samstag auch spontan zur Lidowiese kommen und sich bis 15 Minuten vor Lauf-Start um jeweils 13 und 14 Uhr anmelden.

Hinweis: Lauf: Samstag, 28. September, 13/14 Uhr. www.solinetzluzern.ch.