FLÜCHTLINGE: «Die Hilfe reicht bei weitem nicht aus»

Eine Luzernerin ist aus dem Flüchtlingslager Idomeni zurückgekehrt – mit krassen Eindrücken.

Interview Simon Bordier
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Glücksmoment im Flüchtlingslager Idomeni: Nicole Ercolani mit einem Buben, der sich für die Hilfe aus der Schweiz bedankt. (Bild: PD)

Glücksmoment im Flüchtlingslager Idomeni: Nicole Ercolani mit einem Buben, der sich für die Hilfe aus der Schweiz bedankt. (Bild: PD)

Letzten Herbst organisierten Nicole Ercolani (33) aus Luzern, Selma Sabedini (29) aus Cham und Daniela Balaban (29) aus Kriens eine Kleidersammlung für Flüchtlinge auf der Balkanroute. Mit einem Wohnwagen wollten sie losfahren, um die Kleider in Mazedonien persönlich zu verteilen (Ausgabe vom 23. November 2015). Da weit mehr Spenden zusammenkamen als erwartet, musste ein Lastwagen her. Heute betreiben die drei Kauffrauen das breit aufgestellte Hilfsprojekt «H-elfen» (www.h-elfen.ch). Vor kurzem kehrten sie von ihrer vierten Mission im Flüchtlingslager in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze zurück.

 

Nicole Ercolani, was haben Sie in den fünf Tagen in Idomeni erlebt?

Ercolani: Ich war schockiert. Man kennt die Fernsehbilder von den Abertausenden Flüchtlingen, die dort in der Kälte und im Matsch ausharren. Doch das wahre Ausmass des Elends wird einem erst vor Ort bewusst. Man stelle sich das volle Fussballstadion in der Allmend in Luzern vor – und dass dann alle Fans Wochen im Freien verbringen müssen.

Wie konnten Sie helfen?

Ercolani: Viele Flüchtlinge sind völlig durchnässt. Wir haben sie mit trockener und warmer Kleidung versorgt. Wir sind mit anderen Hilfsorganisationen vor Ort gut vernetzt. Mit ortskundigen Helfern sind wir tagsüber von Zelt zu Zelt gegangen, um zu fragen, was den Leuten konkret fehlt. Die Kleider haben wir dann nachts in Säcken vorbeigebracht. Tagsüber ist die Verteilung schwieriger, weil es zu Massenansammlungen kommen kann.

Wie gingen Sie bei der Hilfsaktion vor?

Ercolani: In der Autospenglerei meiner Eltern in Kriens haben wir eine Kleidersammlung organisiert. Über Facebook machten wir die Leute auf unsere Aktion aufmerksam. Wir haben von der Bevölkerung in der Region unglaubliche Unterstützung erfahren – in Form von Kleiderspenden, aber auch mit Geldbeiträgen. Uns wurden auch Spendenkartons aus Basel, Bern und St. Gallen geschickt. Bei der Sortierung der Spenden durften wir auf viele freiwillige Hände zählen.

Und wie kamen die Spenden zu den Flüchtlingen?

Ercolani: In zwei vollbepackten 40-Tonnen-Lastwagen. Es war bereits unsere vierte Reise in den Balkan: Drei Mal waren wir in Mazedonien und nun erstmals in Griechenland, wo zurzeit die meisten Flüchtlinge blockiert sind. Glücklicherweise haben wir gute Kontakte zu Hilfsorganisationen in Mazedonien, die unsere Waren entgegennehmen. Denn man kann nicht einfach mit einem Lastwagen die Grenze passieren, ohne den Empfänger der Waren anzugeben.

Warum spenden Sie nicht einfach Geld an eine grosse Hilfsorganisation?

Ercolani: Unserer Erfahrung nach sind diese nicht unbedingt dort, wo die Hilfe am nötigsten ist. Oder aber deren Hilfe reicht bei weitem nicht aus. Jeder Mantel, jeder Franken, den wir den Flüchtlingen bringen, wird dringend gebraucht. In Idomeni gibt es übrigens viele Freiwillige aus der Schweiz: Man sieht allerorts Aargauer oder Berner Auto-Nummernschilder.

Sie arbeiten 100 Prozent als Finanzfachfrau bei einer internationalen Finanzfirma. Die Hilfsaktion organisieren Sie in Ihrer Freizeit. Was treibt Sie an?

Ercolani: Ich erlebe die Flüchtlingskrise nicht einfach als humanitäre Katastrophe. Wenn ich sehe, wie liebevoll Eltern mit ihren Kindern umgehen, obwohl sie auf der Flucht sind und unter grossem Stress stehen, bin ich tief berührt. Die Menschen bewahren in ihrer Not ein erstaunliches Mass an Menschlichkeit und Höflichkeit.

Sie trafen in Idomeni den chinesischen Starkünstler Ai Weiwei.

Ercolani: Ai Weiwei hat bereits seit Monaten sein Atelier nach Lesbos verlegt und ist seit mehr als zwei Wochen in Idomeni. Er kommt fast täglich ins Camp, um die Medien auf das Elend aufmerksam zu machen. Ich habe mit ihm über die geschlossenen Grenzen gesprochen und wie dankbar ich ihm bin, dass er sich als Star für die Flüchtlinge Zeit nimmt. Darauf hat er gemeint, dass alles ohne die freiwilligen Helfer gar nicht möglich wäre.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Ercolani: Wir suchen ein neues Sammellager in der Region Luzern. Und wir möchten vermehrt mit hiesigen Flüchtlingen arbeiten, die uns schon in der Vergangenheit beim Sortieren der Spenden halfen. Der Fokus liegt neu auch auf Jordanien und dem Libanon, wo Millionen syrischer Flüchtlinge auf Hilfe warten. Wenn die Flüchtlinge dort gut versorgt werden, können wir sie vielleicht von einer Weiterreise nach Europa abhalten. Vorerst suchen wir aber noch Spendengelder für unsere nächste Griechenland-Reise.

12 000 Flüchtlinge

Das griechische Grenzdorf zu Mazedonien, Idomeni, steht seit Monaten im Fokus der internationalen Öffentlichkeit. Über den Ort versuchen Tausende Flüchtlinge, insbesondere aus Syrien, über die Balkanroute nach Europa zu kommen. Doch je nach Situation an der Grenze sitzen die Flüchtlinge längere Zeit in Idomeni fest. Das Flüchtlingslager ist für 1500 Personen ausgerichtet. Meist ist es aber von weit mehr Menschen belegt. Aktuell halten sich rund 12 000 Flüchtlinge im Lager auf.

Interview Simon Bordier