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FLÜCHTLINGSHILFE: Sie kämpfen aus der Vogelperspektive gegen das Elend

Allein dieses Jahr ertranken gemäss der UNO 2300 Menschen beim Versuch, das Mittelmeer zu überqueren. Ein Luzerner und sein Team weisen den Rettungsschiffen den Weg – mittels Flugzeug und Funkgerät.
Als Basis für die Ortungsflüge dient die Mittelmeerinsel Malta. (Bild: PD)

Als Basis für die Ortungsflüge dient die Mittelmeerinsel Malta. (Bild: PD)

Der gebürtige Grossdietwiler und teilweise in Kriens aufgewachsene Sam Hochstrasser ist einer der Mitbegründer der «Humanitären Piloteninitiative» (HPI). Er und sein Freund Fabio Zgraggen entwickelten bei einem Lagerfeuer die Idee, die Rettung von Flüchtlingen zu unterstützen. Das war im Herbst 2015. Da Zgraggen den Pilotenschein besitzt, lag es nahe, dieses Know-how in die Suche nach den in Seenot geratenen Flüchtlingsbooten zu integrieren. «Der grosse Vorteil besteht darin, dass man sich aus der Luft bedeutend schneller einen Überblick über die Lage der treibenden Boote machen kann», erklärt Hochstrasser. Auf Anfragen bei «Ärzte ohne Grenzen» und Sea-Watch, ob dafür überhaupt Bedarf bestünde, kamen sofort positive Rückmeldungen.

Die nächste Entscheidung galt der Wahl eines geeigneten Flugzeugs. Die eigene Sicherheit musste dabei gewährleistet sein. Deshalb haben sie sich für ein Ultraleichtflugzeug entschieden, das im Notfall mit einem Fallschirm wassern kann. Da dieser Flugzeugtyp keine grosse Reichweite hat, war der Plan, im Frühling 2016 von Tunesien aus die ersten Hilfsflüge über dem Mittelmeer zu starten. Mit privaten Spenden finanzierten sie ihren ersten Einsatz. Sie selber arbeiteten unentgeltlich und übernahmen sogar die Spesen. In Tunesien angekommen, bekamen sie jedoch keine Genehmigung, um starten und landen zu können, und sassen vorerst fest. Einzige Alternative, die sich in dieser Zeit bot, war, via Lampedusa zu fliegen. Dadurch verlängerte sich die Anflugzeit zu den Gebieten mit den meisten Flüchtlingsströmen enorm: Der gewählte Flugzeugtyp eignete sich nicht dafür. Also musste für zukünftige Suchflüge eine effizientere Lösung her. Im letzten Jahr wechselte das Team deshalb auf ein zweimotoriges Flugzeug, was mit höheren Kosten verbunden war. Zusätzlich wurde wegen der negativen Erfahrungen in Tunesien entschieden, Malta als neue Abflugdestination zu wählen. Mittlerweile fliegen die Schweizer im Durchschnitt zwanzig Einsätze pro Monat.

Ein Einsatz, der Menschleben rettet

Oft starten ab der libyschen Küste gemeinsam 20 bis 25 Flüchtlingsboote. Je nach Strömung und Wetter gibt es immer wieder Boote, die gänzlich von ihrem Konvoi abdriften und ganz allein im Meer schwimmen. «Dank unserer Flug­einsätze konnten bisher 2200 Menschen aus solchen vorher chancenlosen Booten gerettet werden», freut sich Hochstrasser. Allein seit Anfang dieses Jahres versuchten nach Angaben der UNO knapp 104000 Flüchtlinge, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. 2300 sind nach Schätzungen dabei ertrunken.

Via Funk gibt die Flugzeugbesatzung die Koordinaten der Boote an umliegende Hilfsschiffe weiter. Dadurch wird die zeitraubende Suche via Seeweg enorm verkürzt. Zusätzlich geben sie wichtige Informationen über den Zustand des Bootes und die Anzahl der sich darauf befindenden Flüchtlinge durch. So können diejenigen Boote, die am dringlichsten Hilfe benötigen, als erste berücksichtigt werden.

Die Piloten und Helfer stossen bei ihren Einsätzen auch an persönliche Grenzen. Allein der sechsstündige Flug ohne Bewegungsfreiheit sei strapaziös. Dazu gibt es keine sanitären Anlagen an Bord. Bei weitem schlimmer sei es aber, mit den Bildern klarzukommen, die sich der Besatzung einprägen: Im Wasser treibende Leichen, Boote, die leckgeschlagen haben, oder Boote kurz vor dem Versinken, die innert nützlicher Frist nicht erreicht werden können – während aus dem Flugzeug heraus keine direkte Hilfe geleistet werden kann. Es bleibe für sie nur zu hoffen, dass es doch noch ein Rettungsschiff schafft, die lebensbedrohten Menschen rechtzeitig zu erreichen. Die psychische Belastung der Helfer sei hoch. Darum stehe nun ein Care-Team bereit, um bei der Verarbeitung der Eindrücke zu helfen.

Eigenes Flugzeug geplant

Mittlerweile wurde aus der Idee eine Stiftung, aus zwei Freunden ein Team von neun Leuten, die allesamt ehrenamtlich arbeiten. Die Finanzierung des ganzen Projektes läuft inzwischen ausschliesslich über Spendengelder. Momentanes Ziel ist es, ein eigenes Flugzeug anzuschaffen. Da das Team zurzeit auf ein Charterflugzeug angewiesen ist, muss es täglich damit rechnen, dass der Besitzer es selber benötigt und somit keine Einsätze geflogen werden können.

Weitere Projektideen der HPI sind Katastrophenhilfe oder Medikamententransporte. Bereits heute läuft das Projekt «Luftraum», das Menschen mit einer Behinderung oder Krankheit ein Erlebnis über den Wolken ermöglicht. Genauere Informationen und Spendenkonto unter www.piloteninitiative.ch .

Isabelle Jost

region@luzernerzeitung.ch

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