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FLÜHLI-SÖRENBERG: Grossgemeinde profitiert vom Mini-Dorf

Die grösste Gemeinde des Kantons ist Flühli-Sörenberg, die kleinste Gisikon. Um die Last der Riesenfläche zu stemmen, ist die Entlebucher Gemeinde auf das Grenzdorf angewiesen.
Evelyne Fischer
Familie Vogel aus Flühli wohnt auf 1250 Metern über Meer. Unser Bild (von links) zeigt Regula und Toni Vogel mit Kathrin, Veronika, Patrizia, Elias, Stefan und Franziska. (Bild: Manuela Jans-Koch / Neue LZ)

Familie Vogel aus Flühli wohnt auf 1250 Metern über Meer. Unser Bild (von links) zeigt Regula und Toni Vogel mit Kathrin, Veronika, Patrizia, Elias, Stefan und Franziska. (Bild: Manuela Jans-Koch / Neue LZ)

Evelyne Fischer

Gisikon ist mit seinen 108 Hektaren Fläche exakt hundertmal kleiner als die grösste Luzerner Gemeinde: Flühli-Sörenberg. Während hier die Waldemme den Talboden zweiteilt, wird Gisikon von Autobahn, Reuss und Zuglinie flankiert. «Gisikon ist klein, aber fein», sagt Gemeindepräsident Alois Muri. «Über unsere Grösse gibts schon mal Sprüche. Aber wir sind stolz auf unser Dorf mit den kurzen Wegen.» Etwas ab vom Schuss liegt hingegen die Entlebucher Kommune, dafür mitten in einer Tourismusregion. Oder wie es Gemeindeammann Hans Lipp sagt: «Wir wohnen und arbeiten, wo andere Ferien machen.»

Dreimal pro Woche gibts Post

Chüblisbühlegg, 1250 Meter über Meer. Geradeaus die Haglere, zur Linken die Brienzer-Rothorn-Kette, zur Rechten die Schrattenfluh. Hier, auf Sörenberger Boden, an der Grenze zum Bernbiet, sind Vogels zu Hause. Eine Grossfamilie. Toni Vogel (51) wohnt hier seit klein auf, die Liebe brachte die gebürtige Nottwilerin und gelernte Krankenschwester Regula (40) auf die Alp und sie sechs Kinder zur Welt: Kathrin (14), Stefan (13), Franziska (11), Veronika (10), Patrizia (8) und Elias (5). «Wir geniessen die Weite hier oben», sagt Regula Vogel. Bei schönem Wetter wimmle es von Wanderern und Pilzlern. Auf dem Hof stehen zwei Subarus und ein VW Sharan. Im Bauernhaus daneben wohnen Toni Vogels Eltern. Dienstags, donnerstags und freitags gibts Post. Das Internet ersetzt die Tageszeitung.

Flühli zählt 1914 Einwohner, hat ein Auf und Ab hinter sich. Um 1860 wohnten hier knapp 1700 Menschen, Anfang 20. Jahrhundert waren es deren 1400. Gisikon blickt auf ein boomartiges Wachstum zurück. 1970 lebten hier 234 Einwohner. Heute sind es 1252. In 40 Jahren hat sich die Bevölkerung vervierfacht. Flühli zählt pro Quadratkilometer 17 Einwohner. In Gisikon sind es 1053. «Hier herrscht trotzdem kein Dichtestress», sagt Alois Muri und schmunzelt: «Am Hang hat man irgendwie mehr Luft.» Noch besitze die Gemeinde Bauzonen-Reserven, die 1500-Einwohner-Grenze will man aber nicht übersteigen. «Etappierte Bauprojekte sollen daher das Wachstum entschleunigen.»

Häuserwand statt Pilatusblick

Gisikon ist ein eng gewobenes Netz von Einfamilienhäusern, Terrassenbauten und Quartieren mit Mehrfamilienhäusern. In einem davon wohnt Familie Chastonay. Janine (29) und Stefan (32) kamen der Weiterbildung wegen vom Wallis in die Zentralschweiz. Erst lebten die Betriebswirtschaftlerin und der Techniker in Stans, dann zogen sie nach Kriens, Ebikon und vor vier Jahren schliesslich nach Gisikon. Die Wohnung gab den Ausschlag. 41/2 Zimmer, 140 Quadratmeter, Balkon und Garten. Viel Platz für Lio (4), Noemi (21/2) und Lars (1), erschwinglich dazu. «Nach so einer preiswerten Wohnung sucht man in der Stadt vergebens», sagt Janine Chastonay, serviert einen Cappuccino mit Schokohäubchen. Später wird sie sich die Schürze umbinden, Älplermagronen zubereiten. Ihr Mann arbeitet in Root, isst mittags wenn möglich zu Hause.

Sie lebe gern «mittsdrin», einige Treppenstufen vom Kindergarten entfernt, den Lio nächstes Jahr besucht, so Janine Chastonay. Bloss der «Weitblick» in der Adresse ist etwas weit hergeholt: Ein Block raubt im Hochparterre die Aussicht auf Reuss und Pilatus. «Der Blick auf die Häuserwand und der viele Nebel setzen manchmal etwas zu.»

5 Tonnen Käse pro Jahr

Unschlagbar dagegen ist das Panorama auf der Chüblisbühlegg. «Wer hier heimisch ist, nimmt die Schönheiten manchmal gar nicht mehr als solche wahr», sagt Gemeindeammann Lipp. Auf saftigen Wiesen weiden Toni Vogels Kühe. 37 Stück Vieh und 24 Hektaren nennt er hier oben sein eigen. Die Milch wird verkäst. Zu 40 Kilo schweren Egg-Käse-Laiben, 8 Kilo wiegenden Hogant-Mutschli, zu Raclette und Butter. Die übrig bleibende Schotte wird den 80 Schweinen verfüttert.

Fünf Tonnen Käse setzt die Bauernfamilie jährlich ab. Die Hälfte via Direktverkauf, den Rest in Dorfläden und Restaurants. Regula Vogel sorgt einmal wöchentlich für Nachschub, erledigt zugleich ihren Einkauf. 15 Autominuten sind es bis nach Flühli, deren 30 nach Schüpfheim. «Ohne Notwendigkeit fährt man nicht ins Tal.» Zur Schule gehts für die Alpkinder mit dem Bus. Vogels steigen als Erste ein, kurz vor sieben in der Früh. Um halb acht wechseln sie ins Postauto. «Wir haben den längsten Schulweg von allen», sagt Veronika, beisst in ein Stück selbst gemachten Aprikosenkuchen. Während der Schulzeit bleiben die Kinder mittags im Dorf. «Ich schätze die gute Betreuung, auch nach dem Unterricht», sagt Regula Vogel. Wir sitzen in der niedrigen Küche, auf dem Tisch dampft in Gläsern der Filterkaffee.

175 Kilometer Güterstrassen

200 000 Franken kostet der Schülertransport die Gemeinde pro Jahr. «Die Weite hat ihren Preis», sagt Gemeindeammann Lipp. «Über so viel Fläche zu verfügen, hat für uns kostenmässig nur Nachteile.» Für den Unterhalt der 175 Kilometer Güterstrassen – gut dreimal die Distanz Gisikon–Flühli – budgetiert die Gemeinde jährlich zwischen 180 000 und 200 000 Franken. Naturgefahren, wie sie bei Bächen und Felsen lauern, machen regelmässig grössere Strassensanierungen nötig. Während Touristen gratis vom weitläufigen Wanderwegnetz profitieren, gibt die Gemeinde für die 300 Kilometer signalisierten Wege jährlich 150 000 Franken aus. Kurzum: «Ohne Gelder aus dem Finanzausgleich kämen wir nicht über die Runden.»

Solche steuert unter anderem Gisikon (die 8 Kilometer Strasse kosten jährlich rund 70 000 Franken) als Gebergemeinde bei. «Zu uns ziehen viele kinderlose Paare mit guten Einkommen», sagt Gemeindepräsident Alois Muri. Im Kanton Luzern wohnen, in Zürich oder Zug arbeiten, das ist in Gisikon Realität. Das Dasein als Grenzgemeinde hat Schattenseiten: «Für das Zusammengehörigkeitsgefühl betreiben wir viel Aufwand. Neuzuzüger etwa laden wir zum Apéro ein. Aber ein Dorf lebt erst, wenn die Einwohner von den Angeboten auch profitieren.»

Café macht fehlenden Kern wett

Das Engagement der Gemeinde hat Janine Chastonay überrascht. «Als Neuzuzüger erhielten wir unter anderem ein Willkommenspaket, und jeder Gisiker kann gratis ins Verkehrshaus oder aufs Stanserhorn.» Sie schätze, dass es für Familien viele Angebote gebe. «Wir haben dadurch sehr schnell Anschluss gefunden.» Heute turnt sie in einer Sportgruppe, hilft bei der Schreibarbeit für die Ludothek mit, gehört zum Redaktionsteam der «Dorfpost». Daneben leitet sie das Basteln in der Eltern-Kind-Gruppe.

Ein Dorfkern fehlt in Gisikon. Für den Einkauf gehts nach Honau oder Root, die beiden Restaurants liegen ausserhalb an der Reuss. Nomen est omen gilt allerdings fürs Café Treffpunkt 6038, angesiedelt zwischen Kreisel und dem Zuhause der Chastonays. Jeden Freitag versammelt sich hier das Dorf zum Feierabendbier. Der Hit der Kinder sei das Spielzimmer. «Und der Sirup», meint Lio.

35 Vereine sorgen für Leben im Tal

Von einem «intakten Zusammenhalt trotz weitläufigen Gebiets» spricht auch Hans Lipp aus Flühli. «Hier kennt man sich noch», sagt er, verweist auf 35 aktive Vereine – darunter alleine drei Musikgesellschaften, zwei Jodelklubs und zwei Guuggenmusigen. «Das gesellschaftliche Leben findet vor Ort statt.» Zum Vergleich: In Gisikon lassen sich die Vereine fast an einer Hand abzählen.

Familie Vogel bekommt das Dorfgeschehen am Rande mit. «Ab und zu besuche ich eine Gemeindeversammlung», sagt Toni Vogel. Auch an Jodlerkonzerten, Auftritten der Trachtentanzgruppen oder in der Kirche trifft man die Familie. Für Vereinsmitgliedschaften aber fehlt die Zeit. «Mit den Aktivitäten in der Schule und der Direktvermarktung sind wir ziemlich ausgelastet», sagt Regula Vogel. Sie sang früher im Kirchenchor mit. «Aber immer, wenn ich ins Auto steigen wollte, kam sicher noch etwas dazwischen.» Ab und zu macht ihnen auch das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Im Winter liegt bis zu einem Meter Schnee. «Da gibt es einfach Abende, an denen du nicht wegkommst», sagt Toni Vogel.

Riesiges Freiluft-Spielzimmer

Heuer wohnte die Familie erstmals auch den Winter über auf der Alp. In der Vergangenheit gings für die Zeit von Januar bis Mai jeweils ins Dorf. Auf den Hof von Toni Vogels Mutter. Mit Sack und Pack und allen Tieren. 31/2 Stunden Marsch. «Ein enormer Aufwand», sagt Regula Vogel. «Eine schöne Tradition», meint Tochter Kathrin. «Nach der Zeit im Dorf ging man stets gern wieder auf die Egg zurück.» Ganz ins Tal zu ziehen, sei nie in Frage gekommen, sagt Toni Vogel. «31/2 Hektaren Weide- und ebenso viel Heuland bieten keine Existenz.»

2014 baute die Familie auf der Egg einen neuen Stall. Sohn Stefan will ihn dereinst übernehmen. Um Kalb Glöggli, sieben Hasen und seine Geissen kümmert er sich längst selbstständig. Die Alp ist für ihn und seine Geschwister ein riesiges Freiluft-Spielzimmer. Von einem solchen profitieren auch Noemi und Lio Chastonay mitten im dicht bebauten Gisikon: Sie vergnügen sich mit Bobbycar und Spielhäuschen auf dem Gartensitzplatz. Einem zwar kleinen, aber nicht minder feinen Stück Grün.

Janine und Stefan Chastonay vergnügen sich mit Lio (im Wasser stehend), Noemi und Lars im Kneippgarten Gisikon. (Bilder Manuela Jans-Koch/Nadia Schärli)

Janine und Stefan Chastonay vergnügen sich mit Lio (im Wasser stehend), Noemi und Lars im Kneippgarten Gisikon. (Bilder Manuela Jans-Koch/Nadia Schärli)

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