Flugzeugabsturz mit Toten und Verletzten: Auf dem Flugplatz Emmen wurde der Ernstfall geprobt
Reportage

Flugzeugabsturz mit Toten und Verletzten: Auf dem Flugplatz Emmen wurde der Ernstfall geprobt 

Bei einer Notfallübung auf dem Militärflugplatz Emmen standen am Mittwochmorgen 60 Personen im Einsatz. Das Unfallpikett musste schnellstmöglich Verletzte aus einem Bahnwagen und einem Flugzeugwrack befreien.

Julian Spörri
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«Das Unfallpikett muss ausgelöst werden»: Diese Anweisung erhielt die Skyguide am Mittwoch im Tower des Militärflugplatzes Emmen. Sofort drückte ein Mitarbeiter den roten Knopf mit der Überschrift «UP-Alarm». Auslöser war ein Kleinflugzeug mit zwei Testpiloten, das wegen technischen Problemen beim Anflug auf die Landepiste einen Bahnwagen auf dem Trassee der ehemaligen Seetallinie streifte. Darin sassen Armeeangehörige, die aus ihrem Urlaub nach Emmen zurückkehrten. In den Bahnwagen knallte ein Auto mit einem Insassen. Die Bilanz: Zwei Tote und mehrere Verletzte. Die Übung in Bildern:

Die Verletzten wurden von Angehörigen der Armee gespielt.
10 Bilder
Helfer richteten den Unfallplatz am Morgen ein.
In Zusammenarbeit mit der Polizei sorgten Armeeangehörige für die Regelung des Strassenverkehrs.
Mit Farbe sieht es echter aus: Die verletzten Personen wurde vor der Übung moulagiert.
Das Unfallpikett kümmerte sich um die Verletzten.
Blick auf die Notfallübung auf der Rüeggisingerstrasse in Emmen.
Sie sind hart im Nehmen: Die Piloten trotzten Kälte und Regen.
Übungsleiter Paul Jäger gibt vor Beginn der Übung die letzten Anweisungen durch.
Die Feuerwehr setzte Wasser ein, um einen fiktiven Brand beim Flugzeugwrack zu löschen.
Lagebesprechung im Führungsraum: Hier laufen die Informationen zusammen.

Die Verletzten wurden von Angehörigen der Armee gespielt.

Bild: Patrick Hürlimann (Emmen, 12. Februar 2020)

Zum Glück wurde der geschilderte Fall nur im Rahmen einer Notfallübung durchgespielt. Eine solche findet auf dem Militärflugplatz Emmen jedes Jahr statt – aber nur jedes dritte Mal mit einem Schadenplatz. Heuer wurde der Unfallort mit einem alten SBB-Bahnwagen, Wrackteilen von einem Kleinflugzeug und einem abbruchreifen Personenwagen realitätsnah hergerichtet. Gemäss Übungsleiter Paul Jäger haben die Vorbereitungen dafür im November begonnen. Insgesamt waren rund 60 Personen im Einsatz. Angesprochen auf das Ziel der Übung antwortete Jäger:

«Wir wollen die Abläufe durchspielen, weil bei einem solchen Vorfall viele Institutionen wie die Skyguide, das Unfallpikett, die Sanität, die Militärpolizei und die Blaulichtorganisationen zusammenarbeiten.»

Verletzte trotzten Kälte und Regen

Nach dem Auslösen des Notfalls im Tower rückten das Unfallpikett und die Militärpolizei mit drei Fahrzeugen aus. Vor Ort kümmerten sie sich um die Betreuung der Verletzten, die Regelung des Strassenverkehrs und das Löschen von Bränden. Weil es nur eine Übung war, brannte es zwar nirgends richtig, doch die Flugplatzfeuerwehr liess es sich nicht nehmen, Wasser auf die Wrackteile und den Bahnwagen zu spritzen.

Die Feuerwehr setzte Wasser ein, um einen fiktiven Brand beim Flugzeugwrack zu löschen.

Die Feuerwehr setzte Wasser ein, um einen fiktiven Brand beim Flugzeugwrack zu löschen.

Bild: Patrick Hürlimann (Emmen, 12. Februar 2020)

Die sich im Bahnwagen befindenden, verletzten Personen nahmen ihre Rolle ernst. So war auch mal ein lautes Stöhnen vor Schmerzen zu hören. Eine besonders anstrengende Rolle hatten die beiden Piloten – der eine spielte einen Verletzten, der andere einen Toten. Sie blieben trotz Regen und Kälte während gut einer Stunde bewegungslos beim Flugzeugwrack liegen. Ein Pilot sagte, dass er dies gerne in Kauf nehme, weil die Übung allen Beteiligten helfe.

Sie sind hart im Nehmen: Die Piloten trotzten Kälte und Regen.

Sie sind hart im Nehmen: Die Piloten trotzten Kälte und Regen.

Bild: Patrick Hürlimann (Emmen, 12. Februar 2020)

Zwei Blaulichtorganisationen waren im Unterschied zum Ernstfall an der Unfallstelle nicht im Einsatz. Die Feuerwehr und die Ambulanz nahmen nur im Führungsraum an der Übung teil. «Wir haben diese Organisationen auch angefragt, doch sie konnten so kurzfristig nicht mitmachen, weil sie schon genügend eigene Übungen haben», erklärte Jäger. Zudem sei beispielsweise die Feuerwehr in den letzten Tagen wegen des Sturms Sabine im Dauereinsatz gestanden.

Digitalisierung stellt Einsatzkräfte vor Herausforderungen

Die Aufgabe von Janine Rüetschi war es, sich in der Rolle der Chefsanitäterin vor Ort ein Bild der Lage zu machen: «Ich muss die Situation so schnell wie möglich erfassen und eine Meldung an die Führungszentrale machen.» Diese wurde im Hauptgebäude des Militärflugplatzes eingerichtet. Der anwesende Flugplatzkommandant Frédéric Ryff sagte: «Die grösste Herausforderung ist für uns, dass wir schnellstmöglich gesicherte Informationen erhalten und die Betroffenen benachrichtigen können.» Und weiter:

«Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn Familienmitglieder aus der Presse über den Zustand ihrer Angehörigen erfahren.»

Dass sich Informationen in der heutigen Zeit sehr schnell verbreiten, zeigte sich auch am Unfallort. Die Autofahrer fuhren auffällig langsam vorbei und begutachteten den Tatort. Aus einer vorbeifahrenden S-Bahn waren sogar Blitzlichter zu erkennen. «Wahrscheinlich wurden jetzt schon die ersten Fotos an Medien geschickt», mutmasst Paul Jäger – und dies erst fünf Minuten nach Beginn der Übung.

Zwei Stunden später fand im Führungsraum ein Lage-Rapport statt. «Wir haben nun einen Überblick zum Zustand der Verletzten und Verstorbenen und in welchen Spitälern sie liegen. Unsere Leute und das Care-Team sind unterwegs zu den Angehörigen», fasste ein Kommandant den aktuellen Stand der Dinge zusammen. Weil der Unfall zu einem Reputationsschaden für die Armee führen könnte und zivile Opfer umfasse, sei zudem «Arabella» ausgelöst worden. So laute der Deckname für die Krisenführung durch die Armee, so Ryff.

Blick in den Führungsraum: Beim Lage-Rapport tauschten sich die beteiligten Personen zum aktuellen Stand der Dinge aus.

Blick in den Führungsraum: Beim Lage-Rapport tauschten sich die beteiligten Personen zum aktuellen Stand der Dinge aus.

Bild: Julian Spörri (Emmen, 12. Februar 2020)

Beim vorliegenden Fall war ihr Eingreifen aber nicht nötig. Die Übung wurde noch vor dem Mittag beendet. Übungsleiter Paul Jäger zeigte sich zufrieden mit dem Gesehenen: «Die Bearbeitung am Schadenplatz und die Zusammenarbeit im Führungsraum waren sehr gut. Wir nehmen aber auch einige Pendenzen aus der Übung mit.» Beispielsweise gab es ein Problem mit einer falsch geschalteten Telefonnummer, bei welcher man nur auf einer Combox landete. Jäger sagte aber:

«Würde das Schreckensszenario morgen tatsächlich eintreten, so bin ich sicher, dass wir dieses bewältigen können.»
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