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FOOD WASTE: Delikatessen aus dem Abfallcontainer

Ein Drittel aller Lebensmittel landet im Güsel. In Luzern gibt es Leute, die sich dort Essen holen.
Beatrice Vogel
In Abfallcontainern findet man viel Essbares. (Bild Nadia Schärli)

In Abfallcontainern findet man viel Essbares. (Bild Nadia Schärli)

Beatrice Vogel

Wir sind in der Agglomeration Luzern hinter einem Gebäude, in dem ein Lebensmittelladen einer grossen Kette untergebracht ist. Ich bin mit Gusti* unterwegs. Er und seine WG-Mitbewohner – alle sind Mitte oder Ende 20, alle sind Schweizer Staatsbürger, alle haben Jobs, alle kommen aus mittelständischen Familien – wühlen regelmässig im Abfall von Detaillisten nach Essbarem. Sie tun dies nicht, weil sie es sich nicht leisten könnten, Lebensmittel zu kaufen. Sie tun dies, weil die Läden so viele noch geniessbare Esswaren wegwerfen, aus ökologischen Gründen, um ein Zeichen zu setzen gegen die Verschwendung. Und aus dem Gedanken heraus, dass man ja nicht Geld auszugeben braucht für etwas, das quasi auf der Strasse liegt.

Alles in grossen Mengen

Mir ist ein wenig mulmig, als wir uns den Abfallcontainern nähern. Es ist kurz nach 21 Uhr, noch nicht ganz dunkel und rundherum stehen Wohnhäuser, auf der Strasse direkt neben uns fahren ständig Autos vorbei. «Daran gewöhnt man sich», sagt Gusti. Die Anwohner würden nur misstrauisch, wenn man im Winter mit Taschenlampen rumfuchtle, meint er und öffnet den ersten Container. Was sich darin offenbart, übertrifft meine kühnsten Erwartungen: Tomaten, Zucchetti, Blumenkohl, Mangos, Pfirsiche, Aprikosen, Kirschen, Erdbeeren und vieles mehr. Das Meiste in grossen Mengen, vieles in einwandfreiem Zustand. Auch wenn einem bewusst ist, dass täglich Lebensmittel entsorgt werden – sieht man es mit eigenen Augen – ist der Schock gross.

«Wenn in einem Netz eine Orange faul ist, wird gleich das ganze Netz weggeworfen», sagt Gusti. Manchmal müsse auch nur etwas Blut auf der Etikette eines Fleischprodukts sein, und schon lande es im Güsel. Gusti erzählt mir von schlaraffenlandähnlichen Funden: kiloweise Angus Beef (vakuumiert und nicht abgelaufen), Dutzende Stücke Bündnerfleisch en bloc, ganze Container voller frischen Brots oder gelber Bananen.

Gummihandschuhe und Plastiksäcke

Was man ausserdem immer findet, sind Tomaten, Äpfel und Salat. Letzterer ist aber heikel, da er nicht konserviert werden kann. Wie Salat gibt es diverse Lebensmittel, bei denen es sich oft nicht lohnt, sie einzupacken. «Fleisch ist im Sommer selten gut», sagt Gusti, «bei den hohen Temperaturen gärt es in den Containern.» Tatsächlich kommt uns meist ein unangenehmer Geruch entgegen. Und weil darin auch vieles zermatscht ist, zieht Gusti immer Gummihandschuhe an und bringt Plastiksäcke mit.

Nach einer guten Viertelstunde wechseln wir zu einem anderen Supermarkt. Dort finden wir vakuumiertes Rindfleisch, das erst in einigen Tagen abläuft und sich noch kühl anfühlt, Biokonfitüre, eine Schale Humus und Himbeeren. Die Pouletbrüstchen und den Lachs lassen wir zurück. Die «Einkaufstour» dauert gerade mal eine knappe Stunde, also etwa gleich lang, wie ein grösserer Einkauf im Supermarkt. Nur dass man nicht dieselbe Auswahl hat.

Schnell verarbeiten

Zuhause fängt die eigentliche Arbeit aber erst an. Denn im Container werden Früchte und Gemüse oft zerdrückt und müssen deshalb möglichst schnell verarbeitet werden. Bei den Himbeeren werden die schimmligen aussortiert. Aus dem Rest entsteht ein Smoothie. Die anderen Früchte werden zu Fruchtsalat verarbeitet. Tomaten, Kirschen, Blumenkohl und Zucchetti sind aber noch in so gutem Zustand, dass es reicht, sie gut zu waschen und innerhalb der nächsten Tage zu essen. In Gustis WG gibt es einen grossen Gefrierschrank, einen Dörrex, eine Vakuumiermaschine und einen Einkochapparat. Gerade wenn grosse Mengen Lebensmittel gesammelt werden, erleichtern diese Geräte die Verarbeitung: Matschige Tomaten werden eingekocht, Früchte zu Konfitüre verarbeitet, Bananen und Äpfel gedörrt, Fleisch eingefroren, und so weiter.

Nicht verboten

Das Thema Food Waste beschäftigt die Gesellschaft. Dies zeigt beispielsweise, dass die «Monopol»-Direktorin in ihrem Hotel gegen Verschwendung kämpft (wir berichteten). So ist es denn auch nicht erstaunlich, dass Containern, Mülltauchen oder Dumpster Diving, wie diese Tätigkeit genannt wird, mittlerweile relativ verbreitet ist. Im Raum Luzern ist das aber nur in der Agglomeration möglich – in der Stadt sind praktisch alle Container abgesperrt. «Früher waren die Container vom Globus noch offen, aber durch die Nähe zum Bahnhof machten sich auch viele Randständige dahinter», erzählt Gusti. Viele Leute rissen Sachen heraus und liessen sie am Boden liegen. Der Dreck veranlasste Globus, die Container abzuschliessen. Deshalb achten Gusti und seine Freunde darauf, nichts herumliegen zu lassen. Er würde auch nie über einen Zaun steigen, um an Lebensmittel zu kommen, sondern bedient sich nur bei offen zugänglichen Containern.

Mülltauchen ist aus strafrechtlicher Sicht nicht verboten. «Wenn ein Abfallcontainer an die Strasse gestellt wird, hat der frühere Eigentümer den Besitz daran aufgegeben. Mit anderen Worten: Die darin befindlichen Gegenstände sind ‹herrenlos›, und jeder kann herausholen, was er will», sagt Simon Kopp, Mediensprecher der Luzerner Staatsanwaltschaft. Dies gilt auch, wenn sich der Container auf dem frei zugänglichen Areal eines Supermarkts befindet. «Sind die Container aber in einem zu einem Haus gehörenden umfriedeten Platz, Hof oder Garten, kann Hausfriedensbruch vorliegen, wenn man sich daran zu schaffen macht oder über den Zaun steigt», so Kopp. Und wenn die Lebensmittel für einen bestimmten Zweck bereitgestellt werden, beispielsweise für gemeinnützige Organisationen, sind sie eben nicht «herrenlos», und es ist Diebstahl, wenn man sich davon bedient.

«Container abgeschlossen»

Bei Coop ist Containern nicht möglich, da keine Container bei den Verkaufsstellen stehen. «Alle Abfälle gehen zurück in die regionalen Verteilzentralen. Von dort werden sie der jeweiligen Entsorgung oder dem Recycling zugeführt», sagt Coop-Mediensprecherin Andrea Bergmann. Auch von Lidl werden die Waren direkt ans Warenverteilzentrum zurückgeführt. Bei Aldi heisst es: «Zum Schutz der Gesundheit soll der Zugang nach Möglichkeit verwehrt werden. Aus diesem Grund sind unsere Container generell abgeschlossen», so Aldi-Sprecher Philippe Vetterli. Und bei Manor Food und Migros sind die Container für Aussenstehende ebenfalls nicht zugänglich.

Allerdings: Bei mindestens zwei dieser Geschäfte trifft ihre Behauptung wenigstens in einzelnen Filialen nicht zu, wie unsere Redaktion weiss.

* Name geändert.

Die Ausbeute von Gustis* Tour. (Bild Beatrice Vogel)

Die Ausbeute von Gustis* Tour. (Bild Beatrice Vogel)

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