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FOTOGRAFIE: Die Reuss – eine Lebensader

Grosse Flüsse werden von Poeten gerne als «Quellen des Lebens» bezeichnet. Sie sind aber auch eine Quelle von Geschichten, wie der Fotograf Jakob Ineichen mit seinen Bildern zeigt.
Lena Berger
Menschen mit einem besonderen Bezug zur Reuss: Wangeci und Franz Zwyssig fischen am Schwärzliseeli, die ehemalige Reussfähre-Frau (Bilder: Jakob Ineichen)

Menschen mit einem besonderen Bezug zur Reuss: Wangeci und Franz Zwyssig fischen am Schwärzliseeli, die ehemalige Reussfähre-Frau (Bilder: Jakob Ineichen)

Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch

Fotografen fangen flüchtige Momente ein und halten sie für die Ewigkeit fest. Der Blick durch eine Kamera schärft ihre Sinne für das Aussergewöhnliche im Gewöhnlichen. Das zeigt sich auch in der Arbeit der Luzerner Fotografen Jakob Ineichen. Er hat die Reuss in den Fokus seiner Abschlussarbeit des Fotografie-Studiengangs an der Schweizer Journalistenschule (Maz) gestellt. Bei seiner fotografischen Reise dem Fluss entlang ist er auf Menschen getroffen, die ihm aus ihrem Leben erzählt haben. Er hat neben den Bildern berührende Geschichten gesammelt und stellt nun eine Auswahl seiner Werke aus.

Schon die erste Begegnung des Fotografen war eine unerwartete. Auf der Suche nach einer Reussquelle traf er am Schwärzliseeli, nahe dem Furkapass, auf ein Paar beim Fischen. Wangeci und Franz Zwyssig warfen gerade am Ufer ihre Angeln aus und blickten gemeinsam aufs Wasser. Sie ist ursprünglich Kenianerin, er ein waschechter Urner. «Hier in der Einsamkeit dieses binationale Paar zu treffen, hat mir sehr gefallen», erzählt Ineichen. Die Eltern zweier erwachsener Kinder haben sich Anfang der 1990er-Jahre in Zürich kennen gelernt – und sind seither ein Paar geblieben. Der Blick aufs Wasser macht Wangeci oft nachdenklich. «Es ist so schön an dem Fluss», sagte sie dem Fotografen. «Ich denke häufig, wie schön es wäre, wenn diese Mengen an Wasser auch in Afrika wären. Wenn ich es verteilen könnte ...» Ihr Ehemann Franz aber weiss nur zu gut, dass dieser Fluss auch eine wilde Seite hat. «Die Reuss bedeutet Veränderung. Überschwemmung. Sie ist aber auch die Ader des Kantons Uri.»

Eine Liebesgeschichte, die mit der Reuss ihren Anfang nahm

Diese Ambivalenz wird in mehreren Begegnungen spürbar, die Jakob Ineichen im Verlaufe der letzten zwei Jahre gemacht hat. Am deutlichsten bei Hannes Munz. Der junge Mann hat die Kraft des Wassers am eigenen Leib gespürt. Bei einem Ausflug mit dem Gummiboot wurde er gemeinsam mit drei Freunden durch die Schleuse bei Perlen gezogen. «Ich weiss noch, als der Erste aufgab und aus dem Boot sprang, da wusste ich, dass es gelaufen war. Es brach Panik aus. Das Schiff blieb hängen in der Schleuse», erinnert er sich. Die vier hatten grosses Glück, sie sind nur mit einigen Kratzern davongekommen. Das Erlebnis aber macht nur allzu deutlich, wie unberechenbar ein Fluss wie die Reuss sein kann – und wie tragisch es enden könnte, wenn man sie unterschätzt. «Wasser nimmt und Wasser gibt», so heisst es. Das hat auch Jakob Ineichen während der Arbeit an seinem Projekt gelernt. «Einer der berührendsten Momente für mich war das Gespräch mit Peter Schmid in Zumdorf», erzählt Ineichen. Als junger Senn hat dieser auf den Alpen im Urserntal oft den Alpsegen gerufen – nicht ahnend, dass dies einst sein Leben verändern würde. Denn eines Abends hat ihn eine junge Frau auf der Durchreise gehört. Sie wollte eigentlich weiter über den Furkapass, wo die Reuss entspringt. Doch als sie die wundersamen Klänge vernahm, entschied sie spontan, am nächsten Morgen den Senn zu suchen, der gesungen hatte. So fand sie Peter Schmid, der gerade auf dem Weg ins Tal war. Die beiden wurden ein Paar – und sind heute noch glücklich verheiratet. Die Reuss hat dem Senn also die Liebe seines Lebens beschert. «Bereits bei unserem zweiten Treffen hat Peter Schmid mir diese wunderbare Geschichte erzählt – und damit mein Vorurteil widerlegt, dass Urner vom Typ her eher verschlossen sind», sagt Ineichen mit einem Schmunzeln.

Auf seiner Reise von der Quelle der Furkareuss bis nach Gebenstorf, wo die Reuss in die Aare mündet, ist Jakob Ineichen des Öfteren von der Spontanität der Menschen überrascht worden. Ein Schiffsführer auf dem Urnersee gab ihm Einblick in seine Arbeit – genau wie der Reusswehr-Verantwortliche in Luzern und der Mitarbeiter Jagd und Fischerei des Kantons Aargau. Auch die Familie Schmidiger bat Jakob Ineichen spontan in die Stube. Und zwar, als er am Ufer an der Reussegg auf ein Schild stiess, auf welchem ein Fährdienst erwähnt war. «Ich klingelte beim nächsten Haus an die Türe, um zu fragen, was es damit auf sich hatte – und kam so ausgerechnet mit Martha Schmidiger in Kontakt. Sie war die Frau, die jahrelang die Fähre bediente», erzählt Ineichen. Von 1955 bis ungefähr 1995 betrieb deren Familie nebst einem kleinen Bauernhof die zum Grundstück gehörende Fähre. Als es noch nicht so viele Brücken über die Reuss gab wie heute, wurde die Fähre rege genutzt, um über das Wasser zu kommen. So erzählt die Reuss auch Geschichten, die längst vergangen sind.

Jakob Ineichen arbeitet seit längerer Zeit als freier Fotograf in Luzern – unter anderem auch für diese Zeitung. «Durch die Fotografie erhalte ich Einblick in andere Leben und Welten, die mir sonst verborgen blieben», sagt er über seine Arbeit. Und dieser Neugier will er auch weiterhin folgen.

Hinweis

Die Bilder von Jakob Ineichen sind Teil seiner Abschlussarbeit. Sie werden noch bis am 1. Juni in der Journalistenschule Maz in Luzern gezeigt.

Menschen mit einem besonderen Bezug zur Reuss: Wangeci und Franz Zwyssig fischen am Schwärzliseeli (Bild: Jakob Ineichen (Jakob Ineichen))

Menschen mit einem besonderen Bezug zur Reuss: Wangeci und Franz Zwyssig fischen am Schwärzliseeli (Bild: Jakob Ineichen (Jakob Ineichen))

Der Urschner Peter Schmid ruft den Alpsegen. (Bild: Jakob Ineichen (Jakob Ineichen))

Der Urschner Peter Schmid ruft den Alpsegen. (Bild: Jakob Ineichen (Jakob Ineichen))

Das Projekt führte den Fotografen von der Furkareuss-Quelle über Luzern und die Stilli Rüss (im Bild) bis zur Einmündung des Flusses in die Aare (Bild: Jakob Ineichen (Jakob Ineichen))

Das Projekt führte den Fotografen von der Furkareuss-Quelle über Luzern und die Stilli Rüss (im Bild) bis zur Einmündung des Flusses in die Aare (Bild: Jakob Ineichen (Jakob Ineichen))

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