Franziskanerkirche: Ein engagierter Katholik sagt Adieu

Viele Jahre hat Cornel Baumgartner die Geschicke der Pfarrei St. Maria zu Franziskanern in Luzern geleitet. Jetzt geht er in Pension.

Natalie Ehrenzweig
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Cornel Baumgartner (65) vor «seiner» Franziskanerkirche.

Cornel Baumgartner (65) vor «seiner» Franziskanerkirche.

Bild: Jakob Ineichen (Luzern, 7. April 2020)

Ausgerechnet kurz vor seiner Pensionierung musste Cornel Baumgartner am Osterwochenende eine unfreiwillige Premiere erleben: «Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich die Karwoche nicht in der kirchlichen Gemeinschaft feiere», sagt der 65-Jährige. Denn sein letztes Osterfest als Leiter der Pfarrei St. Maria zu Franziskanern ist durch die Corona-Krise geprägt. So konnte er lediglich Kerzen anzünden – und die Streaming-Gottesdienste aus der Weinbergli-Kirche am Karfreitag und aus der Jesuitenkirche an Ostern schauen. Als der gebürtige Aargauer noch ein Bub war, waren ihm die Rituale in der Kirche bereits wichtig und er war überzeugter Ministrant. «Unser damaliger junge Vikar hat mich gefördert und mir das Theologiestudium vorgeschlagen», sagt der Pfarreileiter. Nach dem Kollegi in Sarnen studierte er in Salzburg: «Nach dem Kollegi brauchte ich etwas Freiheit», erinnert er sich. Sein Ziel war es damals, Priester zu werden. «Doch da kam mir meine Frau dazwischen», meint er lachend.

Heiraten und Kirche: Beides ging in Erfüllung

Mit dem Zölibat habe er damals nicht gehadert, auch wenn er am liebsten beides gehabt hätte: «Nötig fand ich das Zölibat nie». Der Wunsch, in der katholischen Kirche zu arbeiten, ging für Cornel Baumgartner letztlich genauso in Erfüllung wie der Wunsch zu heiraten. Er war übrigens der erste verheiratete Leiter der Franziskaner-Pfarrei. Das Amt trat er vor zehn Jahren an. «Eigentlich wollte man damals einen Priester, da wir hier in dieser Zentrumskirche einen starken Fokus auf die Liturgie haben». Doch ein geweihter Priester liess sich nicht finden – Baumgartner packte die Chance. Daran zeige sich die Offenheit – auch gegenüber den demokratischen Mitteln – der Kirche, findet Cornel Baumgartner.

«Ich halte wenig von traditionalistischen Strömungen»

Er stelle ganz allgemein fest, dass die Basis in der Kirche viel fortschrittlicher sei, als die Institution. «Die Kirche muss für die Menschen da sein, der Mensch muss im Mittelpunkt der Seelsorge sein. Ich halte wenig von den traditionalistischen Strömungen, die moralisch und dogmatisch daherkommt.» Man müsse den Menschen nicht vorschreiben, wie sie leben sollen, «sondern es wenn schon vorleben», betont er.  Er selbst sei immer auf der Suche nach der Wahrheit gewesen, habe sie aber nie für sich gepachtet. In den 40 Jahren, in denen Cornel Baumgartner erst als Jugendarbeiter, später in anderen Funktionen, in der Kirche tätig war, hat er Veränderungen wahrgenommen.

«Die katholische Kirche ist keine Volkskirche mehr, so wie ich sie als Kind erlebt habe.»

Heute fordern die Gemeindemitglieder Erklärungen, die Kirche müsse erläutern, wieso etwa ein Kind getauft werden soll. «Weil man es halt so macht» genüge den Menschen nicht mehr, so der Pfarreileiter. Dies sei jedoch auch gut. Es rege zum Nachdenken an und vieles sei nicht mehr selbstverständlich. Er registriere auch weniger sozialen Druck: «Wenn man früher mal nicht in der Kirche war am Sonntag, dann wusste das der Nachbar gleich. Heute sind wir individualistischer geworden». Eigene Interessen stehen allgemein mehr im Mittelpunkt. «Da merke ich bei uns auch den Unterschied zwischen einer Zentrumskirche und einer Quartierkirche.» Die Quartierkirche sei mit mehr Vereinen umgeben. «Wir hier im Zentrum müssen da ein anderes Angebot machen», sagt Baumgartner. So suchten hier einige bewusst die Anonymität. Vielleicht ist gerade auch deshalb das Pfarreizentrum Barfüesser so wichtig: «Dort geben wir den Menschen Raum und ein Stück Heimat.»

In der Krise ist die Gemeinde zusammen gerückt

Heimat ist gerade auch in dieser Krisenzeit wichtig. Cornel Baumgartner versucht, sein Team aufrecht zu halten, aber der physische Kontakt fehlt ihm zurzeit: «Wir rufen nun Leute an, reden und wünschen frohe Ostern. Auch zu Geburtstagen tue ich das jetzt noch bewusster». Besonders gefreut hat es ihn, dass auch ein Gemeindemitglied die Pfarrei angerufen hat, um zu fragen, wie es dem Team gehe. «Dabei ist das doch unsere Aufgabe», sagt der Pfarreileiter. Angst spüre er in der Gemeinde aber keine. Trotz Distanz sei man näher zusammengerückt. So freuen ihn die Nachbarschaftshilfe vieler junger Menschen, die Gespräche und die Zeit. «Was wir längerfristig daraus machen, wird sich zeigen». Es passe aber irgendwie in die Fastenzeit, in die Zeit des Verzichts. «Viele müssen sich nun im Verzichten üben. Wir werden auf uns selbst zurückgeworfen und wachsen daran», ist er überzeugt.

Taufen und Firmungen waren seine Highlights

Nach einer Übergangszeit, in der die beiden Pfarreiseelsorgenden Simone Marchon und Winfried Bader die Pfarrei führen, übernimmt im Sommer Gudrun Dötsch das Zepter (siehe Artikel unten): Die erste Frau, die die Pfarrei St. Maria zu Franziskanern leiten wird – wiederum ein Zeichen der Offenheit. Für die Zukunft der Kirche wünscht sich der zukünftige Pensionär noch mehr Menschen mit Zeit und grossen Ohren zum Zuhören. «Die Kirche besitzt weder Gott noch den Glauben. Es braucht Toleranz. Die ist heute viel grösser als damals, als ich klein war. Ich wünsche mir eine Kirche zum Anfassen», sagt er. Seine Highlights seien denn auch das gelebte Christentum, etwa bei Taufen oder Firmungen: «Hier konnte ich mit jungen Menschen reden, zweifeln und auf der Suche sein». Im Gegensatz zu all den Ritualen, die sein berufliches Leben bisher geprägt haben, will Cornel Baumgartner nach seiner Pensionierung bewusst eine strukturlose Zeit erleben. Zeit haben für seine drei erwachsenen Kinder und seine bald schon drei Enkelkinder. «Ich bin gerne draussen, gehe baden, will an die Seniorenuni. Und ich will mich auch in der Freiwilligenarbeit engagieren – nach einer Weile», meint Cornel Baumgartner lachend.

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