FRANZÖSISCH-DEBATTE: «Mehr gelernt als in allen Franz-Lektionen»

Nidwaldner Schüler sollen Französisch in der ­Romandie lernen statt in der Primarschule. Das sei effizienter, sagen auch junge Luzerner, die einen Sprachaufenthalt gewählt haben.

Yasmin Kunz
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Nidwaldner Primarschüler sollen Französisch in der Romandie lernern, statt in der Schule. (Symbolbild Neue NZ)

Nidwaldner Primarschüler sollen Französisch in der Romandie lernern, statt in der Schule. (Symbolbild Neue NZ)

Nidwaldner Oberstufenschüler sollen künftig zu einem zweiwöchigen Romandie-Aufenthalt verpflichtet werden. Dies als Ausgleich zur Abschaffung des Frühfranzösisch, wie es die Nidwaldner Regierung vorsieht (TV-Debatte finden Sie hier).

Schüleraustausche zwischen West- und Deutschschweiz gibt es bereits heute. Der Grossteil von ihnen wird über die Stiftung ch abgewickelt. Gemäss deren Statistik haben im Schuljahr 2012/13 über 300 Luzerner Schüler – vom Primar- bis zum Kantischüler – an einem Austauschprojekt mit der Romandie teilgenommen. Die Aufenthaltsdauer variierte zwischen einer Woche und einem Jahr. Interessant: Im viel kleineren Nachbarkanton Nidwalden war die Beteiligung deutlich stärker – Nidwalden schickte 153 Austauschschüler auf die andere Seite der Saane. Die Statistik zeigt auch, dass umgekehrt deutlich mehr Westschweizer Schüler in die Deutschschweiz kommen. Der Kanton Waadt etwa, der rund doppelt so gross ist wie der Kanton Luzern, schickte im Schuljahr 2012/13 viermal so viel Schüler in die Deutschschweiz.

Fürs 10. Schuljahr nach Freiburg

Silvia Mitteregger von der Stiftung ch erklärt, dass die Zahlen der Austauschschüler in den letzten fünf Jahren generell gestiegen seien. Auch die Koordinationsstelle für Sprachaustausche (KoSA) in Fribourg organisiert Sprachaufenthalte zwischen dem Kanton Freiburg und ausgewählten Deutschschweizer Kantonen, darunter auch Luzern. Momentan absolvieren total 180 Schüler ein zehntes Schuljahr in einer anderen Sprachregion. Angemeldet haben sich allerdings viel mehr, nämlich 323. «Es gab viel zu wenig Gastfamilien», sagt Bernard Dillon von der KoSA.

Luzern: 16 000 Franken pro Schüler

Und auch bei KoSA ist das Interesse auf Westschweizer Seite deutlich höher als umgekehrt. So befinden sich aktuell 11 Schüler aus Luzern in einem Austauschjahr in Freiburg – während 27 Freiburger Schüler in Luzern weilen. Der Kanton Luzern zahlt jeweils 16 000 Franken pro Schüler, der ein Jahr nach Freiburg geht. Für die Eltern fallen Kosten von 600 Franken pro Monat an – es sei denn, sie beherbergen ihrerseits einen Austauschschüler aus Freiburg.

Lehrpersonen ergreifen Initiative

Neben den erwähnten Organisationen setzen auch einzelne Lehrpersonen auf Sprachaustausche. So etwa Oberstufenlehrerin Nathalie Keller vom Schulhaus Utenberg in Luzern. Sie organisierte letztes Jahr zusammen mit einer Berufskollegin einen Austausch. «Wir haben in Aigle eine Lehrerin gefunden, die begeistert war von unserer Idee.» Beim ersten Treffen in Bern haben sich die Schüler – nur jene die wollten – einen Partner ausgesucht. Bald darauf besuchten die Luzerner ihr «Tandem» in Aigle, gingen mit ihm zur Schule und lebten in seiner Familie. Anschliessend kamen die Schüler von Aigle nach Luzern. Trotz des Mehraufwands sagt Keller: «Der Austausch war für die Schüler und mich ein Riesenerfolg. Die Schüler meinten dazu: Wir haben in dieser Woche mehr gelernt als in all den Franzlektionen.»

Für Marino Tiziani (16) aus Honau liegt der Austausch in Ecuvillens (Freiburg) noch nicht lange zurück. Tiziani machte mit der KoSA ein Austauschjahr. An seinen ersten sprachlichen Fauxpas erinnert er sich noch gut: «Je aller» statt «je vais.» Der gleichaltrige Gastbruder habe ihn nach mehrmaligen Fehlversuchen korrigiert, erklärt der Schreinerlehrling. Dass er nach fünf Jahren Schulfranzösisch nur Standardsätze sagen konnte, störte ihn wenig. «Am Anfang reicht das auch», findet Tiziani. Er konnte in der Kantine Essen bestellen und nach dem Weg fragen – immerhin.

Obwohl der Sprachaufenthalt in Frankreich bei Rahel Odermatt (48) aus Hergiswil schon 33 Jahre zurückliegt, erinnert auch sie sich noch gut an die Startschwierigkeiten. «Die ersten Wochen kommunizierte ich mit Händen und Füssen.»

Wegen «Franz» durchgefallen

Doch warum wollen die Jugendlichen ihr Französisch ausserhalb der Schule aufpolieren? «Leider bin ich ausschliesslich wegen der Französischnote durch die Aufnahmeprüfung der Fachmittelschule gerasselt – und zwar haushoch», sagt Marino Tiziani. Wollte er eine Chance haben, die Berufsmatura zu machen, musste er seine Französischkenntnisse erweitern. So entschied er, ein Jahr dafür zu investieren – was sich schliesslich gelohnt habe.

Während Marino Tiziani in Ecuvillens bei einer Familie lebte, beherbergten Tizianis das Mädchen der Westschweizer Familie. Marinos Mutter Daniela sagt zum Schüleraustausch: «Dass ein Sprachaufenthalt einfach und günstig sein kann, finde ich toll.» Seit Anfang Sommer sind die beiden wieder zurückgetauscht und die Eltern glücklich, ihre eigenen Teenies wieder zu haben. «Es ist schön, wenn die Familie wieder zusammen ist», sagt die fünffache Mutter. Die letzte Austauschschülerin war bereits Tizianis dritte. «Nun brauche ich eine Pause», räumt sie ein.

Hinweis

10. Schuljahr in Freiburg: Die Schüler gehen dort zur Schule und leben in einer Gastfamilie. www.fr.ch/coes

Einzel- und Klassenaustausche: Stiftung ch: www.ch-go.ch und www.fr.ch/coes