Vieles erreicht, aber lange nicht genug: Frauen streben auch 2020 nach Höherem

Hunderttausende am Frauenstreik, zweiwöchiger Vaterschaftsurlaub, rekordhoher Frauenanteil im Bundeshaus: Die Schweiz unternahm 2019 grosse Schritte in Richtung Gleichberechtigung. Doch der Weg ist noch weit.

Linda Leuenberger und Jonas von Flüe
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Pius Amrein

Manuela Weichelt-Picard (Alternative – die Grünen) ist die erste Frau, die den Kanton Zug im Nationalrat vertritt. Monika Rüegger (SVP) ist die erste Obwaldnerin im Bundeshaus, Heidi Z'graggen (CVP) die erste Urnerin im Ständerat. Das Jahr 2019 hat auf politischer Ebene viele Geschichten geschrieben. Neben dem Siegeszug der Grünen und der Klimadebatte sorgten in diesem Jahr vor allem Frauen für Furore. Erfolgsgeschichten wie diejenigen von Weichelt-Picard, Rüegger und Z'graggen finden sich in vielen anderen Kantonen.

Korintha Bärtsch

Korintha Bärtsch

Die Grüne Korintha Bärtsch unterlag im Kampf um einen Sitz im Luzerner Regierungsrat ihren männlichen Kontrahenten erst im zweiten Wahlgang. 51'640 Stimmen hat sie erhalten. Sie hat mehr als einen Achtungserfolg erzielt und Stimmen aus allen politischen Ecken erhalten. «Ich habe die Unterstützung von sehr vielen Frauen und Männern gespürt. Es hat mich gefreut, dass die Vertretung der Frauen in der Regierung ein so präsentes Thema war», sagt die 35-Jährige rückblickend.

Auch für Karin Stadelmann geht ein erfolgreiches Jahr zu Ende. Die 34-Jährige ist seit April Präsidentin der CVP Stadt Luzern, gut möglich, dass sie bald im Kantonsrat politisiert – sie ist erste Ersatzkandidatin. Eine so junge Frau an der Spitze einer konservativen Partei ist eine Seltenheit. «Es gibt Leute, die sagen, man müsse zuerst ein paar Jahre Erfahrung sammeln, um führen zu können. Gleichzeitig wird vermehrt jüngeren Leuten eine Chance gegeben», sagt sie. Ihren Weg geebnet hat ihre Vorgängerin: Ständerätin Andrea Gmür.

Karin Stadelmann

Karin Stadelmann

In den nationalen Wahlen im Herbst stieg der Frauenanteil im Bundeshaus auf ein Rekordhoch. Der Nationalrat besteht neu zu 42 Prozent aus Frauen, der Ständerat zu 26 Prozent. Laut Zahlen des Bundesamtes für Statistik hat die Schweiz damit im europäischen Vergleich den fünfthöchsten Frauenanteil in nationalen Parlamenten. Adäquat vertreten sind Frauen, die 50,4 Prozent der Schweizer Bevölkerung ausmachen, damit aber noch bei weitem nicht.

Gerade in der Zentralschweiz sieht es punkto Gleichstellung in der Politik immer noch trist aus, sagt Andreas Balthasar, Professor für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt auf Schweizer Politik an der Universität Luzern. In den Regierungsräten der Zentralschweizer Kantone sind Frauen immer noch untervertreten. Mehr als zwei Frauen trifft man in keiner Regierung an, in Luzern gar keine. Dass Frauen in den kantonalen Regierungen immer noch schlecht vertreten sind, stuft Balthasar als problematisch ein: Zum einen sehe die Hälfte der Bevölkerung ihre Stimme nicht akkurat repräsentiert. Zum anderen leide der politische Diskurs: Je mehr Menschen mit verschiedenen Perspektiven an Lösungen mitarbeiten, desto besser seien nachweislich die Resultate.

Der nationale Frauenstreik sollte genau auf solche Missstände aufmerksam machen. Hunderttausende Frauen und Männer gingen am 14. Juni schweizweit auf die Strassen, demonstrierten gegen zu hohe Hürden und für bessere Rahmenbedingungen in der Politik, in der Wirtschaft und der Gesellschaft.

Boris Bürgisser

Jana Avanzini hat den Luzerner Frauenstreik mitorganisiert. «Der Frauenstreik hat Gleichstellungsthemen Präsenz in der Gesellschaft, den Medien und der Politik beschert», sagt die 33-Jährige. Seit 1981 steht in der Schweizer Verfassung, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Zum Beispiel: «Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit.»

Jana Avanzini

Jana Avanzini

Doch die Lohnunterschiede sind auch 38 Jahre später noch frappant. Das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann hat ermittelt, dass rund 40 Prozent der Lohnunterschiede nicht durch objektive Faktoren wie Ausbildung oder Berufserfahrung erklärbar sind. Korintha Bärtsch sagt: «Es braucht vor allem bessere Rahmenbedingungen für Frauen, damit sie Familie und Beruf unter einen Hut bringen können.» Jana Avanzini sagt:

«Als junge Frau wird man noch lange nicht überall gleich ernst genommen wie ein Mann.»

Dieser Aussage pflichtet Adrian Itschert bei. Er ist Experte für Ungleichheitssoziologie, lehrt und forscht an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Uni Luzern. Der Frauenstreik und seine mediale Präsenz hätten zwar Schwellen abgebaut und das Phänomen «Frau in der Politik» weiter naturalisiert. Jedoch scheine das «Gender» in der Wahrnehmung der Bevölkerung nach wie vor eine grosse Rolle zu spielen. Frauen werden, wie Itschert erklärt, sowohl von Frauen als auch von Männern als eher inkompetent, naiv und ihren Emotionen verfallen angesehen. Männer hingegen werden häufiger als risikofreudig und rational eingestuft.

Der Kampf der Frauen geht also weiter. Aber wie? Was bleibt vom Frauenstreik 2019? Und wie sollen Frauen aktiv gefördert werden? Diesen Fragen gehen wir mittels verschiedener Stimmen nach:

Wie nachhaltig war der Frauenstreik 2019?

Der Frauenstreik wurde von den Organisatoren als grösste politische Demonstration der neueren Geschichte der Schweiz bezeichnet. Die Bilder waren eindrücklich. Allein in Luzern zogen Tausende vom Theaterplatz durch die Altstadt und über die Seebrücke zurück auf den Theaterplatz. Die Forderung nach Gleichstellung wurde laut und bunt an die Öffentlichkeit getragen. Der Frauenstreik 2019 soll aber wie derjenige 1991 ein einmaliges Grossereignis bleiben und nicht so schnell wiederholt werden. «Frauen haben gesehen, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine dastehen und dass es andere Frauen gibt, die in der gleichen Situation sind oder waren», sagt Korintha Bärtsch. Karin Stadelmann hat sich nicht am Streik beteiligt, weil sie Streiken für ein falsches Mittel hält, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Die Anliegen unterstütze sie aber klar: «Der Frauenstreik hat das Thema Gleichstellung auch Männern noch mehr ins Bewusstsein gerufen und hatte eine Signalwirkung.» Auch für die Herbstwahlen. Stadelmann hofft, dass sich Frauen vermehrt auch auf Gemeindeebene engagieren. Jana Avanzini ist gar überzeugt, dass auch am 29. März mehr Frauen gewählt werden, wenn im Kanton Luzern die kommunalen Wahlen anstehen. «Die Politik hat gemerkt, dass Gleichstellungsthemen in der Bevölkerung einen grossen Rückhalt haben und man sich ihnen nicht mehr entziehen kann.» Am 14. Juni hätten viele Frauen Energie tanken können für die «täglichen kleinen Kämpfe gegen Stereotypen».

Politologe Andreas Balthasar meint, der Frauenstreik habe durchaus positive Auswirkungen im Sinne der Frauenstreik-Interessen. Frauen engagieren sich vermehrt – und werden auch gewählt. «Wenn das Level einmal erreicht ist, dass es mehr Frauen in der Politik gibt und dies als selbstverständlich empfunden wird, dann wird der Streik seine Wirkung auch auf lange Sicht beibehalten.» Adrian Itschert, der unter anderem soziale Bewegungen untersucht, sagt: «Ein Streik als alleiniges Ereignis bewirkt nicht viel.» Aber: Er diene als Signal. Nachdem das Signal gesendet und die Forderungen kundgetan sind, gelte es nun für die Frauen, weiterhin mediale Aufmerksamkeit zu generieren. Etwas Neues zu machen, relevant zu bleiben. Es gelte, die Gratwanderung zwischen «im Gespräch bleiben» und «Übersättigung» zu bewerkstelligen. So würden soziale Bewegungen und Streiks eine nachhaltige Wirkungskraft erlangen.

Was hat sich in diesem Jahr punkto Gleichstellung verändert?

Das Parlament hat entschieden, dass Männer künftig zwei Wochen bezahlten Vaterschaftsurlaub erhalten sollen. Ebenfalls im Herbst wurden so viele Frauen wie noch nie ins Bundeshaus gewählt. Alle Befragten sprachen unisono von einem guten Jahr, was die Gleichstellung von Mann und Frau betrifft. Karin Stadelmann macht eine viel grössere Solidarität unter Frauen aus, auch parteiübergreifend. «Es wurde vielen bewusst, dass wir in der Schweiz bei den Themen Lohngleichheit sowie der Vereinbarkeit von Beruf und Familie teils noch in den Kinderschuhen stecken.» Andreas Balthasar sagt, aus politologischer Sicht habe das Frauenjahr Defizite sichtbar gemacht. Auch wenn die Politik einen Sprung gewagt habe, sei die Gleichstellung noch erreicht. Gerade in der Wirtschaft, in Führungsgremien, sowie in technischen Berufen gebe es versäumte Chancen:

«Wir schöpfen unser Potenzial nicht aus und hinken gegenüber anderen Ländern hinterher.»

Haben junge Frauen heute bessere Chancen, gehört zu werden?

Anja Zeidler

Anja Zeidler

Eveline Beerkircher

Anja Zeidler hat auf Instagram 298'000 Follower. Was sie sagt, wird gehört. Was sie schreibt, wird gelesen. Sie ist überzeugt, dass Frauen heute selbstbewusster und stärker auftreten als früher, warnt aber davor, dass vor allem junge Frauen oft immer noch einem «Idealbild» zu entsprechen hätten. Gerade digitale Plattformen wie Instagram könnten zu Verunsicherung führen. Zeidler erwartet Anfang Jahr ihr erstes Kind, eine Tochter: «Ich bin zuversichtlich, dass sie es in Punkto Gleichstellung eines Tages einfacher haben wird.»

Karin Stadelmann ist ebenfalls in den sozialen Medien aktiv. Sie sagt: «Nicht nur Frauen werden mehr über Social Media gehört, sondern junge Menschen generell.» In Finnland wurde Anfang Dezember mit Sanna Marin eine 34-jährige Frau zur neuen Regierungschefin gewählt, was ein grosses internationales Echo ausgelöst hat. «Viele Leute finden das zwar gut, aber dennoch viel aussergewöhnlicher als einen jungen Kanzler in Österreich. Solange junge Frauen in Führungspositionen als speziell wahrgenommen werden, sind wir noch nicht gleichberechtigt», meint Jana Avanzini.

Junge Frauen sollten die Chance nutzen, sich mit den Frauen auszutauschen, die beim ersten Frauenstreik vorne mitmarschiert sind, meint Politikwissenschaftler Andreas Balthasar. Mit den Frauen, die ohne politische Rechte zur Welt kamen. Nur wenn man die Frauenbewegung über die Zeit hinweg beobachte und ein Bewusstsein für Ungleichheiten entwickle, liessen sich die Chancen, die sich durch die ausgewogene Mitwirkung von Frauen bieten, besser erkennen.

Wie werden Frauen in Zukunft aktiv gefördert?

Laut Korintha Bärtsch ist der Nachholbedarf in der Frauenförderung überall gross: «In der Exekutive, der Legislative, in Führungspositionen der Wirtschaft, im Sport, bei den Witzen am Stammtisch.» Um zu verstehen, wie Frauen gefördert werden können, muss man sich bewusst werden, dass es zweierlei Arten von Strukturen gibt, die Frauen benachteiligen. Zum einen sind dies verhärtete formelle Strukturen, die sich aber relativ einfach lockern lassen. So ist die Gleichstellung der Geschlechter beispielsweise im Gesetz verankert und in vielen Unternehmen müssen freie Stellen öffentlich ausgeschrieben werden. Informelle Strukturen auf der anderen Seite sind weit hartnäckiger. Sie zeichnen sich durch Netzwerkbeziehungen aus, durch Freundschaften, durch Stammtischgespräche. Von denen profitieren Männer in der Arbeitswelt nachweislich mehr und besser, zumal «die Arbeitswelt» – seit es sie gibt – von ihnen dominiert wird. Der Soziologe Adrian Itschert weiss:

«Festgefahrene Strukturen sind nur mit ‹temporärer Gegendiskriminierung› zu lösen.»

Das prominenteste Beispiel: Die Frauenquote.

Karin Stadelmann würde eine vorübergehende Quote begrüssen: «Ich will keine fixe Quote. Aber ich will, dass Frauen auch in obere Führungsetagen hineinkommen, dass sie auch eine Führungsfunktion oder ein VR-Mandat erhalten, wenn sie ein Kind haben und nur 80 Prozent arbeiten.» Das Luzerner Frauenstreik-OK veranstaltet Lesezirkel, Diskussionsrunden oder Aktionen wie zuletzt «16 Tage gegen Gewalt an Frauen».

Was bedeutet die höhere Anzahl Frauen im Schweizer Parlament?

Dass nun mehr Frauen denn je im nationalen Parlament mitpolitisieren, nützt laut des Politologen Andreas Balthasar unter anderem den klassischen Frauenthemen: Gleichstellung am Arbeitsplatz, bessere Entlöhnung von Betreuungsarbeit und fehlende Kinderbetreuungsangebote werden präsenter. Diese Anliegen werden verstärkt als Themen von gesellschaftlicher Relevanz wahrgenommen. Hinzu komme, dass sich Frauen, weil sie nun besser repräsentiert und gehört werden, vermehrt politisch und gesellschaftlich engagieren werden. Der Ausschluss von Frauen aus der Politik wird nicht mehr für legitim empfunden, schliesst der Soziologe Adrian Itschert an: Frauen müssen sich ihre Daseinsberechtigung nicht mehr so sehr erkämpfen, wie sie das früher mussten. Und sie trauen sich mehr zu.

Gibt es einen Stadt-Land-Graben, was die Stellung der Frauen in der Gesellschaft anbelangt?

Korintha Bärtsch und Karin Stadelmann haben im Wahlkampf kein solches Phänomen gespürt. Jana Avanzini, in Nidwalden aufgewachsen und in der Stadt Luzern wohnhaft, ist hingegen überzeugt, dass Frauen auf dem Land eine andere Stellung haben als in der Stadt. Das sehe man etwa im Wählerverhalten. «Es ist einfach so, dass linke Parteien sich eher für Gleichstellungsthemen einsetzen und die werden nun mal eher in urbanen Gebieten gewählt.»

In den Sozialwissenschaften ist man sich einig, dass es Stadt-Land-Unterschiede gibt – diese lassen sich nachweisen. Einig sind sich Andreas Balthasar und Adrian Itschert allerdings auch darin: Den Stadt-Land-Graben als einzige Erklärung für die unterschiedliche Stellung der Frau heranzuziehen, greift zu kurz. Es spielt hier eine Vielzahl anderer Faktoren eine Rolle, ohne dass die Problematik restlos geklärt ist.

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