FRAUENSCHWINGEN: Die Königin verlässt ihr Reich

Ihre Regentschaft als Schwinger­königin dauerte zwei Jahre. Jetzt hängt Margrit Vetter-Fankhauser die Zwilchhose an den Nagel. Langweilig wird es der 28-Jährigen aber nicht.

Roland Bucher
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Der Lohn für viele Stunden harten Trainings: Zum Abschluss ihrer Karriere gewinnt Margrit Vetter-Fankhauser ein Fohlen, das einen Wert von rund 1400 Franken hat. (Bild Pius Amrein)

Der Lohn für viele Stunden harten Trainings: Zum Abschluss ihrer Karriere gewinnt Margrit Vetter-Fankhauser ein Fohlen, das einen Wert von rund 1400 Franken hat. (Bild Pius Amrein)

Um im Leben ausserordentliche Ziele abstecken und erreichen zu können, braucht es eine gesunde Portion Tatendrang. Visionen, auch Eigenwilligkeit. «Eigenwillig? Ja, das bin ich schon», gesteht Margrit Vetter-Fankhauser ohne Zaudern, «ich weiss immer genau, was ich will. Ob im Beruf, im Sport oder in meinem Privatleben. Was ich erreichen will, das schaffe ich auch.»

Zum Beispiel die Meriten als Schwingerkönigin 2013 und 2014. Elf der insgesamt zwölf Schlussgänge, welche die in Escholzmatt auf einem stutzigen Heimetli mit Hof wohnhafte gebürtige Langnauerin zu bestreiten hatte, entschied sie zu ihren Gunsten. Oft mit dem «Stöckli», ihrem Lieblingsschwung, mit welchem sie manche Gegnerin ins Sägemehl bugsierte, und, so fügt sie an: «Im Training, da mussten hie und da auch 17- oder 18-jährige Burschen dranglauben.» Aber, schmunzelt die aufgestellte Bäuerin, die seien nicht von allererster Schwingersahne gewesen.

Riesenpensum auf dem Hof

Nun ist fertig, definitiv ausgeschwungen. Wie es einer Königen würdig ist, zeigte sie auch bei ihrem letzten Auftritt am Samstag in Marbach schwingerische Grandezza und durfte nach dem Schlussgang ein letztes Mal ihrer Widersacherin das Sägemehl von der Schulter wischen. «Jetzt beginnt ein neuer Lebensabschnitt», sagt Vetter-Fankhauser. Und der wird nicht minder spannend, nicht minder anforderungsreich. Für die gelernte Bäckerin-Konditorin, die sich später zur Pflegefachfrau ausbilden liess, wartet auf dem heimischen Hof viel Arbeit. So über den Daumen gepeilt summiere sich – und dies neben ihrem 70-Prozent-Pensum als stellvertretende Spitex-Leiterin – «gäbig» ein zünftiges Zusatzpensum. Denn auf dem Hof gelte es auszumisten, für die Milchkühe, Aufzuchtkälber, Mastsäue und Pferde zu schauen und zu sorgen.

Aber das macht die vielseitig interessierte und – um ein antiquiertes Klischee gleich mal zu brechen – durchaus weltoffene junge Frau gerne. Zusammen mit ihrem Franz, der ihr auch während der Karriere als Vorzeigeschwingerin immer den Rücken freigehalten hat: «Er hat mich in jeder erdenklichen Form unterstützt. Ohne Franz wäre ich nie so weit gekommen.»

Gabentempel selber organisiert

Und, reich geworden mit der Schwingerei? «Sie wissen genau, dass es da nur marginal etwas abzuholen gibt», lacht Margrit Vetter-Fankhauser, «Schwingen, auch bei den Frauen, beinhaltet ganz andere Werte. Ich habe es wegen des Spasses gemacht, wegen der Freude. Ich habe so viele gute und interessante Menschen in den Schwingarenen kennen lernen dürfen. Das, und nur das ist es, was in der Endabrechnung zählt.»

Viel hat die Pferdenärrin in ihr wichtigstes Hobby, die Schwingerei, investiert. Viel Zeit, viel Engagement auch neben dem Sägemehl. Hunderte Stunden der Plackerei im Kraftkeller. «Aber ich habe das immer gerne getan, weil ich konsequent ein Ziel verfolgt habe. Ich bin stolz, in die Fussstapfen meiner Schwester Eveline und meiner Cousine Ruth getreten zu sein, diese beiden Königstitel werden mich ein ganzes Leben lang begleiten.» Viele schöne, bleibende Erinnerungen holte sich Margrit Vetter-Fankhauser natürlich am Gabentempel ab, ohne zu vergessen, in diesem Zusammenhang zu hinterfragen: «Im Vergleich zu den Schwingergielen werden wir ja immer noch ein bisschen stiefmütterlich behandelt. Ich werde auch in Zukunft dafür kämpfen, dass das Frauenschwingen noch höhere Akzeptanz erhält und es nicht bei nur sechs grösseren Anlässen in der Saison bleibt.»

Was bei ihrer Derniere in Marbach die Organisation eines prächtigen Gabentempels betraf, nahm die unternehmungsfreudige Powerfrau das Heft gleich selber in die Hand und machte sich im Umfeld als Chefin des Gabentempels breit. «Während sich bei den Schwingern die Sponsoren darum reissen, die Gaben auf den Tisch zu legen, müssen wir Frauen uns um jeden kleinen Ehrenpreis bemühen.» Beispiel gefällig: Der Siegpreis in Marbach war ein Fohlen, Wert rund 1400 Franken: «Den Sponsorenbetrag haben sich zwei Parteien geteilt», liefert Margrit Vetter-Fankhauser einen aufschlussreichen Quervergleich.

Und jetzt die Familienplanung

Es wird, auch wenn die Arbeit gewiss alles andere als ausgehen wird, ein bisschen ruhiger im Leben der Vetter-Fankhausers. Lange Herbst- und Winterabende stehen vor der meteorologischen Türe; Zeit, in die Zukunft zu schauen, zu kuscheln, eine Familie zu planen. «Wir hätten gerne ein Baby», gesteht die Schwingerkönigin in Ruhestand und: «Wir wollen es in den nächsten Jahren nun wirklich mal ein bisschen gemächlicher angehen.» So viel sei trotzdem versprochen: Als gern gesehener Ehrengast wird sie noch manchem Frauenschwinget die Reverenz erweisen.

Frauenschwingen

Marbach LU. Eidgenössisches der Frauen (32 Teilnehmerinnen/550 Zuschauer). Schlussgang: Margrit Vetter-Fankhauser (Escholzmatt) bezwingt Sonia Kälin (Egg bei Einsiedeln) nach 6:35 Minuten mit Kreuzgriff/rückwärts. – Rangliste: 1. Vetter-Fankhauser 58,25. 2. Kälin 57,50. 3. Silvia Deck (Morschach) 57,00. 4. Diana Fankhauser (Chesalles-sur-Oron), Lea Durrer (Kerns) und Corine Schmid (Steinhuserberg), je 56,75; alle mit Kranz.

Infos unter: www.frauenschwingen.ch

Margrit Vetter-Fankhauser:

Alter: 28 Jahre
Wohnort: Escholzmatt
Grösse: 177 cm
Gewicht: 86 kg
Beruf: Pflegefachfrau; Lehre als Bäckerin-Konditorin; Bäuerin
Grösste Erfolge: Schwingerkönigin 2013 (alle 6 Feste gewonnen) und 2014
Spezialschwung: «Stöckli»
Lieblingsessen: Rahmschnitzel
Lieblingsgetränk: Rivella
Hobbys: Reiten, Ausgang, Feunde treffen
Vorbild: Alle, die Erfolg haben

Schnuppertag für Mädchen

Am kommenden Samstag (ab 14.00 Uhr) findet in verschiedenen Regionen der Schweiz der nationale Schwinger-Schnuppertag für Mädchen zwischen 7 und 15 Jahren statt. Willst du mehr über das Frauenschwingen erfahren und auch wie Margrit Vetter-Fankhauser einmal Schwingerkönigin werden? Dann besuche mit deinen Freundinnen den nationalen Schnuppertag und lerne diese traditionelle und faszinierende Sportart kennen. Folgende Schwingklubs aus der Zentralschweiz machen mit:

FSC Steinhuserberg: Sportanlage Berghof, 6110 Wolhusen; Brigitte Kunz (079 390 54 91)
Schwingklub Einsiedeln: Schulhaus Brüel, 8840 Einsiedeln; Sonia Kälin (soniakaelin@gmail.com)
Schwingklub Goldau-Kerns: Schwingkeller Goldau, 6410 Goldau; Lucia Iten (079 796 71 11)
Schwingklub Hergiswil NW: Schwinghalle Schulhaus Matt, 6052 Hergiswil; Rolf Wesner (rolf.wesner@swissonline.ch)