Kommentar

Wer Harmonie sucht, muss nicht in die Politik

In den Regierungen der Kantone Aargau, Luzern und Uri sitzen ausschliesslich Männer. Herrje! Wie kommt es, dass die Frauen heute in wichtigen Gremien fehlen? Da ist etwas gehörig schiefgelaufen.

Flurina Valsecchi
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Autorin Flurina Valsecchi.

Autorin Flurina Valsecchi.

Bild: Nadia Schärli

Sie stehen am Ufer der Reuss. Sie lächeln in ihren dunklen Anzügen zufrieden in die Kamera. Auf den ersten Blick machen einzig die dezenten Muster ihrer Krawatten den Unterschied. Fünf Sitze, fünf Männer, so präsentiert sich die Luzerner Regierung:

Der Luzerner Regierungsrat.

Der Luzerner Regierungsrat.

Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 23. Mai 2019)

In Uri sind sieben von sieben Sitzen in Männerhand:

Der Urner Regierungsrat.

Der Urner Regierungsrat.

Bild: Urs Flüeler/Keystone (Altdorf, 8. März 2020)

Und im Kanton Aargau herrscht – am vergangenen Wochenende wieder bestätigt – ebenfalls eine reine Männerrunde:

Der Aargauer Regierungsrat.

Der Aargauer Regierungsrat.

Bild: Fabio Baranzini, (Aarau, 18. Oktober 2020)

Im kommenden Jahr feiert unser Land 50 Jahre Frauenstimmrecht. Zu den Vorreitern gehörte Luzern, wo die Männer schon 1970 Ja zum Frauenstimmrecht auf kantonaler Ebene sagten. Morgen Sonntag wird dieser langersehnte Erfolg gefeiert. Dass ausgerechnet der konservative Kanton Luzern diesen Schritt wagte, ebnete den Weg für ein nationales Ja. Die Männer verabschiedeten sich freiwillig vom Patriarchat. Der ersten Regierungsrätin zuliebe versorgten die Herren Kollegen ihre Stumpen in der Schublade und pafften nicht mehr während den Sitzungen.

Ein Plakat aus dem Wahlkampf fürs Frauenstimmrecht im Kanton Luzern aus dem Jahr 1970.

Ein Plakat aus dem Wahlkampf fürs Frauenstimmrecht im Kanton Luzern aus dem Jahr 1970.

Herrje! Wie kommt es, dass wir Frauen heute in wichtigen Gremien fehlen? Da ist etwas gehörig schiefgelaufen; nicht am Wahltag selber, sondern in den Jahren davor. Die Parteien haben es verpasst, genügend Frauen aufzubauen. Mit einer «Quotenfrau» allein reicht es nicht zur Regierungsrätin und noch weniger zur Bundesrätin.

Immerhin: In den Parlamenten steigt der Frauenanteil in den letzten Jahren auffällig an. Werden wir diese «Hoffnungsträgerinnen» irgendwann auch auf Exekutivebene antreffen? Und haben Parteileitungen den Mut, einem angesehenen, langjährigen Amtsträger klarzumachen, dass jetzt der Moment für eine jüngere und weibliche Kraft gekommen ist?

Wahr ist aber auch: Wenn Parteifunktionäre Frauen für eine Kandidatur gewinnen wollen, bekommen sie leider häufig einen Korb. Nicht, dass die Frauen zu wenig qualifiziert wären. Sondern: Politik ist ein hartes Geschäft. Es wird verhandelt und getrickst. Der Umgangston kann ruppig sein, wie wir jüngst auf dem Bundesplatz beobachten konnten.

Wer seine Meinung öffentlich vertritt, macht sich angreifbar. Wer Harmonie sucht, muss nicht in die Politik.

Und dennoch müssen die Frauen diesen Schritt tun! Untersuchungen in der Wirtschaft zeigen, dass gemischte Teams erfolgreicher sind – auch, weil sich der Ton ändert. Nur mit mehr Frauen kommen wir zu breiter abgestützten Entscheidungen. In den Bereichen Natur und Umweltschutz, auch in sozialen und gesellschaftlichen Themen bringen Frauen oft eine andere, womöglich sensiblere Sichtweise in die Diskussion mit ein. Dass der Bundesrat den Ausstieg aus der Atomenergie nach dem Reaktorunglück in Fukushima 2011 so konsequent vorantrieb, war kein Zufall, sondern hängt stark damit zusammen, dass zum ersten Mal überhaupt eine Frauenmehrheit regierte.

Einige grosse Erfolge konnten die Frauen – mit Hilfe der Männer – in den letzten 50 Jahren verbuchen, etwa mit dem neuen Eherecht. Erinnern wir uns daran, dass die erste Bundesrätin Elisabeth Kopp im Jahr 1984 ihr Amt nicht hätte antreten dürfen, hätte ihr Mann interveniert. Heute wäre dies unvorstellbar.

Die erste Bundesrätin: Elisabeth Kopp bei der Vereidigung am 2. Oktober 1984 im Nationalratssaal.

Die erste Bundesrätin: Elisabeth Kopp bei der Vereidigung am 2. Oktober 1984 im Nationalratssaal.

Bild: Keystone

Und trotzdem gibt es noch viel zu tun. Besonders dann, wenn Frauen Mütter werden und sie Familie und Beruf unter einen Hut bringen wollen, landen sie auf dem harten Boden der Tatsachen.

Frauen sollten Allianzen bilden, sie müssen sich für gemeinsame Interessen gemeinsam stark machen und dabei auch mal das Parteibüchlein im Handtäschli verschwinden lassen. Es schadet, wenn einzig die Linken Themen aus spezifisch weiblicher Perspektive anschauen.

Einige Männer trauen sich manchmal zu viel zu, Frauen viel zu wenig. Es braucht mehr Selbstbewusstsein.

Frauen müssen für andere Vorbilder sein wollen, und das sollen die Mütter auch ihren Töchtern mitgeben. Erst dann werden Entscheidungen weiblicher und somit unsere Gesellschaft gleichberechtigter.

Abstimmungsplakat mit der Nein-Parole zur Einführung des Frauenstimmrechts. Das Plakat wurde in der Deutschschweiz im Abstimmungskampf von 1920 in den Kantonen Basel-Stadt und Zürich eingesetzt.

Abstimmungsplakat mit der Nein-Parole zur Einführung des Frauenstimmrechts. Das Plakat wurde in der Deutschschweiz im Abstimmungskampf von 1920 in den Kantonen Basel-Stadt und Zürich eingesetzt.

Bild: Keystone

Frauen feiern 50 Jahre Stimmrecht im Kanton Luzern: die Jubiläumsfeier