FREILICHTTHEATER: «Das Projekt war wohl etwas gar mutig»

In Luzern gibt es vorerst keine Passionsspiele. Auch weil sich die Macher inhaltlich nicht einig wurden, wie Komponist Konstantin Wecker verrät.

Interview Dave Schläpfer
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Konstantin Wecker (67) bei einem Besuch in der Stadt Luzern im Sommer vor einem Jahr. (Bild: Nadia Schärli)

Konstantin Wecker (67) bei einem Besuch in der Stadt Luzern im Sommer vor einem Jahr. (Bild: Nadia Schärli)

Ende Feuer für das geplante Passionsspiel in Luzern: Diese Kunde hat unlängst aufhorchen lassen (Ausgabe vom 14. Juni). Die Initianten gaben an, dass primär die schwierige Suche nach Sponsorengeldern für den Projektstopp verantwortlich sei – dies wegen des umstrittenen Stückinhalts. Mit dem Fundraising hatte Komponist Konstantin Wecker nichts zu tun. Entsprechend legt der 66-jährige deutsche Liedermacher, der als kontrovers diskutierter «Star» für eine Zusammenarbeit gewonnen werden konnte, in seiner Begründung des Scheiterns den Schwerpunkt anders.

Konstantin Wecker, was sagen Sie zum Abbruch des Projekts?

Konstantin Wecker: Einerseits finde ich es natürlich sehr schade. Andererseits gab es intern derart viele Komplikationen, dass ich letztlich froh bin, dass ein Schlussstrich gezogen wurde.

Was für Komplikationen?

Wecker: Was den Inhalt des Stücks anbelangt, kam es zwischen Autor und Regie zu unüberwindbaren inhaltlichen Differenzen. Darum existiert keine von allen akzeptierte Textfassung. Es wäre wohl unmöglich gewesen, auf einen Konsens zu kommen. Ich will ganz bewusst niemanden anklagen: Auch ich hatte natürlich meine sehr klaren Vorstellungen, für die ich mich eingesetzt habe.

Welche denn?

Wecker: Wichtig war mir, Jesus in den Vordergrund zu stellen als Mann aus Nazareth – unabhängig davon, was die Kirche mit ihm gemacht hat. Ich befürchtete zunehmend, dass diese Grundidee bachab gehen könnte.

Was hat die Kirche denn mit Jesus gemacht?

Wecker: Joseph Ratzinger stilisiert Jesus in der Trilogie, die er während seiner Zeit als Papst verfasst hat, zu einem Gottmenschen empor. Diesem Verständnis vermag ich absolut nichts abzugewinnen. Auch was das Festhalten am absurden Dogma der jungfräulichen Geburt – wohlgemerkt: über Marias Ohr – anbelangt, kann ich nur den Kopf schütteln. Die deutsche Theologin Uta Ranke-Heinemann spricht zu Recht von einer Infantilisierung der Menschheit durch das Christentum. Wüsste Jesus von solchem Unsinn, wäre er bestimmt aus der Kirche ausgetreten – sofern er überhaupt jemals in diesem Verein hätte dabei sein wollen.

Welches Jesus-Bild haben denn Sie?

Wecker: Ich halte mich stark an den Luzerner Theologen Hans Küng, der Jesus als fantastischen, aufrührerischen, einmaligen Menschen sieht. Fast noch grösser ist der Einfluss von Eugen Drewermann, den ich sehr verehre. Dieser kirchenkritische Denker beschreibt Jesus als singuläre historische Person, als Revoluzzer, der es fertigbrachte, ein ganzes System ins Wanken zu bringen.

Genau solche Einschätzungen riefen in Luzern den Zorn erzkonservativer Kreise hervor. Hat man die hiesigen Befindlichkeiten unterschätzt?

Wecker: Vielleicht war es tatsächlich etwas gar mutig, mit einem Konstantin Wecker in Luzern ein Passionsspiel aufführen zu wollen. Aber ein anderer Punkt kam, so denke ich, noch mehr zum Tragen.

Der da wäre?

Wecker: Es war wohl schon etwas blauäugig, das Projekt mit der katholischen Kirche als Hauptträgerin realisieren zu wollen. Dass diese tatsächlich bereit gewesen wäre, sich über das Stück vielleicht sogar selber in Frage zu stellen, scheint doch eher unwahrscheinlich. Und auch für mich war es nicht ganz einfach, ein Passionsspiel innerhalb einer Institution zu komponieren, aus der ich ja ganz bewusst ausgetreten bin. Dies wegen der Machenschaften des Vatikans, die ich einfach nicht zu akzeptieren bereit bin.

Ungeachtet Ihres Bruchs mit der Kirche nimmt das Religiöse in Ihrem Werk ja nach wie vor einen immens wichtigen Stellenwert ein ...

Wecker: Auf jeden Fall, ich verstehe mich selber als hochreligiös. Entsprechend waren auch sämtliche Ängste komplett unbegründet, dass wir mit unserem Passionsspiel religiöse Gefühle verletzen wollten – so etwas hatten wir nie vor.

Könnte für Sie ein Passionsspiel nochmals ein Thema werden?

Wecker: Durchaus! Es würde mich sehr reizen, so ein Projekt – irgendwo, irgendwann – auf die Beine zu stellen. Aber dann sicher ohne die Kirche im Hintergrund, damit die künstlerische Freiheit komplett gewahrt bleiben kann.

Aber wohl eher nicht in Luzern? Und auch nicht mit Alois Metz, dem Leiter der Luzerner Pfarrei St. Johannes, mit dem Sie die Idee zum Passionsspiel ja entworfen haben?

Wecker: Ausschliessen möchte ich nichts. Es gab ja in Luzern durchaus auch Kreise, die das Vorhaben unterstützt haben. Und mit Alois Metz werde ich so oder so auch künftig verbunden bleiben. Unsere tiefe Freundschaft hat während des ganzes Prozesses keinerlei Schaden genommen. Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass er in seiner Pfarrei ganz hervorragende Arbeit leistet.

Luzern ist also auch künftig kein rotes Tuch für Sie?

Wecker: Nein, wo denken Sie hin? Ich komme immer wieder gern hierher und freue mich schon jetzt auf den 15. November. Dann habe ich zusammen mit Angelika Kirchschlager einen Auftritt im KKL, das ich wegen seiner grossartigen Akustik sehr schätze.