Kriminalgericht spricht Schweizer vom Vorwurf der Vergewaltigung frei

Im Zweifel für den Angeklagten: Ein 57-Jähriger wird vom Kriminalgericht freigesprochen. Gemäss Gerichtsurteil bestehen «erhebliche Zweifel» an der Wahrheit der Belastungen.

Roger Rüegger
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Das Luzerner Kriminalgericht hat einen Schweizer vom Vorwurf der Vergewaltigung und sexuelle Handlungen mit Kindern freigesprochen. Der heute 57-Jährige wurde beschuldigt, 1995 an seinen drei Stieftöchtern in einer Luzerner Landgemeinde sexuelle Handlungen vorgenommen zu haben. Die Älteste, damals zehn, soll er gar vergewaltigt haben.

Der Staatsanwalt beantragte bei der Verhandlung am 20. November eine Freiheitsstrafe von 3 Jahren und 6 Monaten. Die Vertreterin der ältesten Tochter, die Privatklägerin ist, beantragte eine Genugtuung von 30000 Franken und die Deckung der aus dem Vorfall resultierenden ungedeckten Therapiekosten.

Das Urteil wurde den Parteien im Dispositiv schriftlich eröffnet. Am 26. November 2019 meldete die Privatklägerin Berufung an, weshalb das Urteil begründet wird.

Beschuldigter: «Ich war wie vor den Kopf gestossen.»

Die Privatklägerin zeigte den Beschuldigten im Jahr 2015 an. Dieser sagte bei der Verhandlung: «Ich war wie vor den Kopf gestossen, als ich von der Polizei kontaktiert wurde.» Er vermute, die heute 34-Jährige wolle sich an ihm rächen, weil er die Familie verlassen hatte. Danach seien die Mädchen fremdplatziert worden.

Die sexuelle Handlung hat sich laut Anklage so abgespielt: «Der Mann rief die Töchter (6, 8 und 10) seiner Lebenspartnerin ins Bad und erklärte das Vögelispiel.» Sein Geschlechtsteil sei ein Vogel im Nest, der reagiere, wenn man ihn anspreche oder berühre. Die älteren Mädchen hätten mitgespielt, die jüngste nur zugesehen. Dies beschrieb die Privatklägerin den Untersuchungsbehörden. Eine Woche danach habe der Beschuldigte sie im Schlafzimmer aufgesucht. Er habe sie zuerst intim berührt, dann entjungfert.

Der Beschuldigte sagte am Gericht: «Ich bleibe bei meinen Aussagen. Da war gar nichts.» Er fühle sich schuldig, aber nur, weil er vor den Richtern sitze. «Ich begreife aber nicht, dass mir solche Dinge vorgeworfen werden. Es gab keinen Grund. 1995 kam mein Sohn zur Welt. Wir waren eine harmonische Familie.» Mit den zwei jüngeren Töchtern hat er noch Kontakt. Die Älteste pflegt aber weder mit ihrer Mutter noch mit den Schwestern eine Beziehung.

Der Verteidiger beantragte Freispruch: Zum Vorwurf im Badezimmer meinte er, dass die Zweitälteste die Aussage der Ältesten mit dem Vögelispiel nicht bestätigt habe, obwohl sie dabei gewesen sein soll.

Es bestehen erhebliche Zweifel an den Belastungen

Das Gericht hält im Urteil fest, dass es zwar schon möglich sei, dass die Vorwürfe der Privatklägerin, auf denen die Anklage basiert, der Wahrheit entsprechen. Rechtsgenüglich bewiesen sei dies jedoch nicht. «Vielmehr bestehen erhebliche Zweifel an der Wahrheit der Belastungen. Somit ist in Anwendung des Grundsatzes in dubio pro reo davon auszugehen, dass der Beschuldigte die ihm in der Anklage vorgeworfenen Handlungen nicht beging.» Der Beschuldigte sei von sämtlichen Vorwürfen freizusprechen.

Die Privatklägerin ist gemäss einer Frauenarztklinik im Alter von elfeinhalb Jahren vergewaltigt worden. Im vorliegenden Verfahren machte die Privatklägerin aber geltend, im Juni und Juli 1995 vom Beschuldigten sexuell missbraucht worden zu sein. Damals war sie zehn.