FREIWILLIGE: «Die meisten reden offen von ihren Taten»

Paula Lampart und ihre Mitstreiter besuchen Insassen im Gefängnis. Deren Geschichten berühren und beschäftigen. Nun bekommt die Gruppe einen Preis.

Florian Weingartner
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Paula Lampart (73) zu Hause in ihrem Garten. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)

Paula Lampart (73) zu Hause in ihrem Garten. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)

«Vieles» habe sie erfahren bei ihren Besuchen in der Strafanstalt Wauwiler Moos, sagt Paula Lampart, «Schönes und weniger Schönes». Seit rund 20 Jahren ist die 73-Jährige Mitglied der Besuchergruppe, die alle zwei Wochen für eineinhalb Stunden interessierten Gefangenen zuhört und mit ihnen diskutiert.

In dieser Zeit hat sie viele Insassen kommen und gehen sehen. Verändert habe sich insgesamt aber nicht viel. Ausser vielleicht etwas: «Heute beklagen sich die Gefangenen viel weniger als früher.» Ihre eigene Rolle sei hingegen noch immer dieselbe. «Wir bieten den Insassen einen Kontakt zu Aussenstehenden, den sie sonst kaum mehr haben.» Dies, obwohl in der Strafanstalt Wauwiler Moos der offene Vollzug die Regel ist und die Gefangenen zur Arbeit aus dem Gefängnis herauskommen.

Die Mischung machts

Bei ihren Besuchen setzen sich die fünf bis sieben Mitglieder der Besuchergruppe mit den Gefangenen gemeinsam an vier in einem Rechteck aufgestellte Tische – stets ein bis zwei Gefangene zwischen den Besuchern. Und dann wird erst mal zugehört. «Wir stellen keine Fragen. Wir sind da, um zuzuhören.» Die Leute von der Besuchergruppe unterstehen der Schweigepflicht. Gefangene und Besucher kennen voneinander nur die Vornamen. «Eine gewisse Distanz ist klar erwünscht», sagt Paula Lampart dazu. Manchmal ergibt sich eine allgemeine Diskussion, an der alle teilnehmen, dann wieder kommt es zu Einzelgesprächen oder Unterhaltungen in kleineren Grüppchen. Dabei werde über alles gesprochen: Politik, Religion, die Aktualität.

Aber hauptsächlich sprechen die Gefangenen über ihr Leben draussen und was sie ins Gefängnis gebracht hat. «Die meisten erzählen sehr offen von ihren Taten. Es scheint, dass sie froh sind, mit jemand Unbeteiligtem darüber reden zu können.» Von den Delikten her gab es dabei so gut wie alles, von Mord über Drogenhandel bis zu Vermögensdelikten, die am häufigsten vorkommen. Auch die beruflichen Hintergründe der Strafgefangenen variieren stark. Wobei die Besuchergruppe etwas häufiger von Gefangenen genutzt wird, die eine gewisse Bildung genossen haben.

Die meisten der Gefangenen, die an einem Treffen teilnehmen, kommen danach immer wieder, bis sie in die Freiheit entlassen werden. Bei jedem Treffen seien Neue dabei. «Die Besuche sind immer sehr interessant. Wie sonst käme man in Kontakt mit so vielen verschiedenen Menschen und ihren Geschichten? Viele von ihnen sind sympathische Menschen, mit denen sich gute Gespräche ergeben», streicht Paula Lampart die schönen Seiten ihrer Tätigkeit hervor.

Traurige Geschichten

Es gibt aber auch die andere Seite. «Oft sind die Geschichten, die die Gefangenen hinter Gitter gebracht haben, traurig. Das sind Schicksale, die mich berühren und teils lang über die Besuche hinaus beschäftigen», erzählt Lampart. Manchmal hört sie später davon, wie es mit den Freigelassenen weiterging. Einmal gab es einen Suizid. Und in den 20 Jahren hat sie auch schon manchen Insassen wenige Monate nach dessen Freilassung wieder im Gefängnis angetroffen. Manche sagen geradeheraus, dass sie draussen wieder rückfällig werden.

Besonders beschäftigen Paula Lampart die Geschichten der jüngeren Insassen. Etwa der junge Mann, der als Kind adoptiert worden war, als Jugendlicher ins Heim kam und später ins Gefängnis. In der halbgeschlossenen Strafanstalt Wauwiler Moos absolvierte er eine Lehre, entwickelte sich gut und schien auf dem richtigen Weg zu sein. Bis er eines Tages nicht mehr von der Berufsschule ins Gefängnis zurückkehrte. Er wurde später gefasst und wieder in eine geschlossene Strafanstalt eingewiesen.

Vielfältiges Engagement

Dass die Besuchergruppe nun mit dem Prix Benevol von der kantonalen Fachstelle für Freiwilligenarbeit ausgezeichnet wird, bedeutet Paula Lampart schon etwas. «Es ist vor allem eine Anerkennung dieser Form von Freiwilligenarbeit.» Deren Sinn und Berechtigung werde nicht von allen verstanden, das höre sie immer wieder. Für Paula Lampart ist diese Tätigkeit aber genauso wertvoll wie die anderen freiwilligen Engagements, die sie in ihrem Leben bisher angenommen hat. Darunter finden sich etwa die Aufgabenhilfe, der Turnverein, Besuche und Ausflüge mit älteren oder kranken Menschen und die Mitgliedschaft im Kirchenchor. Vor 20 Jahren wurde sie vom damaligen Caritas-Geschäftsführer Josef Hirschi rekrutiert. Inzwischen habe sie schon manches Mal aufhören wollen, doch es sei schwierig, Nachfolger zu finden. Weshalb man sie bat, doch noch etwas weiterzumachen. «Solange ich dazu noch in der Lage bin, mache ich das eigentlich gerne.»