FRIEDENTAL: Luzerner Kantonsspital bietet neu Abschiedsfeiern an

Der Verlust eines Kindes vor oder bei der Geburt wiegt schwer. Nun erhalten Eltern die Möglichkeit, bei der Beerdigung dabei zu sein.

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Das Luzerner Kantonsspital mit dem Pilatus im Hintergrund. (Bild: PD)

Das Luzerner Kantonsspital mit dem Pilatus im Hintergrund. (Bild: PD)

Wie kann ein Leben zu Ende sein, noch bevor es überhaupt begonnen hat? Wie verabschiedet man sich von einem Kind, das nie einen Atemzug hat machen dürfen? Die zwei kleinen Särge, die in der Einsegnungshalle des Friedhofs Friedental stehen, führen deutlich vor Augen, wie nahe sich Leben und Tod sein können. Während Pfarrerin Claudia Graf die Trauerfamilie begrüsst, gluckst im Hintergrund fröhlich ein Baby – es ist das Kind der Gotte eines kleinen Jungen, der bereits im Mutterbauch gestorben ist. Auch sie ist gekommen, um sich zu verabschieden.

Kerzen und ein Gebet

Letzten Dienstag ist im Friedental für sieben Kinder eine Abschiedsfeier abgehalten worden. Sie alle mussten vor oder während der Geburt sterben. Ein Elternpaar und seine Familie nimmt teil – die anderen bleiben aus unterschiedlichen Gründen fern. Seelsorgerin Brigitte Amrein verteilt Kerzen, auf welche die Angehörigen Abschiedsworte oder Symbole zeichnen können – für jedes Kind eines. Sie spricht ein Gebet. Anschliessend werden die Särge zum Kinderfeld getragen und dort in die Erde gelassen. Die Pfarrerin, die Seelsorgerin und der Friedhofsmitarbeiter ziehen sich zurück. Den letzten Abschied überlässt man dem engen Familienkreis.

Nach der Zeremonie sind die Eltern bereit, von ihrem Kind zu erzählen. Im siebten Schwangerschaftsmonat hat sein Herz aufgehört zu schlagen. Lange Zeit bestand die Angst, dass auch sein Zwillingsbruder nicht überleben würde. Er aber hat es geschafft. «Für uns war diese Feier sehr wichtig – und schön», sagt die Mutter. Sie hätte in den letzten Tagen viel Kraft für ihr lebendes Kind gebraucht. «Dass wir uns jetzt richtig verabschieden konnten, hat uns geholfen.» Der symbolische Akt des Abschieds erleichtere ihnen den Umgang mit der schwierigen Situation. «Mit dem Verstand kann man das nicht verarbeiten.» Ihr Mann ergänzt: «Wenn man anfängt, sich zu fragen, warum uns das passiert ist, dreht man sich im Kreis.» Zu wissen, wo ihr Kind begraben ist, bedeute ihnen viel. «Wenn unser anderer Sohn älter ist, werden wir ihm erzählen, was passiert ist. Und wir möchten, dass er dann einen Ort hat, an dem er seinen Bruder besuchen kann», so der Vater. Er gehöre weiter in die Familie, in die Familiengeschichte.

Kinderfeld am häufigsten gewählt

Bislang waren die Eltern, deren Kinder kurz vor oder nach der Geburt gestorben sind, in der Regel nicht bei der Bestattung auf dem Kinderfeld dabei. Sie wurden nach der Beisetzung informiert, wann diese stattfand. «Wir haben aber in unseren Begleitungen gemerkt, dass es für viele ein Bedürfnis ist, ihr Kind auf diesem letzten Schritt zu begleiten», erklärt die katholische Theologin Brigitte Amrein. Sie und die reformierte Pfarrerin Claudia Graf arbeiten als Seelsorgerinnen am Luzerner Kantonsspital. Sie haben die Abschiedsfeiern in Zusammenarbeit mit Friedhofsverwalter Cornel Suter Anfang Jahr ins Leben gerufen. Die betroffenen Eltern würden alle mehr oder weniger plötzlich mit dem Tod ihres Kindes konfrontiert. «Manche möchten ihr Kind in einem bestehenden Familiengrab beisetzen. Andere wünschen ein eigenes Grab für ihr Kind. Am häufigsten wird das Kinderfeld gewählt – das ist ein Gemeinschaftsgrab mit Erdbestattung», so Amrein. Einige Eltern würden sich für Letzteres entscheiden, weil sie den Gedanken tröstend fänden, dass ihr Kind nicht alleine ist. «Auf dem Kinderfeld stehen so viele kleine Symbole der Liebe, die den Kindern mitgegeben werden. Manchen Eltern gibt das Gefühl Kraft, in ihrer Situation nicht alleine zu sein.»

Lena Berger

Hinweis

Die Abschiedsfeiern auf dem Kinderfeld richten sich an Eltern und weitere Betroffene. Sie finden in der Regel am ersten Dienstag des Monats um 14 Uhr statt. Wer möchte, kann ohne Voranmeldung teilnehmen – auch wenn schon einige Zeit seit dem Verlust des Kindes vergangen ist.

Was in solchen Situationen hilft

TIPPS In der Schweiz kommt täglich ein Kind tot zur Welt, etwa gleich viele Kinder sterben im ersten Lebensmonat. Jede vierte Schwangerschaft endet vor der 23. Woche mit einer Fehlgeburt. Betroffene können sich an die Seelsorger in den Spitälern wenden. Angehörigen raten die Seelsorgerinnen:

  • Nehmen Sie Anteil. Bringen Sie zum Ausdruck, dass Sie mitbekommen haben, was passiert ist.
  • Vermeiden Sie vermeintlich tröstende Worte wie «Du kannst es ja wieder versuchen».
  • Stellen Sie keine Vergleiche an mit Situationen, die Sie erlebt haben.
  • Fragen Sie die betroffenen Eltern konkret, ob Sie über die Situation reden möchten oder nicht.
  • Bieten Sie praktische Hilfe etwa bei der Organisation rund um den Abschied oder im Haushalt an.


ber