Fritschi und Frosch: Ein historischer Moment

Pünktlich zum Auftakt der Fasnacht versöhnen sich Bruder Fritschi und Wey-Frosch. Ein paar Seitenhiebe sind aber unvermeidlich.

Alexander von Däniken
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Ziehen neuerdings am selben Karren: Bruder Fritschi und der Wey-Frosch gestern beim ersten gemeinsamen Fototermin. (Bild Nadia Schärli)

Ziehen neuerdings am selben Karren: Bruder Fritschi und der Wey-Frosch gestern beim ersten gemeinsamen Fototermin. (Bild Nadia Schärli)

Rüüdig-verreckt und spektakulär: Die beiden Luzerner Fasnachtsoberhäupter Bruder Fritschi und Wey-Frosch haben sich von unserer Zeitung zu einem Versöhnungstreffen bewegen lassen. Dieses bedeutet – zumindest vorerst – das Ende einer jahrzehntelangen Fehde, welche mit der Gründung der Wey-Zunft 1925 ihren Anfang nahm und welche Fritschi und Frosch im Namen ihrer Zünfte – der Zunft zu Safran und der Wey-Zunft – ausgetragen haben. Das Treffen fand gestern an jenem geheimen Ort statt, wo die Kunstfigur des Wey-Frosches, festgezurrt auf einem Umzugswagen, auf ihren Einsatz vom Güdismontag wartet.

Als der Autor dieser Zeilen zur verabredeten Zeit am Ort eintraf, lagen sich Bruder Fritschi und der Wey-Frosch bereits in den Armen. Beide wirkten erschöpft.

Was ist passiert?

Bruder Fritschi: Wir haben uns schon vor einer Stunde hier verabredet.

Wey-Frosch: Zwischen uns gab es viel Klärungsbedarf. Das war aber nicht für die Zeitung bestimmt.

Moment. Immerhin hat unsere Zeitung das Treffen eingefädelt.

Wey-Frosch: Das schätzen wir auch sehr. Aber das wären keine jugendfreien Bilder geworden, als Bruder Fritschi und ich uns gestritten haben.

Bruder Fritschi: Du glaubst gar nicht, wie schwer so ein glitschiger Frosch zu fassen ist.

Wey-Frosch: Dafür war es fast unmöglich, bei dem grossen Kopf an deinen Hals zu kommen, Fritschilein. Nach dem Handgemenge haben wir uns aber vertragen.

Vor rund drei Wochen hat die Wey-Zunft angekündigt, die Tagwache am Güdismontag beim Fritschi-Brunnen vorzunehmen. Also ausgerechnet dort, wo die Zunft zu Safran Tagwache feiert (Ausgabe vom 22. Januar). Diese hat bestürzt reagiert und mit der Entführung des Wey-Frosches gedroht.

Wey-Frosch, warum willst du deinen Fasnachtstag ausgerechnet beim Fritschi-Brunnen beginnen?

Wey-Frosch: Wir wollen dorthin, wo mehr Zuschauer sind. Der Kapellplatz ist dafür ideal.

Bruder Fritschi: Spring aber ja nicht in meinen Brunnen. Das wäre eine Entweihung meines Denkmals.

Wey-Frosch: Und wenn ich es trotzdem tue? Schliesslich braucht ein Frosch sein Gewässer.

Das klingt nicht gerade nach Versöhnung ...

Wey-Frosch: Warte. Es wird noch besser. Wenn zum Beispiel Bruder Fritschi beim Abschied vom Nauen ins Wasser fällt, würde ich ihn sofort retten. Ich bin ja ein super Schwimmer.

Bruder Fritschi: Danke. Das weiss ich zu schätzen.

Wey-Frosch: Natürlich würde ich warten, bis du ans Wehr geschwemmt wirst. Du sollst zumindest versuchen, dich selber zu retten. Aber auch ich bin Gefahren ausgesetzt.

Welchen denn?

Wey-Frosch: Frösche laufen Gefahr, auf den Strassen überrollt zu werden. Darum wäre es toll, wenn für die Luzerner Fasnacht Unterführungen gebaut würden.

Bruder Fritschi: Eine super Idee, ich unterstütze dich dabei. Aber braucht es dafür nicht eine Bewilligung der Stadt?

Wey-Frosch: Ja.

Bruder Fritschi: Das würde ewig dauern. Du weisst ja, wie mühsam es mit den Behörden werden kann.

Wer von euch ist eigentlich der höchste Fasnächtler?

Bruder Fritschi: Am Schmutzigen Donnerstag bin ich es, am Güdismontag ist es der Wey-Frosch.

Jetzt, da ihr euch wieder vertragt: Werdet ihr euch an der Fasnacht treffen?

Wey-Frosch: Aber klar. Zuerst werden wir uns beschnuppern. Und dann zusammen anstossen.

Was geht an der Fasnacht gar nicht?

Bruder Fritschi: Dass die Orangen zurückgeworfen werden.

Wey-Frosch: Ja, das ist eine Sauerei.

Bruder Fritschi: Da fällt mir ein, dass es immer wieder die gleiche grüne Gestalt ist, die Orangen auf mich wirft ...

Wey-Frosch: Warum schaust du ausgerechnet mich an?

Bruder Fritschi und der Wey-Frosch sind beide Entführungsopfer. Während Fritschi immer wieder nach Basel verschleppt wird, musste das Alter Ego des Froschs vor 40 Jahren gleich zwei Entführungen hintereinander hinnehmen.

Schweisst euch das Entführungsschicksal zusammen?

Wey-Frosch: Absolut. Wir sind Leidensgenossen.

Kannst du dich überhaupt noch an die Entführung erinnern, Wey-Frosch?

Wey-Frosch: Kaum. Das habe ich ziemlich gut verdrängt, obwohl noch heute darüber gesprochen wird. Aber wir haben mittlerweile aufgerüstet. Der künstliche Frosch auf dem Wagen ist mit Peilsendern und GPS ausgestattet. Ausserdem haben wir die kleinsten Jungzünftler im Bauch des Frosches versteckt und ihnen ein Natel mitgegeben.

Und bei dir, Bruder Fritschi?

Bruder Fritschi: Als ich 2008 in Basel war, habe ich nur Leckerli bekommen. Das war schlimm. Immerhin konnte ich durchsetzen, dass mir Holdrio zum Runterspülen gereicht wurde.

Es kursiert das Gerücht, dass sich der Wey-Frosch und die Fritschene angenähert haben während Bruder Fritschis Gefangenschaft in Basel. Ist da etwas dran?

Wey-Frosch: Quaak, äh Quatsch.

Bruder Fritschi, du wirst immer wieder an die Basler Fasnacht geholt. Offenbar wissen die Basler immer noch nicht, was eine richtige Fasnacht ist. Hast du versagt?

Bruder Fritschi: Nein. Doch bei den Baslern ist ganz einfach Hopfen und Malz verloren.

Und wenn der Wey-Frosch zur Unterstützung an den Rhein geht?

Wey-Frosch: Bei all dem schrillen Pfeifen und dem Getrommle wäre das Tierquälerei. Nein danke. Bruder Fritschi macht schon einen tollen Job.

Nach dem Gespräch geht es zum historischen Fototermin. Beim Posieren zeigen sich Bruder Fritschi und der Wey-Frosch von ihrer besten Seite. Das Händeschütteln wirkt echt. Als die Fotografin die Blitzgeräte zusammenpackt, verabschiedet sich der Wey-Frosch. Er müsse noch ein paar Runden auf dem Vita-Parcours absolvieren, um seiner Fitness den letzten Schliff zu geben. Bevor sich auch Bruder Fritschi auf den Weg macht, fragt er mit einem schelmischen Grinsen: «Könnt ihr den Wey-Frosch aus dem Bild wegretouchieren?»

Bruder Fritschi: Von Baslern geraubt

Zunft zu Safran avd. Über die Entstehung von Bruder Fritschi, dem imaginären Oberhaupt der Luzerner Fasnacht, gibt es verschiedene Theorien. Die gängigste: Im Jahr 1446 besiegten die Innerschweizer in Ragaz die Österreicher. Aus Fridolin wurde Fritschi Darauf zogen die Luzerner Wehrmänner mitsamt ihren Waffen durch die Stadt. Diese Siegesparade wurde in den Folgejahren symbolisch jeweils am Jahrestag, dem 6. März, wiederholt. Da dies der Tag des heiligen Fridolin ist, zog auch Bruder Fritschi – abgeleitet von Fridolin – durch Luzerns Gassen; erst als Strohpuppe, dann in Form eines Kopfes. Die anschliessenden Ess- und Trinkgelage passten aber nicht in die Fastenzeit, weshalb man den Umzug auf den Schmutzigen Donnerstag verlegte. Nachdem die Veranstaltung durch die Räte von Luzern 1713 verboten worden war, nahm sich die Zunft zu Safran des Umzuges an. Die 1400 gegründete Krämer- und Handwerkerzunft ist heute die älteste Zunft Luzerns. Im Jahr 1507 haben die Basler den Fritschi geraubt, erzählt die Diebold-Schilling-Chronik. Der Grund: Die Basler wollten auf diese Art die Luzerner an ihre Fasnacht einladen. Wenn die Luzerner ihren Bruder Fritschi zurückholen, sollen sie auch gleich mit den Baslern mitfeiern. Seit dem Jahr 2008 wird das Spektakel jährlich wiederholt. Die Rückkehr von Bruder Fritschi bildet seither den Auftakt der Luzerner Fasnacht. Achtköpfige Fritschifamilie 1596 wird erstmals Fritschis Lebensgefährtin, später «Fritschene» genannt, erwähnt. Heute ist die Fritschifamilie mit Kindsmagd, Narr, Bajazzo und den Bauern auf acht Protagonisten angewachsen.

Wey-Frosch: Spott gegen Fritschivater

Wey-Zunft?avd. Der Wey-Frosch ist das Wappentier der im Jahr 1925 gegründeten Wey-Zunft. Deren Ziel war es damals, die Luzerner Fasnacht zu reaktivieren. Dazu haben sich einige Gewerbetreibende aus dem Weyquartier im Restaurant Weinhof vereint, um für den Güdismontag einen eigenen Umzug auf die Beine zu stellen. Höhepunkt war ein Wagen, aus welchem dem Publikum alte Schuhe zugeworfen wurden. Damit sollte der Schuhhändler Jakob Spieler, Fritschivater 1925, verspottet werden, der es nicht geschafft hatte, einen Umzug zu organisieren. Zu einer nationalen Berühmtheit wurde der Wey-Frosch im Jahr 1973, als er von einem unbekannten Täter entführt wurde. Lange stand die Zunft zu Safran unter Verdacht. Froschschenkel als Auslöser Jetzt aber hat Fasnachtskenner Marco Thomann aufgedeckt, dass Tierschützer Jonny Niederhauser, genannt «de Hueber», der Täter war. Dieser hatte sich damals wiederholt beschwert, weil die Weyzünftler Froschschenkel assen. Die Beschwerden nützten allerdings nichts. Also griff Niederhauser zu drastischen Mitteln: Er entführte den 100 Kilo schweren Wey-Frosch und versteckte ihn in einer Garage bei Küssnacht. Über die Lokalpresse liess er verlauten: «Hört auf mit dem tierquälerischen Froschschenkelessen, dann komm ich wieder zum Vorschein!» Offenbar war das Versteck nicht gut genug: Drei Küssnachter entführten ihn erneut und liessen ihn an einem Helikopter hängend über Luzern schweben – während des Fritschiumzugs. Und Niederhauser? Der ist mittlerweile 87-jährig und freut sich, weil die Wey-Zunft seither auf die Froschschenkelessen verzichtet.

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