Für kleine Klassen gibt es künftig Bussen: Luzerner Schulen ärgern sich über Kanton 

Gemeinden mit zu kleinen Klassen werden künftig vom Kanton gebüsst.
Luzerner Rektoren kritisieren diese Art von Steuerung harsch.

Yasmin Kunz
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Wieviele Kinder sollen in einer Klasse sein? Das entscheiden auch künftig die Schulen selber – doch wenn sie eine Mindestgrösse unterschreiten, müssen sie eine Busse bezahlen. (Archivbild Christian Beutler/Keystone)

Wieviele Kinder sollen in einer Klasse sein? Das entscheiden auch künftig die Schulen selber – doch wenn sie eine Mindestgrösse unterschreiten, müssen sie eine Busse bezahlen. (Archivbild Christian Beutler/Keystone)

Die Luzerner Volksschulen sind aktuell an der Klassenplanung für das Schuljahr 2020/21. Und stehen dabei vor einer schier unlösbaren Aufgabe, wie sie sagen. Denn: Ab nächstem Jahr müssen jene Gemeinden, die Klassen mit einem Unterbestand haben, dem Kanton Luzern Ausgleichszahlungen erstatten (siehe Kasten unten). Wird der Soll-Klassenbestand nicht erreicht, müssen sie für eine Kindergarten- und Basisstufenklasse 7'500 Franken und für eine Primarklasse 10'000 Franken bezahlen, auf der Sekstufe gar 12'500 Franken.

Charles Vincent, kantonaler Dienststellenleiter Volksschulbildung, betont, diese Zahlungen seien nicht pädagogisch motiviert, sondern aus finanziellen Gründen eingeführt worden.

Eine fast unlösbare Aufgabe für die Schulen

Lukas Bucher, Rektor der Schule Triengen, sagt: «Es ist für uns eine nahezu unlösbare Aufgabe, Unterbestände zu vermeiden.» Er macht ein Beispiel: «Wir hatten im Februar in einem Jahrgang 47 Kinder. Da stellten wir uns die Frage: Eine Klasse mit 23 und eine mit 24 Schülern oder drei Klassen und dafür eine mit Unterbestand?» Für Bucher ist die Antwort klar: «Drei Klassen sind aus pädagogischer Sicht sinnvoller, zumal es in diesem Jahrgang noch ein Kind mit Sonderschulbedarf dabei hatte.» Wer ein solches Kind integriert, hat laut kantonalen Vorgaben einen tieferen Klassenbestand auszuweisen.

Die Schule Triengen sei sehr heterogen, viele Schüler hätten einen Migrationshintergrund und bräuchten Unterstützung. «In einem Klassenverbund von 24 Kindern leidet die individuelle Förderung massiv.» Das könne nicht die Absicht des Kantons sein, sagt Bucher.

Charles Vincent stimmt grundsätzlich zu, dass grössere Klassen nicht immer sinnvoll und umsetzbar sind. Er sagt jedoch:

«Es gibt durchaus Möglichkeiten, um pädagogisch sinnvolle Lösungen zu realisieren.»

Er nennt als Beispiel die Basisstufe, altersgemischte Klassen, Lernateliers in der Sekstufe. Es sei keinesfalls die Absicht, die Schulen zu einem neuen Schulmodell zu zwingen, aber es könne eine Lösung der Problematik sein.

Rektor kann Entschluss «in keiner Weise» nachvollziehen

Die Schule in Triengen zählt rund 600 Schüler. Doch auch grössere Schulen wie etwa jene in Emmen mit rund 3000 Lernenden bekunden Mühe, Unterstände zu umgehen. Rektor Bruno Rudin: «Es ist unmöglich, Klassen mit Unterbeständen zu vermeiden.» Er ärgert sich über diesen Beschluss der Regierung; wohlwissend, dass das Luzerner Stimmvolk im Mai 2019 mit dem Ja zur Aufgaben- und Finanzreform 18 das letzte Wort gesprochen hat. «Der Teufel steckt gewöhnlich im Detail», sagt er. Die Schulen Emmen hätten bis dato immer eine Handvoll Klassen mit Unterbestand gehabt. Dass man nun dafür finanziell aufkommen müsse, ist für den Rektor «in keiner Weise nachvollziehbar».

Emmen habe aufgrund der finanziell schwierigen Lage bereits einige Optimierungen getroffen. «Aktuell liegen die Klassendurchschnittsgrössen über dem kantonalen Mittel, dies trotz überdurchschnittlich grossem Anteil von fremdsprachigen Kindern und einem sehr grossem Anteil von Schülern mit Sonderschulbedarf», so Rudin. Er sagt:

«Ich schäme mich, den Eltern und Lehrpersonen zu verkünden, dass die pädagogischen Rahmenbedingungen schlechter werden. Es darf nicht passieren, dass Sparübungen auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden.»

Ein möglicher Ansatz, zu kleine Klassen zu umgehen, wäre etwa die Einführung von Mischklassen. Also das Zusammenlegen von zwei Jahrgangsklassen. Rudin sagt aber: «Altersdurchmischtes Lernen ist ein pädagogisches Konzept und soll nicht aus Struktur- und Organisationsgründen realisiert werden.»

Weniger Spielraum für kleine Schulen 

Auch in Neuenkirch findet man die Regelung zu den Unterbeständen «eine fragwürdige Entscheidung des Kantons», wie Rektor Lucien Kraft sagt. Zu den Schulen Neuenkirch mit 850 Lernenden zählen auch die kleinen Aussenstandorte Hellbühl und Sempach Station. «Dort haben wir noch weniger Spielraum, Unterbestände zu umgehen», so Kraft. Er fügt ein Beispiel an: «Wir integrieren 15 Kinder mit Sonderschulbedarf. Sobald wir aber ein Kind integrieren, müssen wir die Schülerzahl in dieser Klasse nach den kantonalen Vorschriften sinnvollerweise senken. Dies ist ein stark wirkender Faktor in der Klassen- und Schulplanung. Zugleich sollen wir nun bei einer pädagogisch sinnvollen Klassenplanung gebüsst werden, wenn wir dadurch zu wenig Schüler in einer Klasse haben.»

Zudem fragt sich Kraft, ob es denn für Überbestände von Kanton einen Bonus gebe. «Ansonsten handelt es sich hier nur um ein Malus-System, und das erscheint mir unfair.»

Rund jede sechste Klasse ist unterbesetzt

(kuy) 290 Klassen der Luzerner Volksschule weisen für das Schuljahr 2019/20 einen Unterbestand auf. Heisst: Sie haben die Mindestzahl an Schülern nicht erreicht. Das sind fast gleich viele wie ein Jahr zuvor. Da den Gemeinden ab 2020/21 «Bussgelder» drohen, wenn Klassengrössen das Soll unterschreiten, dürfte die Zahl der Klassen mit Unterbestand im nächsten Jahr sicher um zehn Prozent sinken, glaubt Charles Vincent, Dienststellenleiter Volksschulbildung. Beim heutigen Unterbestand in 290 Klassen würde der Kanton Ausgleichszahlungen von knapp 2,5 Millionen Franken erhalten. Vom Kindergarten bis zur sechsten Primarklasse ist ein Unterbestand bei einer Schülerzahl von unter 16 gegeben, auf der Sekundarstufe Niveau A und B von unter 15 und auf der Sek C von unter 12. Der Kanton Luzern zählt aktuell 2'236 Schulklassen in der Volksschule.