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Fundstätte in Egolzwil: Das Werk heimatsmüder Helvetier?

Nebst Scherben und Schmuckstücken haben die Archäologen erstmals Spuren einer keltischen Siedlung entdeckt. Anlass zu Spekulation geben dabei die Überreste eines abgebrannten Hauses.
Raphael Zemp
Ein Mitarbeiter der Kantonsarchäologie arbeitet sich vorsichtig zum Boden der keltischen Siedlung vor. (Bild: Pius Amrein, Egolzwil 17. Oktober 2018)

Ein Mitarbeiter der Kantonsarchäologie arbeitet sich vorsichtig zum Boden der keltischen Siedlung vor. (Bild: Pius Amrein, Egolzwil 17. Oktober 2018)

Wie ein überdimensionierter Sandkasten mutet die Grabung an, im Egolzwiler Quartier Baumgarten, unmittelbar neben der Eisenbahnlinie gelegen. Ein viereckiges Loch, rund 100 Quadratmeter gross, ausgestanzt aus jener Wiese, auf der bald schon drei Doppeleinfamilienhäuser in die Höhe schiessen werden. Noch aber arbeitet hier eine Handvoll Mitarbeiter der Kantonsarchäologie, gräbt, misst und verzeichnet. Es bedarf einiger «Aufklärung» von Ebbe Nielsen, dem stellvertretenden Luzerner Kantonsarchäologen, bis man darin mehr sieht als ein mysteriöses Treiben inmitten von Steinen und Erde.

Sensationell sei, was man hier in den vergangenen sieben Grabungswochen freigelegt und gefunden hat, schwärmt Nielsen. Es sei zwar schon länger bekannt, dass einst Kelten diese Gegend besiedelten. Und tatsächlich sind auf dem Gebiet des ehemaligen Sees im Wauwilermoos erste keltische Gegenstände gefunden worden. Zum ersten Mal aber sind jetzt die Archäologen des Kantons Luzern auf spätkeltische Siedlungsspuren gestossen. Solche gibt es «weit und breit keine», meint Grabungsmitarbeiter Niklaus Schärer. Nielsen spricht von einigen Dutzend bekannten Keltensiedlungen – schweizweit.

Gemeinderäte interessiert, Medien weniger

Das Interesse an den «seltenen keltischen Funden», welche die Kantonsarchäologen den Medienschaffenden an diesem Nachmittag in Egolzwil versprochen haben, hält sich allerdings in Grenzen. An den Tisch im Bauwagen der Archäologen haben sich nebst Nielsen und den Egolzwiler Gemeindevertretern Willi Geiser (Schulverwalter, CVP) und Josef Mathis (Gemeindeammann, FDP) bloss zwei Journalisten gesellt. Vor ihnen liegen frisch geborgene Scherbenstücke und verbogener Draht.

Dem Enthusiasmus Nielsens tut der geringe Medienaufmarsch aber keinen Abbruch. Ohne eine Einstiegsfrage abzuwarten, legt er los, spuckt Satz um Satz aus, trägt die Gedanken der Anwesenden schon nach wenigen Worten aus der staubigen Baracke heraus, es verblasst der neongelbe Faserpelz an der Wand ebenso wie die Ausgrabungslampe in der Ecke: Wir tauchen ein in die Welt der Kelten, genauer in die Welt der Helvetier, ins erste Jahrhundert vor Christus.

Nielsen streckt Illustrationen und Karten entgegen. Aus unscheinbaren Tonsplittern wachsen in Gedanken Schalen und Töpfe zusammen. Das grüne Stück Draht, es verwandelt sich zu einem schicken Schmuckstück, «mit dem die Kelten ihre Kleider zusammenhielten». Aus einer Ansammlung von Steinen in der Grabungsgrube wird eine Strasse und aus einer dunklen Verfärbung des Erdreichs ein Pfahlloch eines Kelten-Hauses. «Wohl 50 Quadratmeter gross – und vor allem: abgebrannt», sagt Grabungsleiter Nielsen.

Brandstiftung oder Brandkatastrophe?

Diese Entdeckung beflügelt Nielsens Gedanken ganz besonders. Denn aus Julius Cäsars Buch über den Gallischen Krieg weiss der Archäologe, dass die Helvetier um 58 v. Chr. das Schweizer Mittelland verliessen in Richtung Frankreich. Dabei verbrannten sie sämtliche Siedlungen. «Wir könnten hier also auf ein Zeugnis dieses Ereignisses gestossen sein», sagt Nielsen, «zeitlich würde es hinhauen.» Denkbar sei aber auch eine einfachere und deutlich weniger spannende Erklärung: Das Gebäude ist versehentlich abgebrannt.

Sicher ist eines: Jene Schicht, die für die Archäologen von besonderem Interesse ist, sich auf rund anderthalb Metern Tiefe befunden hat und zum Grossteil in weisse, säuberlich beschriftete Plastikkübel verpackt ist – diese wird über den Winter genauer untersucht. Nielsen hofft auf weitere Funde: Getreidereste. Weitere Keramik-Scherben. Vielleicht sogar Münzen und Schmuckstücke. «Denn die Helvetier waren auf dem Weg zu einer Hochkultur», weiss Nielsen. Welche Schätze könnte er wohl noch heben, wenn die Helvetier nicht ausgezogen, von den Römern zurückgetrieben und 15 v. Chr. schliesslich auf heimischem Grund besiegt und romanisiert worden wären?

Ein Mitarbeiter der Kantonsarchäologie beim Verzeichnen. (Bild: Pius Amrein (Egolzwil, 17. Oktober))
Geduldsprobe: Grabungsmitarbeiter Niklaus Schärer "überträgt" die keltischen Siedlungsüberreste Stein um Stein auf Millimeterpapier. (Bild: Pius Amrein (Egolzwil, 17. Oktober))
Die letzten Überreste der interessanten Kelten-Bodenschicht werden abgetragen. (Bild: Pius Amrein (Egolzwil, 17. Oktober))
Die geborgene Erde wird teils per Hand in die weissen Plastikkübel befördert. (Bild: Pius Amrein (Egolzwil, 17. Oktober))
Steine einzeichnen dauert: Mehrere Tage dauert es bis Niklaus Schärer die Kelten-Überreste aus Stein auf Milimeterpapier übertragen hat. (Bild: Pius Amrein (Egolzwil, 17. Oktober))
Keine Sandkastenparty: Die Kelten-Grabung in Egolzwil, unmittelbar an der Bahnlinie gelegen. (Bild: Pius Amrein (Egolzwil, 17. Oktober))

Eine Fibel aus Bronze: Mit dieser «Sicherheitsnadel» haben die Kelten ihre Gewänder zusammengehalten.
Geborgen von der Kantonsarchäologie Luzern: Ein Kelten-Kermaikstück. (Bild: Pius Amrein (Egolzwil, 17. Oktober))
Die Egolzwiler Erde hat noch nicht alle Ihre Schätze preisgegeben: ein Tonstück im Boden. (Bild: Pius Amrein (Egolzwil, 17. Oktober))
Überreste von Kelten-Keramiken, geborgen bei der Grabungsstelle Egolzwil-Baumgarten. (Bild: Pius Amrein (Egolzwil, 17. Oktober))
Die Kelten-Grabung liegt unmittelbar neben der Bahnstrecke Luzern-Olten. (Bild: Pius Amrein (Egolzwil, 17. Oktober))
11 Bilder

Scherben, Töpfe – Erde: Das finden Archäologen bei der Ausgrabung in Egolzwil

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