Kriminalgericht: Für Sex mit der Stieftochter angeklagt

Ein Schweizer soll 1995 im Kanton Luzern ein Mädchen vergewaltigt haben. Die Anklage fordert dreieinhalb Jahre Gefängnis.

Roger Rüegger
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Der heute 57-jährige Schweizer soll 1995 an seinen drei Stieftöchtern in einer Luzerner Landgemeinde sexuelle Handlungen vorgenommen haben. Die älteste, damals zehn, soll er gar vergewaltigt haben. Der Mann mit dem dichtem Haar und grauem Bart beantwortet an der Verhandlung am Mittwoch die Fragen der Luzerner Kriminalrichter klar und deutlich. «Ich bleibe bei meinen Aussagen, die ich an den Untersuchungsbefragungen gemacht habe. Da war gar nichts.» Das Urteil steht noch aus.

Die Älteste zeigte ihn im Jahr 2015 an. «Ich war wie vor den Kopf gestossen, als ich von der Polizei kontaktiert wurde», sagt der Beschuldigte. Seine Vermutung ist, dass sich die heute 34-Jährige an ihm rächen will, weil er die Familie Ende der 90er verlassen hatte. Danach seien die Mädchen fremdplatziert worden.

Die sexuelle Handlung hat sich laut Anklage so abgespielt: «Der Mann rief die Töchter (6, 8 und 10) seiner Lebenspartnerin ins Bad und erklärte das Vögelispiel.» Sein Geschlechtsteil sei ein Vogel im Nest, der reagiere, wenn man ihn anspreche oder berühre. Die älteren Mädchen hätten mitgespielt, die jüngste nur zugesehen. Dies beschrieb die älteste Tochter, die Privatklägerin ist, den Untersuchungsbehörden.

Er wollte seinen Frust an der Stieftochter abbauen

Weiter führte sie bei den Befragungen aus, dass der Stiefvater von ihr forderte, sie müsse die Rolle der Mutter einnehmen. Eine Woche danach habe er sie im Schlafzimmer aufgesucht. «Weil er beim Gamen mit der Konsole ein Spiel verloren hatte, wollte er seinen Frust an ihr abbauen, indem er sich an ihr verging», so die Anklage. Zuerst habe er sie intim berührt, danach entjungfert. «Nach dem Beischlaf, wobei nicht bekannt ist, ob es zum Samenerguss kam, waren das Pyjama, der Slip, das Bettlaken und die Bettdecke voll mit Blut», heisst es in der Anklageschrift. Der Staatsanwalt meint, dass sich der damals arbeitslose Beschuldigte an der Stieftochter vergangen habe, weil ihm die berufstätige Lebenspartnerin sexuell nicht zur Verfügung gestanden habe. Auch sei er gewalttätig gewesen. Er habe die Mädchen geschlagen. Der Beschuldigte schüttelt bei den Schilderungen der Anklage immer wieder den Kopf, gibt jedoch zu, kein guter Vater gewesen zu sein. Die älteste Stieftochter habe er einmal übers Knie gelegt und ihr den Hintern versohlt.

Er fühle sich schuldig, aber nur, weil er vor den Richtern sitze. «Ich begreife aber nicht, dass mir solche Dinge vorgeworfen werden. Es gab keinen Grund. 1995 kam mein Sohn zur Welt. Wir waren eine harmonische Familie.» Mit den zwei jüngeren Töchtern hat er immer noch Kontakt. Zumindest bis zur Anklage. Die Älteste pflege aber weder mit ihrer Mutter noch mit den Schwestern eine Beziehung.

Erinnerungslücke spricht für Glaubwürdigkeit

Bei ihren Aussagen hatte die Frau laut Staatsanwalt Erinnerungslücken. «Das ist nach 20 Jahren nachvollziehbar, spricht aber für ihre Glaubwürdigkeit.» Sie habe die Anklage so spät eingereicht, weil sie die Sache erst verarbeiten musste, meinte die Vertreterin der Privatklägerin. Der Staatsanwalt beantragt eine Freiheitsstrafe von 3 Jahren und 6 Monaten für mehrfache sexuelle Handlung mit Kindern und Vergewaltigung.

Der Verteidiger will einen Freispruch: «Erinnerungslücken sind kein Beweis für Glaubwürdigkeit.» Zum Vorwurf im Badezimmer meinte er, dass die Zweitälteste die Aussage der Ältesten mit dem Vögelispiel nicht bestätigt habe, obwohl sie dabei gewesen sein soll. Zum Thema Gewalt: «Sollte mein Mandant gewalttätig gewesen sein, heisst das nicht zwangsläufig, dass er auch vergewaltigt. Die Anklage kann nichts beweisen.» Der Beschuldigte sagte zum Schluss: «Ich konnte mir nie vorstellen, dass man in der Schweiz unschuldig eingesperrt wird. Jetzt kann ich’s. Ich bin überfordert.»