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FUSSBALL: Ex-FCL-Präsident Romano Simioni: «Luzern ist schon sehr speziell»

Romano Simioni (82) war Präsident, als der FC Luzern 1989 Schweizer Meister wurde. Ein nächster Meistertitel ist nicht in Aussicht. Also schwärmen wir mit ihm ein wenig von den alten Zeiten – obwohl sie ja auch nicht immer so gut waren.
Interview Hans Graber
Romano Simioni im Garten des Luzerner Restaurants Felsenegg, das von seinem Sohn geführt wird. (Bild: Roger Grüter (19. Juli 2017))

Romano Simioni im Garten des Luzerner Restaurants Felsenegg, das von seinem Sohn geführt wird. (Bild: Roger Grüter (19. Juli 2017))

Interview Hans Graber

hans.graber@luzernerzeitung.ch

Heute beginnt für den FC Luzern die Saison – interessiert Sie das überhaupt noch?

Sicher, mich interessiert Fussball immer noch generell, speziell natürlich der FCL. Wenn man 22 Jahre Präsident gewesen ist, kann man das nicht einfach abstreifen. Das verfolgt mich wohl bis zum bitteren Ende. Ich habe Plätze in der Business-Loge, und wenn immer möglich, bin ich bei Heimspielen dabei.

Bereitet es Ihnen Freude, was Sie da jeweils sehen?

Das kommt vor, leider zu selten, obwohl meine Erwartungen nicht riesig sind. Ich glaube, diese Saison muss man zufrieden sein, wenn der FCL 7. oder 8. wird.

Manchmal kommt alles ganz anders als die Prognose. Vor Beginn der Saison 1988/89 wurde der FCL als Absteiger gehandelt, danach wurde er das erste und einzige Mal in seiner Geschichte Schweizer Meister.

Ja, solche Wunder gibt es im Fussball. Wir konnten es damals ja selber kaum fassen, was da ablief. Viele Spiele haben wir mit einem Tor Unterschied gewonnen. Ich erinnere mich etwa an den drittletzten Match in Neuchâtel gegen Xamax. Die haben die ganze Zeit auf unser Tor gespielt, ein Handspenalty gegen uns wurde nicht gepfiffen – aber 10 Minuten vor Schluss traf Nadig für uns zum 1:0. Damals hat einfach alles zusammengepasst, die Mischung in der Mannschaft stimmte, mit Friedel Rausch hatten wir einen Trainer, dessen Mentalität auf den Verein zugeschnitten war. Und wir hatten das nötige Glück. Dass sich so etwas jetzt wiederholen könnte, dazu müssten aber gleich mehrere Wunder miteinander passieren. Daran glaube ich nicht.

Was beim FCL so gut wie sicher ist, ist Unruhe. Was läuft schief?

Da spielt so manches mit. Wir haben in Luzern eine vertrackte Situation. Entweder läuft es auf dem Spielfeld einigermassen, oder es harmoniert in der Führung – aber beides zusammen ist kaum je der Fall. Es gibt immer wieder nega­tive Einflüsse, oft hausgemacht, auch, weil viel zu viele Leute drein- und mitreden. Sicher, in vielen anderen Vereinen ist auch Unruhe, aber die Situation in Luzern scheint mir schon sehr speziell. Ich bin fast überzeugt: Selbst wenn wir eine Mäzenin hätten wie eine Gigi Oeri, die die Basis gelegt hat für den anhaltenden Höhenflug des FC Basel, wäre beim FCL regelmässig Feuer im Dach. Das gehört offenbar zu diesem Verein.

Ein stabiler Verein war der FCL auch in Ihrer Präsidiumszeit nicht.

Das stimmt absolut. Da war längst nicht immer eitel Sonnenschein, auch ich musste mir so einiges anhören. Ganz bitter: Drei Jahre nach dem Meistertriumph sind wir in Grenchen abgestiegen, immerhin wurden wird eine Woche später Cupsieger, und ein Jahr später kamen wir mit Trainer Bicskei wieder hoch. Es war ein Auf und Ab, FCL halt. Zu Beginn der Meistersaison musste ich übrigens den Spielern den Lohn kürzen, weil wir kaum Geld hatten. Die Spieler waren einverstanden, sie hatten sich aber für den Fall des Meistertitels eine Prämie von 50'000 Franken pro Kopf ausbedungen. Diesen Deal bin ich eingegangen. Dass ich die Prämie auszahlen müsste, daran habe ich nicht im Traum gedacht. Aber weil es in dieser Saison dermassen gut lief und wir regelmässig über 20'000 Zuschauer auf der Allmend hatten, konnte ich die Million am Ende der Saison locker bezahlen.

Womit wir beim leidigen Thema Geld wären.

Ja, Geld beherrscht den Fussball, die Spirale dreht sich immer weiter. Im Meisterjahr hatte der FCL ein Budget von 4,8 Millionen für den Gesamtverein, inklusive Junioren, Damen usw. Heute dürften es 20, 25 Millionen sein – und es reicht offenbar nicht.

Wobei der FCL ja noch eine kleine Nummer ist.

Das ist so, viele Grossklubs schleppen riesige Schuldenberge mit sich herum. Real Madrid glaub 400 Millionen. Eine löbliche Ausnahme ist Bayern München, dort hat man das Geld im Griff. Bei vielen anderen Top-Clubs ist das längst aus dem Ruder gelaufen, und irgendwann wird das zum Kollaps führen. Das Geld, das im Fussball ausgegeben wird, bringt man nur durch Investoren und Grosssponsoren rein, die offenbar gerne Geld verlochen. Denn dieses Geld kommt nicht zurück. Fussball ist meist kein Investitionsgeschäft. Auf Dauer wird das mit diesen Sponsoren deshalb nicht mehr funktionieren. In einer  breiten Wirtschaftskrise werden sie ausbleiben.

Wie viel Geld haben Sie selber mit dem FCL verloren?

Keines.

Geld brauchte der FCL auch unter Ihrer Führung. Wie haben Sie das zusammengekriegt?

Ich habe den Sponsoren immer reinen Wein eingeschenkt und ihnen gesagt, der FCL brauche 20'000 oder 30'000 Franken, aber sie würden das Geld nicht wiedersehen. Das war auch allen klar. Die waren nicht naiv. Als ich mal eine Million brauchte, habe ich 30 Geschäftsleute ins «National» eingeladen, auf meine Rechnung. Wir haben gut gegessen und getrunken – und nachts um 2 Uhr war die Million beisammen. Natürlich kann man diese Jahre nicht mehr mit 2017 vergleichen, das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, aber mir ist im Fussball allgemein das Freundschaftliche, das Beziehungsmässige, das Persönliche verloren gegangen. Wenn ich auf die Allmend gehe, kenne ich kaum mehr jemanden.

Jetzt übertreiben Sie masslos.

Nur ein bisschen. Wenn ich einen Match in Ibach, Gunzwil, Willisau, Sursee oder von Kickers Luzern besuche, komme ich jedenfalls mit mehr Leuten ins Gespräch als auf der Allmend, bedingt auch durch die Gegebenheiten moderner Stadien. Die Swisspor-Arena ist zweifellos sehr schön, das hat Walti Stierli super hingekriegt, aber moderne Stadien mit ihren Sektoren schränken die Bewegungsfreiheit und damit die Kontakte ein. Und es betrifft nicht nur das Stadion: Früher kamen an die FCL-GV ein paar hundert Leute ins Casino, ein Regierungsrat war mit dabei. Die GV war ein Ereignis, ein Fest. Heute kommen vielleicht 25, 30 Nasen. Dafür braucht es an jedem zweiten Match ein riesiges Polizeiaufgebot. Einst reichten vier Kantonspolizisten, deren Lohn eine Wurst und ein Bier war. Gerade vor wenigen Tagen habe ich einen von damals getroffen. Der hat immer noch von jenen Zeiten geschwärmt.

Wie Sie ja auch.

Klar, und x andere FCL-Fans auch, die das miterlebt haben. Sie waren doch sicher auch dabei, als wir gegen Servette Meister wurden.

War ich. Vom Dauerregen ziemlich verseicht, aber so weit erinnerlich war es trotzdem ein sehr schöner und auch sehr langer Abend. Gab es Freudentränen bei Ihnen?

Ja – und es war mir sterbensschlecht, weil ich erstmals in meinem Leben eine Zigarre rauchte. Freudentränen gab es trotzdem, auch 1992 beim Cupsieg. Und beim Abstieg in Grenchen habe ich geweint. Sonst liess ich mir meist wenig anmerken, obwohl mich die Spiele schon emotional mitnahmen. Aber aus Respekt vor dem Gegner bzw. dem Präsidentenkollegen, neben dem ich jeweils auf der Tribüne sass, hatte ich mir angewöhnt, nicht aufzustehen und zu jubeln, wenn wir ein Tor schossen. Die Präsidenten waren fast alle gute Kollegen. Und Gentlemen. Man einigte sich per Handschlag, und bei einem Spielertransfer nutzte man auch mal eine Serviette für einen Vertrag, wie damals, als Roli Widmer zu Xamax wechselte und ich für die Modalitäten bei Xamax-Präsident Gilbert Facchinetti zum Essen eingeladen war – zu Hause bei dessen Mutter.

Kurzum: Früher war alles besser?

Es war anders. Damals hatten wir eine Mannschaft, die zur Hauptsache aus Einheimischen bestand, ergänzt durch ein paar kluge Verstärkungen. Mit Spieler­beratern habe ich übrigens praktisch nie geredet, und ich würde das auch jetzt nicht machen. Wenn man heute an den Match geht, spielen immer wieder neue Leute, die man von irgendwoher holt. Aber wirklich herausragend ist kaum jemand. Meines Erachtens hat es zu viele Indianer und keine Häuptlinge. Aber ich weiss schon, einfach ist das für die Verantwortlich nicht, und ich möchte in der heutigen Zeit nicht Präsident sein.

Wie haben Sie den FCL geführt?

Eher diktatorisch, aber doch kollegial. Ich war entscheidungsfreudig und habe Verantwortung übernommen. Und ich habe geschaut, dass das Gremium nicht zu gross war. An meiner ersten Sitzung als Präsident waren 17 Leute anwesend, inklusive Gärtner usw. Nichts gegen den Gärtner, den braucht es, aber nicht am Vorstandstisch, wo er seine Meinung zu Transfers äussert. Es waren dann bald einmal nur noch 5 Leute am Tisch.

Wie wurden Sie eigentlich Präsident?

Ich war an einer GV im Restaurant Anker. Traktandum 1 war Begrüssung. Traktandum 2 war Wahl eines Präsidenten. Nachts um 1 Uhr war man immer noch bei Traktandum 2. Da meinte einer, der Simioni könne das doch machen.

Und Sie haben spontan zugesagt?

Nein, nein. Ich habe das erst einmal mit meinem Arbeitgeber, den beiden Herren Anliker vom Baugeschäft, besprochen. Wählen lassen habe ich mich dann wenig später an einer ausserordentlichen GV im «Kolping». Das war 1975, der FCL dümpelte in der Nati B herum. Die Zuschauer konnte man per Handschlag begrüssen, und am ersten Match musste ich in der Halbzeit zu Hause Geld holen, weil die Einnahmen nicht reichten, um den Schiedsrichter zu bezahlen.

Warum haben Sie sich das Präsidentenamt angetan?

Ach, ich hatte wohl ein Herz für den FCL, war immer mal an den Spielen auf der alten Allmend unter dem Totomaten. Und obwohl der Verein in einem desolaten Zustand war, sah ich im FCL ein gewisses Potenzial. Das sah wohl auch die Firma Anliker, die mit der Zeit von meinem Bekanntheitsgrad als FCL-Präsident profitierte. Sie haben mich machen lassen. Und ich war ein Macher, auch im Baugeschäft. Während meiner 32 Jahre als Direktor bei Anliker ist die Mitarbeiterzahl von 80 auf über 1000 gewachsen, und das einst auf Wohnungsbau beschränkte Tätigkeitsgebiet wurde erweitert. Nicht nur wegen mir, logisch, aber ich bin vorangegangen und habe vorgespurt. Mich interessierte das grosse Ganze, weniger die Details, um die sich aber Gott sei Dank andere kümmerten.

Keine Rückschläge?

Doch, doch, im Baugeschäft ebenso wie im Fussball. Mein erster Gedanke am Morgen war häufig, was wohl wieder in der Zeitung steht über mich und den FCL. Gegen Ende meiner Amtszeit wurde mir vorgeworfen, ich hätte Geld unterschlagen, ich wurde eingeklagt, es gab hinter meinem Rücken polizeiliche Untersuchungen – aber man hat bloss festgestellt, dass alles in Ordnung war.

Blieb Verbitterung zurück?

Nein, ich war nie verbittert. Ich habe immer gewusst, dass solche Sachen zum Business gehören. Manchmal hat mich das schon auch getroffen, aber ich hatte 45 Jahre lang eine wunderbare Frau zu Hause, mit der ich jeden Abend über alles sprechen konnte. Das war für mich extrem wichtig, jeder Ärger war danach höchstens noch halb so schlimm.

Aber Ihre Frau ist gestorben.

Ja, leider, am 2. Januar 2008. Von einer Sekunde auf die andere. Beim Essen fiel sie vom Stuhl und war tot. Ein ganz bitterer Schicksalsschlag, den ich bis heute nicht verwunden habe. Sie war immer meine Stütze, auch wenn sie nur ganz selten beim Fussball mit dabei war. Einmal an einem internationalen Match – da hat sie geklatscht, als der Gegner ein Tor schoss. Auf meinen Einspruch sagte sie, das sei doch eine schöne Aktion gewesen ... (lacht). Unsere fünf Kinder mit ihren Familien schauen jetzt aber gut zu mir, und an den zehn Enkeln habe ich riesige Freude. Familie ist überhaupt das Wichtigste im Leben, weit wichtiger als jeder Fussballmatch.

Woran glauben Sie?

Ich bin katholisch erzogen worden, das prägt mich bis heute. Ich gehe oft in Kirchen, wenn ich unterwegs bin. Ich en­gagiere mich auch sozial, habe es aber nicht nötig, das an die grosse Glocke zu hängen.

Beten Sie auch mal für den FCL?

Nein. Ich bekreuzige mich auch nicht oder dergleichen, wenn einer ein Tor macht. Und dass wir 1988/89 ein absolutes Glücksjahr hatten, weil ich vier Jahre zuvor beim Papstbesuch auf der Allmend verantwortlich war für alle Aufbauten inklusive Altar, hat wohl auch keinen Zusammenhang – aber wer weiss ... (lacht)

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Ich habe aufgehört, mir darüber Gedanken zu machen. Es bringt nichts. Ich bin froh und dankbar, dass es mir mit 82 Jahren so gut geht, dass ich noch arbeiten kann. Ich versuche immer, positiv zu denken. Das hat mich meine Mutter gelehrt. Sie ist fast 100 geworden. In den letzten Jahren hat sie bei mir gewohnt. Eines Abends hat sie gesagt, sie habe nun genug gelebt. Am anderen Morgen lag sie tot im Bett. Stunden zuvor hatte sie mir noch einmal zugeflüstert, dass ich immer alles positiv anschauen müsse, das Negative komme von alleine, da müsse man nichts dazutun. Sie hatte Recht.

10. Juni 1989: Der Präsident feiert mit Trainer Friedel Rausch die Meisterschaft . Es gab Freudentränen, und Romano Simioni rauchte die erste Zigarre seines Lebens. Sie bekam ihm gar nicht gut. (Bild: Archiv LZ)

10. Juni 1989: Der Präsident feiert mit Trainer Friedel Rausch die Meisterschaft . Es gab Freudentränen, und Romano Simioni rauchte die erste Zigarre seines Lebens. Sie bekam ihm gar nicht gut. (Bild: Archiv LZ)

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