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Kolumne

Fussnote zu den «Lozärner Usdröck»: Wenn das «Chrutzli» zum «Chrotzi» wird

Vor einer Woche haben wir zahlreiche Luzerner Dialektausdrücke vorgestellt. Dank aufmerksamen Leserinnen und Lesern können wir nun Informationen nachliefern.
Simon Mathis

«Ich hab was falsch gemacht!» Wann immer ich morgens in meinem Postfach um die 30 E-Mails vorfinde, geht mir genau dieser panische Gedanke durch den Kopf. So war es auch vergangenen Montag, als ich zahlreiche Rückmeldungen zur Dialekt-Sammlung «Lozärner Usdröck» vorfand, die ich vor einer Woche zusammen mit Illustrator Oliver Marx realisiert hatte.

Simon Mathis (Bild: Pius Amrein)

Simon Mathis (Bild: Pius Amrein)

Tatsächlich wies die Leserschaft auf einige Ungenauigkeiten in den Erläuterungen hin. Manchmal sieht man das Wort vor lauter Silben nicht – vor allem, wenn Lautverschiebungen die Suche nach Wörtern zeitaufwendig machen. Allerdings: Selten war es so schön, zurechtgewiesen zu werden! Denn die Flut der Mitteilungen zeigt eindrücklich, wie lokal unterschiedlich und lebendig Mundart ist. Sie liegt den Leuten – wie mir – am Herzen. Deshalb will ich an dieser Stelle Fussnoten zur Doppelseite nachliefern.

  • «Chrotzi»: Als die Leser dieses Wort erklärten, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: «Klar, das Chrutzli!» Manchmal stiftet mein Dasein als Nidwaldner eben doch phonetische Verwirrung. Das «Chrotzi» ist ein enger, schmutziger und verlotterter Raum. In den Kellern von Bauernhöfen gab es früher kleine Holzabteile, in denen Kartoffeln gelagert wurden; meist in einer Ecke und schlecht zugänglich. Eine Leserin erinnert sich daran, das Wort auf dem Hof für Kälberboxen verwendet zu haben. Dort wurden die Tiere nach der Geburt zum Tränken hingebracht. Ein kleines, ungemütliches Zimmer für Menschen kann ebenfalls «Chrotzi» heissen. Auch ein altes und heruntergekommenes Häuschen ist ein «Chrotzi». Laut einer Leserin kann sich das «Chrotzi» zudem auf einen unförmigen oder krummen Baum beziehen. Ein «Chrotzipuur» übrigens soll ein Bauer sein, der konzeptlos vor sich hin wirtschafte. Kurz und gut: Ganz schön viele Infos für einen Begriff, über den es laut meiner Aussage nicht viel zu sagen gibt.
  • «Greubiheuscher»: Damit bezeichnet man keinen Geizhals, sondern einen Bettler. Eine Leserin erinnert sich an die Erklärung ihres Vaters, die ich hier gerne wiedergebe: «‹Greubi› kommt wahrscheinlich von Grieben. Beim Schlachten der Schweine wurden die Speckschwarten in der Pfanne ausgelassen. In der Pfanne blieben die ‹Greubi› zurück. Eine krümelige Masse. Früher kamen manchmal Leute – vor allem Männer – vorbei, die umherwanderten und nach Arbeit oder Essen fragten. Und wenn diese sahen, dass geschlachtet wurde, haben sie um die ‹Greubi› gebeten. Diese war geschmacklich nicht sehr beliebt, aber nahrhaft.»
  • «Mösele»: Unter «Mösele» versteht man kein klassisches Holzscheit, sondern einen dünnen «Trämu» (ein Rundholz) von Buchen oder Tannen. Ein Leser erinnert sich: «Die meterlangen Rundhölzer habe ich von Hand mit den Scheidweggen (Spaltkeilen) und einem Holzschlegel in meistens vier Teile gespalten. Nachher habe ich die Mösele zu einer Holzbeige aufgeschichtet.» Das Klafter hat drei Ster, ist also drei Meter lang, einen Meter breit und einen Meter hoch.
  • «Rüticharrer»: Mit gutem Recht eilt ein Leser dem «Rüticharrer» zu Hilfe. Er verdiene ein besseres Image, als ich ihm zuschreibe. Der «Charrer» sei zwar ein Knecht gewesen, als Verantwortlicher für die Pferdefuhrwerke allerdings ein Spezialist. Das «Rüti» sei eine gerodete Waldfläche, wie sie auch noch im Zweiten Weltkrieg entstanden seien, um die Versorgung zu sichern. Ein weiterer Leser bringt es schön auf den Punkt: «Der ‹Rüticharrer› hatte wohl die undankbare Aufgabe, Gerodetes abzutransportieren.» Ein anderer Leser schreibt, dass der Karrer etwa beim Steckenbleiben des Wagens oder beim missliebigen Verhalten der Pferde jeweils stark geflucht habe. So sei die Wendung entstanden: «Flueche wi ne Charrer».
  • «Schwerrli»: Mit runden Holzstücken hab ich’s nicht so. Das Schwerrli ist nicht der Querbalken eines Zaunes, sondern dessen Pfosten. Eine Leserin erklärt: «‹Schwerrli› ist ein kleiner Zaunpfahl, ‹Schwerre› ein grosser. Mein Vater hat diese früher selber im Wald aus Tannenholz zurechtgeschnitten. Dazu hat er kleine Tannen gefällt, in etwa 1,5 Meter lange Stücke geschnitten und jedes Stück mit einem Gertel angespitzt.»

Ende der Fussnote. Besonders schön ist, dass die Erklärungen meist von persönlichen Erinnerungen geprägt sind. Gerade Dialektwörter sind mehr als nur Einträge in einem Wörterbuch. Sie sind lebendig und sollen lebendig bleiben.

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