FUSSVERKEHR: «Wir sind das schwächste Glied»

Kurt Aeschlimann ist Chef der neuen Fussgänger-Lobby in Luzern. Was ihn stört, sind unter anderem rücksichtslose Velofahrer.

Interview Hugo Bischof
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Kurt Aeschlimann, Präsident von Fussverkehr Region Luzern, auf einem Fussgängerstreifen beim Schwanenplatz. (Bild Nadia Schärli)

Kurt Aeschlimann, Präsident von Fussverkehr Region Luzern, auf einem Fussgängerstreifen beim Schwanenplatz. (Bild Nadia Schärli)

Kurt Aeschlimann, Sie sind Präsident des vor kurzem gegründeten Verbands Fussverkehr Region Luzern*. Was ist Ihr grösstes Anliegen?

Kurt Aeschlimann: Dass die Polizei auch die Rechte der Fussgänger konsequent durchsetzt. Diese sind im Strassenverkehrsgesetz verankert: Das Trottoir ist mit wenigen Ausnahmen den Fussgängern vorbehalten. Also sollten Velofahrer, die verbotenerweise auf der Verkehrsfläche Trottoir fahren, auch gebüsst werden.

Geschieht das heute zu wenig?

Aeschlimann: Meiner Ansicht nach ja. Autofahrer, die falsch parkieren, werden sofort gebüsst, obwohl sie niemandem wirklich schaden. Velofahrer aber, die ein Rotlicht überfahren oder zwischen Fussgängern herumkurven, können Menschenleben gefährden.

Wie reagieren Sie, wenn Ihnen ein Velofahrer begegnet, der sich nicht an die Verkehrsregeln hält?

Aeschlimann: Ich spreche ihn freundlich an und mache ihn auf sein Fehlverhalten aufmerksam. In 80 Prozent der Fälle reagieren diese leider ohne Verständnis.

Wie werden Sie auf Ihre Anliegen aufmerksam machen?

Aeschlimann: Wir werden diesen Frühling eine Informationsaktion durchführen und den Velofahrern Handzettel abgeben – in Zusammenarbeit mit Pro Velo und Ökomobil. Wir wollen an die gegenseitige Toleranz appellieren dort, wo wir die Verkehrsfläche teilen. In Zürich wurde eine ähnliche Aktion durchgeführt – mit Erfolg. Natürlich gibt es immer Unverbesserliche. Klar ist auch: Die Wirkung einer solchen Aktion verpufft, wenn man sie nicht regelmässig wiederholt.

Warum Ihr Einsatz für Fussgänger?

Aeschlimann: Fussgänger sind das schwächste Glied in der Verkehrskette. Rücksichtnahme gegenüber ihnen ist deshalb wichtig. Velofahrer sind drei- bis zehnmal schneller unterwegs. Fussgänger fühlen sich unsicher, wenn Velofahrer ihnen zu nahe kommen. Das weckt Aggressionen. Würden Velofahrer im Bereich von Fussgängern im Schritttempo fahren, würden die Emotionen weniger hoch gehen. In Luzern scheinen aber alle Velofahrer extrem unter Zeitdruck zu stehen. Alle pressieren irgendwohin. In Italien steigen Velofahrer eher ab, wenn sie sich in Fussgängerbereichen fortbewegen.

Fahren Sie selber Auto oder Velo?

Aeschlimann: Ich habe meinen Fahrausweis nach 52 Jahren freiwillig zurückgegeben und das Velo vor Jahren verschenkt. Als Schüler fuhr ich leidenschaftlich gerne im Stossverkehr zwischen Bahnhof und Luzernerhof hin und her.

Es gibt heute vermehrt Radstreifen, die neben Fussgängerstreifen über die Strasse führen. Eine gute Idee?

Aeschlimann: Das ist sinnvoll, weil dadurch die Fussgänger und die Velofahrer ihren Platz haben, obwohl die Signalisierungsbestimmungen dies meines Wissens noch nicht vorsehen. Wichtig ist, dass die Velofahrer auch hier die Regeln befolgen.

Was verlangen Sie von der Politik?

Aeschlimann: Dass wir bei Verkehrsplanungen stärker einbezogen werden.

War das bisher nicht der Fall?

Aeschlimann: Noch zu wenig. Bei der Neuplanung des Bundesplatzes haben wir den Plan im Nachhinein begutachtet und haben immer auch das Interesse des Gesamtverkehrs im Auge. Hier kamen wir mit den Planern zum Schluss, dass der quer über die Bundesstrasse verlaufende Fussgängerstreifen im Interesse des Gesamtverkehrs durchaus aufgehoben werden kann. Der Fussgängerstreifen vor dem Kleintheater über den Bundesplatz sollte hingegen um ein bis zwei Meter verschoben werden, auch wenn dies zum Nachteil der Fussgänger wäre. Er ist zu nahe beim Kreisel. Vor dem Fussgängerstreifen haltende Autos blockieren hier die zügige Durchfahrt der VBL-Busse.

Was sagen Sie zur Aufhebung von Fussgängerstreifen bei Tempo 30?

Aeschlimann: Das wäre meistens nicht in unserem Sinne. Wenn Passanten einfach irgendwo die Strasse überqueren, kann das zu sehr gefährlichen Situationen führen. Schulkinder und Senioren sind auf sichere Passagen angewiesen.

Gibt es weitere wichtige Anliegen?

Aeschlimann: Wir möchten, dass die Stadt nicht noch mehr Sitzbänke aufhebt, wie sie das beispielsweise am Bahnhofquai getan hat. Parkbänke sind die Gratis-Parkplätze für die Fussgänger.

Wo gibt es weitere Brennpunkte?

Aeschlimann: Ein solcher war und ist der Quai von der Geissmattbrücke zum Natur-Museum. Zurzeit gilt hier noch, wie schon lange, ein Velofahrverbot. Es wird aber täglich hundert Mal missachtet, und die Polizei schaut trotz unseren Interventionen einfach weg.

Hier wird das Velofahrverbot aber demnächst aufgehoben, da die Stadt hier einen Radweg einrichtet.

Aeschlimann: Das stimmt. Die Bäume sind schon gefällt. Aber die Probleme bleiben. Zum Kasernenplatz führen vierzehn Buslinien. Die Velofahrer werden beim Natur-Museum das Trottoir queren, um in die Pfistergasse einzubiegen – das birgt an der Ecke Natur-Museum grosse Gefahren. Unseres Erachtens hätte die bisherige ausgeschilderte Radroute über den St.-Karli-Quai zum Bahnhof genügt.

HINWEIS
* Die Gründungsversammlung der Regionalgruppe Luzern von Fussverkehr Schweiz fand am 25. Januar 2014 statt. Der Präsident, Kurt Aeschlimann, leitet mit drei Vorstandsmitgliedern und drei Beiräten die Regionalgruppe Luzern. www.fussverkehr.ch