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Gansabhauet in Sursee: Und dann kam Aline

Gansabhauet in Sursee – zum ersten Mal in der Geschichte dieses Brauches schlägt eine Frau die Gans vom Draht.

Roger Rüegger
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Schlägerin Aline Theiler hat gut Lachen: als erste Frau überhaupt holt sie sich am Gansabhauet eine Gans. (Bild: KEYSTONE/Alexandra Wey, Sursee, 11. November 2019)
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Theilers Schlag war der fünfte Anlauf. (Bild: KEYSTONE/Alexandra Wey, Sursee, 11. November 2019)
Der historische Moment sorgte in Sursee für Begeisterung. (Bild: Patrick Huerlimann, Sursee, 11. November 2019)
Aline Theiler zieht mit dem Säbel durch. (Bild: Patrick Huerlimann, Sursee, 11. November 2019)
(Bild: Patrick Huerlimann, Sursee, 11. November 2019)
Die zweite Gans wurde dann auch mit dem zweiten Schlag geholt. (Bild: Patrick Huerlimann, Sursee, 11. November 2019)
Giovanni Valetti köpft die zweite Gans. (Bild: Patrick Huerlimann, Sursee, 11. November 2019)
Der Surseer lässt sich feiern. (Bild: KEYSTONE/Alexandra Wey, Sursee, 11. November 2019)
Zwei Männer der Zunft «Heini von Uri» hängen die tote Gans über dem Rathausplatz in Sursee auf. (Bild: KEYSTONE/Alexandra Wey, Sursee, 11. November 2019)
Nicht alle Schläger waren so erfolgreich wie Aline Theiler und Giovanni Valetti. (Bild: KEYSTONE/Alexandra Wey, Sursee, 11. November 2019)
91 Männer und sechs Frauen haben sich für den Gansabhauet angemeldet. (Bild: KEYSTONE/Alexandra Wey, Sursee, 11. November 2019)

Schlägerin Aline Theiler hat gut Lachen: als erste Frau überhaupt holt sie sich am Gansabhauet eine Gans. (Bild: KEYSTONE/Alexandra Wey, Sursee, 11. November 2019)

Eine imposante Kulisse baut sich am Montagnachmittag in Sursees Altstadt auf. Auf der Treppe vor der Kirche sowie rund um das Stadthaus reihen sich gegen 15 Uhr nahezu 4000 Männer, Frauen und Kinder ein. Sie warten gespannt auf die Figuren mit der Sonnenmaske und dem roten Mantel, welche alsbald mit einem stumpfen Säbel bewaffnet zwei Gänsen zu Leibe rücken werden.

Gansabhauet Sursee, der Brauch, der zeitlich nicht exakt eingeordnet werden kann, zieht bei den Einheimischen. Auf einer Bühne vor dem Rathaus werden nacheinander zwei tote Gänse an einer Leine befestigt. Die Tiere werden danach von sogenannten Schlägern, die mit verbundenen Augen auf die Bühne geführt werden, mit einem Säbel von der Leine geschlagen. Sie alle trinken vor ihrem Auftritt ein Glas Wein und werden um ihre eigene Achse gedreht. Dann erfolgt der Auftritt. Wer es schafft, eine Gans runter zu holen, darf diese behalten.

(Bild: Alexandra Wey/Keystone)

(Bild: Alexandra Wey/Keystone)

Klinge verkehrt, trotzdem alles richtig gemacht

Bis anhin waren es ausnahmslos Männer, die mit einem kräftigen Schwung den Hals des Tieres zu durchtrennen vermochten. Doch am Montag kam es anders. Am Montag kam Aline Theiler. Die 28-jährige Frau aus Pfeffikon zog bei der Auslosung, die jeweils um 14.30 Uhr beim Diebesturm stattfindet, die Nummer sieben. Das ist gut, sehr gut. Denn wer eine tiefe Nummer zieht, hat ausgezeichnete Chancen, das Tier von der Leine zu holen. Entsprechend gross war der Applaus der anderen Schläger sowie von zahlreichen Bekannten und Freunden, die bereits aus der Verlosung ein kleines Happening machten.

Es war so gegen 15.30 Uhr, als Aline zur Bühne geleitet wurde. Sie tastete sich mit einer Hand an den Vogel heran, um sich zu orientieren, bevor sie mit dem Säbel ausholte. Aber halt, da stimmt etwas nicht. Da die Akteure mit verbundenen Augen agieren, merkte die Frau nicht, dass sie die Waffe verkehrt herum hielt. So machte sie sich daran, mit der Rückseite der Klinge zu schlagen, obwohl halb Sursee sie lautstark darauf hinzuweisen versuchte. Die vielen Zurufe der Leute: «Verkehrt, verkehrt», hörte Aline Theiler ganz offensichtlich nicht. Aber das ist im Nachhinein auch völlig egal. Die junge Frau schwang die Metallklinge derart energisch und wuchtig, dass diese scheinbar ohne Widerstand durch den Hals glitt und die Gans entzweite. Die Anwesenden tobten – umso mehr, weil Aline offensichtlich etwas falsch machte – und dennoch siegte.

Hier Sehen Sie den Auftritt von Aline Theiler:

Wie erlebte sie den Moment, indem ihr so viele Stimmen entgegen schrien, dass etwas nicht stimmt? «Ja gell, ich habe scheinbar den Säbel falsch in den Händen gehalten. Aber davon habe ich nichts gemerkt, und auch nichts gehört, ich war so nervös», sagte sie, nachdem sie wieder im Rathaus zugegen war und gefeiert wurde wie ein Star.

(Bild: Patrick Hürlimann)

(Bild: Patrick Hürlimann)

Mikrofone und Kameras wurden ihr vors Gesicht gehalten, als hätte sie soeben einen Weltrekord gebrochen. Nun ja, das hat sie in gewissem Sinne auch. Sie ist schliesslich die erste Frau, die eine Gans an der Gansabhauet von der Leine schlug. Stadtpräsident Beat Leu gratulierte ihr mit den Worten: «Das ist etwa so zu werten, wie wenn Roger Federer mit dem Rand des Tennisschlägers einen Matchball an einem Grand Slam holt. Herzlichen Glückwunsch.» Michael Blatter, Präsident des Gansabhauet-Komitees freute sich unmittelbar nach dem Streich Theilers ebenfalls ausserordentlich über ihren Erfolg: «Ich kann es noch kaum glauben. Es war wirklich allerhöchste Zeit, dass es einer Frau gelingt, eine Gans zu holen», sagte er.

Nach Aline Theiler ging die Geschichte weiter. Aber nicht sehr lange. Nachdem Mitglieder der Zunft «Heini von Uri» die zweite Gans befestigt haben, traten nur gerade zwei Männer auf die Bühne. Giovi Valetti aus Sursee machte nicht lange Federlesen und holte den Vogel mit einem wuchtigen Schlag von der Leine. Der 49-jährige Surseer machte sich den Heimvorteil zu Nutze. Dies tut er auch mit der Beute. «Die Gans bereite ich nicht selber zu. Ich bringe sie zu Uschi ins Restaurant Wilden Mann. Gegessen wird sie dann mit Freunden», sagte er zehn Minuten nach seinem Schlag im Rathaus und ergriff ein Glas Wein. «Der wäre für den nächsten Schläger gewesen. Ich habe den jetzt aber verdient. Tipptopp», sagte Giovi und erhob das Glas.

Giovi Valetti. (Bild: Alexandra Wey/Keystone)

Giovi Valetti. (Bild: Alexandra Wey/Keystone)

Der Anlass am Martinstag ist keineswegs nur für Erwachsene, die sich an Brauchtum erfreuen. Auch Kinder finden ihren Spass. So werden die kurzen Pausen zwischen den Schlägern mit einem Grimassenwettbewerb von Buben und Mädchen überbrückt. Sie dürfen auf der Bühne ihre Gesichter verziehen und werden mit einem Stück Käse belohnt. Auch das zieht. Am Schluss der Vorstellung findet ein Sackhüpfwettbewerb statt. Im Ziel sind Würste an Schnüren aufgeknüpft, die von den Kindern mit dem Mund geschnappt werden.

(Bild: Patrick Hürlimann)

(Bild: Patrick Hürlimann)

Teenager haben ebenfalls Spass. Und wenn es nur darum geht, sich hinter den Akteuren aufzubauen, die von den TV-Teams für ein Interview angehalten werden. Es ist auch ein Anlass, der zu Diskussionen Anlass gibt. So meldete sich im Vorfeld eine Gruppe Tierschützer, welche finden, dass der Gansabhauet respektlos gegenüber den Tieren sei. Michael Blatter: «Das Thema kann man diskutieren. Unsere Gänse stammen aus einem Biobetrieb aus der Region und hatten ein würdevolles Leben. Sie wurden mit Respekt behandelt. Der Brauch ist in Sursee beliebt und wird nicht als anstössig betrachtet.» Apropos Heimvorteil. Aline zieht bald nach Sursee. Männer, wetzt die Säbel.

Hier sehen Sie die Versuche aller Schläger im Video: