«GASSEZIITIG»: «Ab und zu gibt es schon Revierkämpfe»

Der 48-jährige Fritz Antonenko ist in Bern geboren und geriet mit 15 in die Drogenszene. Seit 18 Jahren lebt er nun in der Innerschweiz, seit 2002 verkauft er in Luzern die «Gasseziitig».

Turi Bucher
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Fritz Antonenko: «Verkäufer der ‹Gasseziitig› sind an bestimmten Orten nicht erwünscht.»Bild: Eveline Beerkircher (Luzern, 24. November 2016)

Fritz Antonenko: «Verkäufer der ‹Gasseziitig› sind an bestimmten Orten nicht erwünscht.»Bild: Eveline Beerkircher (Luzern, 24. November 2016)

Fritz Antonenko, wo genau in Luzern verkaufen Sie die «Gasseziitg»?

Sie fangen gleich mit einer schwierigen Frage an. Unter uns «Gasseziitig»-Verkäufern gibt es nämlich schon ab und zu Revierkämpfe. Da stehen wir uns teilweise auf den Füssen rum. Ich verkaufe die Zeitung gerne im Neustadtquartier. Ich habe natürlich noch meine anderen Plätzchen, aber die will ich nicht öffentlich preisgeben.

Was verdienen Sie dabei eigentlich?

Es ist so, dass ich die Zeitung selber für 1 Franken beziehe und für 2 Franken verkaufe. Zu meinen besten Zeiten habe ich 500 bis 700 Exemplare verkauft. Die Zeitung erscheint dreimal im Jahr. Am kommenden Mittwoch – am 14. Dezember – erscheint die beliebte Weihnachtsausgabe. Das ist gut so. Diese Ausgabe ist einerseits bei den Käufern beliebt und andererseits auch bei den Verkäufern – denn an Weihnachten sind die Leute grosszügiger.

Sagen Sie mir, wieso ich Ihnen eine «Gasseziitig» abkaufen soll?

Weil die «Gasseziitig» eine gute Sache ist. Viele Leute sagen mir, dass sie die Zeitung gerne lesen. Mit ihrem Inhalt hilft sie auch, Berührungsängste der Gesellschaft mit den Randständigen abzubauen. Oft ergibt sich eine Plauderei mit einem Käufer, und ab und zu gibts auch mal ein Trinkgeld. Das liegt halt auch an der Art und Weise, wie man auf einen potenziellen Käufer zugeht.

Sie haben also hauptsächlich positive Rückmeldungen?

Schon. Aber es gibt auch Neid. Unter den Verkäufern. Und an bestimmten Orten sind die «Gasseziitig»-Verkäufer nicht erwünscht. Ich bin auch schon von irgendwelchen Geschäftsinhabern verbal unter der Gürtellinie angegangen worden.

Sie haben die Berührungsängste der Gesellschaft mit den Randständigen erwähnt. Erzählen Sie von sich.

Was wollen Sie wissen?

Fangen Sie von ganz vorne an.

Ich bin mit 15 daheim in Bern von der Mutter weg und bin mit Heroin und Kokain in die Drogenabhängigkeit gefallen. Ich habe bei der Gotte und danach bei einem Schulkollegen gewohnt. Später kam ich ins Heim, in die Arbeitserziehung, ins Gefängnis. Im Alter von 15 bis 30 bin ich zusammengezählt 12 Jahre wegen Beschaffungskriminalität im Gefängnis gewesen.

Beschaffungskriminalität?

Man beschafft sich kriminell Geld, um Drogen kaufen zu können.

Wieso haben Sie zu Drogen gegriffen?

Ich war haltlos, desorientiert. Es ist wie ein Tunnel, ein schwarzes Loch, und es hört nicht auf. Ich werfe meiner Mutter Maria, die 2008 gestorben ist, nichts vor. Ich habe heute Verständnis, sie war überlastet. Ich hatte aber immer etwas zu essen auf dem Tisch, ich genoss Schulbildung und den Judosport. Mit 30 habe ich beschlossen: Ich will Ruhe und Frieden in meinem Leben. Doch mit 32 erlitt ich einen schweren Rückschlag.

Was ist passiert?

Ich lief in Luzern auf die Strasse und wurde von einem Auto angefahren. Es fehlte nicht viel, und ich hätte ein Bein verloren. Nach einer Infektion war ich während rund dreier Monate im Kantonsspital Luzern und ging zwei Jahre an Krücken. Noch heute ist das Fussgelenk steif. Seit diesem Unfall bin ich IV-Bezüger. Ich geriet in die Obdachlosigkeit, lebte auf der Strasse. Es ist schwierig, wieder Fuss zu fassen, wenn man durchs soziale Netz gefallen ist.

Aber Sie haben es geschafft.

2013 habe ich Marion geheiratet. Sie gibt mir Halt. Ich bin nicht mehr allein, will häuslich sein. Es hat auch mit dem Glauben zu tun. Meine Mutter riet mir damals oft, dass ich zu Gott beten solle. Ihm mein Leid, meine Sorgen anvertrauen und ihn um Hilfe bitten soll. Ja, der Glaube ist für mich und auch für meine Ehefrau zu einem wichtigen Bestandteil in unserem Leben geworden.

Wie werden Sie Weihnachten verbringen?

Marion und ich, wir werden etwas zusammen kochen. Das heisst, eigentlich kochen wir jeden Tag zusammen.

Und was wünschen Sie sich für Weihnachten?

Materielles ist nicht wichtig. Ich will mit meiner Frau Marion zusammen bei guter Gesundheit alt werden.

Interview: Turi Bucher
arthur.bucher@luzernerzeitung.ch