Gastkommentar

Zum Schulstart: Gib acht auf die pädagogischen Gassen!

Bildungsexperte Carl Bossard mahnt zum Schulstart zu Ruhe im Alltag, guter Vorbereitung und zur Tatsache, dass Kinder keine Aktenordner sind.

Carl Bossard
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Carl Bossard. (Bild: PD)

Carl Bossard. (Bild: PD)

«Sieh nach den Sternen, gib acht auf die Gassen!» Der Mahnruf erinnert an eine thrakische Frau. Vor ihren Augen stürzt der Astronom Thales in eine Zisterne, als er durch die nächtlichen Strassen von Milet zieht und nach den Sternen sieht. Die Anekdote vom Philosophen im Brunnenloch kommt Lehrerinnen und Lehrern vielleicht in den Sinn, wenn sie am Anfang des neuen Schuljahres auf die vielfältigen Unterrichtsansprüche blicken und das bildungspolitische Geschehen betrachten – und dabei spüren, dass theoretische Höhenflüge meist mehr gelten als solide Gassenarbeit.

Die Höhen des Himmels und das Gewimmel des pädagogischen Parterres: Es geht nicht darum, das eine gegen das andere auszuspielen, die Theorie und die Praxis, die Bildungsstäbe und die Frontleute. Auch die Schule braucht beides, die Denker der grossen Konzepte wie die Praktiker des Alltags. Wirkungsvoll wird erst die Verknüpfung.

Wie das gehen kann, zeigte Lorenz Pauli an der Diplomfeier der Pädagogischen Hochschule Zug. Der Schriftsteller und langjährige Kindergärtner erinnerte an Kernsätze, die er während seines Studiums gerne gehört hätte, aber nie vernommen hat. Es sind Grundsätze für den konkreten Alltag, Leitsätze für die pädagogische Gasse. Und diese Gasse kann man nicht im Schnellzugstempo durcheilen.

Lernen lässt sich nicht beschleunigen. Schulen sind keine auf Tempo und Effizienz getrimmten Firmen. Sie wären Orte der Ruhe. Der inneren Ruhe, die unsere Kinder dringend brauchen, und der äusseren Ruhe, die das Lernen zwingend braucht. Lorenz Pauli zu den jungen Lehrerinnen: «Seien Sie einen Tick langsamer! Wir müssen fördern, indem wir bremsen. Was bei Autoreifen gilt, gilt auch für den Unterricht. Ein Autoreifen hat Profil. Die Vertiefungen ermöglichen einen kürzeren Bremsweg. In der Schule heisst das: Wir haben ein Profil, wir vertiefen, damit wir nicht über das Eigentliche hinwegschlittern; das gibt den Kindern Halt.

Jungen Menschen Halt geben erfordert eine Atmosphäre, in der sie nicht zu autonomen Selbstlernern hochstilisiert werden und der Unterricht nicht Apparaten und Arbeitsblättern überlassen wird. Ein solcher Unterricht verläuft alles andere als kanalisiert. Gutes Lehren und Lernen ist ein Geschehen jenseits der Erledigungsmentalität und des zügigen stofflichen Abhandelns mit dem Ziel: «Das haben wir durchgenommen!»

Kinder sind keine Aktenordner. Paulis Aufruf an die künftigen Pädagogen:

«Bäche renaturiert man. Renaturieren Sie den Unterricht! Meiden Sie den Kopierapparat! Erkenntnis hat nicht Format A4.»

Sie entsteht aus der reflektierten Begegnung mit der sinnlich-konkreten Wirklichkeit, aus Aha-Erlebnissen. Darum: «Öffnen Sie die Tür! Gehen Sie hinaus!»

Unterricht ist kein Start-Ziel-Schnelllauf, Erkenntnisgewinn kein linearer Vorgang. Das weiss jede gute Lehrerin. Darum der Ratschlag des pädagogischen Praktikers Pauli an die kommenden Kollegen: «Bereiten Sie sich sorgfältig vor. Tun Sie es nicht zu exzessiv! Eine allzu saubere Planung ist der Tod eines lebendigen Unterrichts. Die Inhalte, die von draussen und vom Kind kommen, finden nur dann Eingang in den Unterricht, wenn er nicht schon überquillt vor lauter Planung. Und genau diese Inhalte, die aufgrund von echten Fragen entstehen, sind die wichtigen.» Zusammenhänge lassen sich nur mit Fragen begreifen. Sie sind die Vorstube der Erkenntnis.

Unterricht enthält die Sogkraft nach beiden Seiten: Er ist planbar und treibt zugleich ins Unvorhersehbare. «Da gerät man ins Stolpern.» Lorenz Paulis tröstender Tipp:

«Das liegt daran, dass jeder Tag nur einmal stattfindet. Wir haben immer nur einen Versuch.»

Darum kann man scheitern. Scheitern sei ein probates Mittel, um vorwärtszukommen. Paulis Erkenntnis aus dem Praxisalltag: «Irgendwann in der Schulkarriere beginnen Kinder, sich für ihre Misserfolge zu schämen. Zögern Sie das möglichst lange hinaus! Scheitern gehört dazu.»

In der Theorie funktioniere vieles, der pädagogische Alltag relativiere. Die Praxis sei näher am konkreten Leben als die Theorie, so Pauli. Doch beides gehöre zusammen. Wer in der Schule tätig ist, der muss nach den Sternen schauen und gleichzeitig achtgeben auf die Gassen – genau wie es die kluge Frau Thales von Milet empfahl.

Der griechische Philosoph war aber nicht nur Denker im Grundsätzlichen, er war auch Pragmatiker im Tatsächlichen. Dieser Thales sollte in allen Pädagogen stecken: Die schulischen Zusammenhänge im Blick haben und gleichzeitig den Schulalltag meistern. Lorenz Paulis Leitgedanken schützen vor dem Sturz in die Zisterne.


Hinweis: Carl Bossard, geboren 1949, ist Gründungsrektor der Pädagogischen Hochschule Zug. Davor war er als Rektor der Kantonalen Mittelschule Nidwalden und Direktor der Kantonsschule Luzern tätig. Heute berät er Schulen und leitet Weiterbildungskurse. Er beschäftigt sich mit schulgeschichtlichen und bildungspolitischen Fragen.