Gastbeitrag zum Tod von Hans Küng
Erinnerung an Hans Küng: Versöhnter Versöhner

Hans Küng ist immer wieder mit den Obrigkeiten der katholischen Kirche aneinandergeraten. Zum Schluss fühlte er sich aber «informell rehabilitiert», schreibt Robert Vorholt, Professor für die Exegese des Neuen Testaments und Dekan der Theologischen Fakultät an der Universität Luzern, in seinem Gastbeitrag.

Robert Vorholt
Robert Vorholt
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Hans Küng, einer der renommiertesten Theologen weltweit, ist am vergangenen Dienstag im Alter von 93 Jahren in seinem Haus in Tübingen gestorben. 1928 wurde er in Sursee als Sohn eines Schuhhändlers geboren, in Luzern erwarb er 1948 die Matura, anschliessend studierte er Theologie und Philosophie an der Päpstlichen Universität Gregoriana. 1954 wurde er in Rom für das Bistum Basel zum Priester geweiht. Es folgten weitere Studienjahre in Paris, wo er zum Doktor der Theologie promoviert wurde.

Robert Vorholt ist Dekan der Theologischen Fakultät an der Universität Luzern.

Robert Vorholt ist Dekan der Theologischen Fakultät an der Universität Luzern.

Küng hatte mit seiner Doktorarbeit eine ökumenische Pionierleistung erbracht. Er konnte damit zeigen, dass die reformatorische Rechtfertigungslehre, wie sie der Basler Theologe Karl Barth vertrat, nicht eigentlich im Gegensatz zur katholischen Lehre steht. Damals war das eine sensationelle Erkenntnis. Sie brachte dem jungen Theologen einen ersten kritischen Vermerk im Sündenregister des Heiligen Uffiziums, der Vorgängerbehörde der heutigen römischen Glaubenskongregation, ein. Ganze 42 Jahre sollte es noch dauern, bis sich der Vatikan und der Lutherische Weltbund in einer gemeinsamen Erklärung schlussendlich doch darauf verständigten, dass die Unterschiede in der theologischen Rechtfertigungslehre nicht länger kirchentrennend sind.

Von 1957 bis 1959 war Hans Küng als Seelsorger an der Luzerner Hofkirche tätig, danach arbeitete er zunächst als Wissenschaftlicher Assistent an der Katholisch-Theologischen Fakultät von Münster in Westfalen. 1960 folgte ein Ruf als Theologieprofessor nach Tübingen. Hans Küng war damals gerade 32 Jahre alt. Von nun an entwickelte er ein katholisches Reformprogramm, das unter anderem die Gleichberechtigung von Frauen und eine weit reichende ökumenische Verständigung anpeilte. Es war sicher auch eine Auszeichnung dieser theologischen Arbeit, als Papst Johannes XXIII. den jungen Tübinger Professor zu einem Berater des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962– 1965) ernannte.

Hans Küng auf einer Aufnahme von 2004.

Hans Küng auf einer Aufnahme von 2004.

DPA

Aus Rom kamen aber nicht nur Auszeichnungen. Es gab auch Konfliktmarken, die mit den Jahren an Dichte und Schärfe zunahmen. Dabei ging es nicht nur um unterschiedliche Visionen von Kirche. Auch das, was der christliche Glaube eigentlich glaubt, geriet in den Fokus der Auseinandersetzung mit kirchlichen Wächtern der reinen Lehre. In seinem wohl bekanntesten Buch «Christsein», das Küng 1974 veröffentlichte und das schnell zum weltweiten Bestseller avancierte, hebt er das Menschsein Jesu besonders hervor, was ihm den Vorwurf einbrachte, das Gottsein Jesu in Frage zu stellen. Tatsächlich aber ging es ihm vor allem darum, heutigen Christinnen und Christen neue Verstehenswege zum Gottessohn aus Nazareth jenseits der uralten Strickmuster zu ebnen. 1975 wurde Küng für zwei weitere Bücher – wider die Unfehlbarkeit des Papstes und die Unveränderbarkeit der Kirche – von der Glaubenskongregation gerügt. 1979 wurde ihm schliesslich die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen.

Demonstration im Jahr 1979 vor der Luzerner Hofkirche gegen den Entscheid des Vatikans, Hans Küng die Lehrbefugnis zu entziehen.

Demonstration im Jahr 1979 vor der Luzerner Hofkirche gegen den Entscheid des Vatikans, Hans Küng die Lehrbefugnis zu entziehen.

Wie leidvoll diese Entwicklung für Küng war, lässt sich heute nur erahnen. Fest steht, dass er sich ­– anders als andere – nicht gekränkt in ein Schneckenhaus zurückgezogen hat. Er behielt seinen Lehrstuhl, von da an unabhängig. Als kritischer Geist inmitten der Kirche eroberte er sich so ein Millionenpublikum, obwohl ihm die Rolle des ständigen Nörglers und Kritikers im Grunde zuwider war, wie er selbst einmal sagte. 2005, als aus Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI. wurde, besuchte ihn Hans Küng in seiner Sommerresidenz Castel Candolfo bei Rom. Er war nicht nachtragend und seine Kirchenkritik war zumeist nicht Selbstzweck, sondern wollte der Verlebendigung des Glaubens in kirchlicher Gemeinschaft dienen, wie sie vom Zweiten Vatikanischen Konzil vorgezeichnet ist und gerade heute vor gewaltigen Herausforderungen steht.

In den zurückliegenden Jahren engagierte sich Hans Küng vor allem für den Dialog der Weltreligionen, insbesondere im «Projekt Weltethos». Dahinter stand die felsenfeste Überzeugung des Schweizer Spitzentheologen, dass es ohne Frieden unter den Weltreligionen keinen Frieden unter den Staaten der Welt geben kann. Für seine Idee warb er mit beachtlicher Resonanz. Sicher kam ihm dabei zugute, dass es eines seiner ganz grossen Charismen war, komplizierte Sachverhalte in eingängige Sprache zu bringen.

1991 sprach Hans Küng am World Economic Forum in Davos.

1991 sprach Hans Küng am World Economic Forum in Davos.

Keystone

Bis an das Ende seines bewegten und reichen Lebens blieb Hans Küng ein katholischer Theologe. Das Spektrum seiner Fragen war weit: «Was dürfen wir hoffen? Wozu sind wir auf Erden? Was soll das Ganze?». In seinen zahlreichen Schriften – die Gesamtausgabe umfasst 24 dicke Bände – misst er die Hoffnung der Menschen aus und versucht zu beschreiben, was diese Welt im Innersten zusammenhält.

Mit dem römischen Papsttum versöhnt wurde der Konzilstheologe vor allem durch Papst Franziskus. Küng hatte dem frisch gewählten Pontifex einen Brief geschrieben und erhielt zu seiner Freude eine handschriftliche Antwort. Durch diese Zeilen sah sich Hans Küng zum Ende seines Lebens als «quasi informell rehabilitiert», wie er es nannte. Doch selbst das sei letztlich «nicht so wichtig». Entscheidend sei, dass es für die Menschen und für die Kirche vorangehe.