GASTRONOMIE: Ein Job auf dem Gipfel statt im Jammertal

Die Bergrestaurants und Alpbeizli bereiten sich auf die Sommersaison vor. Während im Tal der Mangel an tauglichem Personal beklagt wird, erfreuen sich die Bergwirte einer grossen Anzahl an motivierten Bewerbern. Das war nicht immer so.

Urs-Ueli Schorno
Drucken
Teilen
Arbeiten im Bergrestaurant ist wieder beliebt. (Symbolbild: Keystone)

Arbeiten im Bergrestaurant ist wieder beliebt. (Symbolbild: Keystone)

Urs-Ueli Schorno

ursueli.schorno@luzernerzeitung.ch


In den Bergbetrieben herrscht zurzeit Zwischensaison. Wenn die Jahreszeiten wechseln, bevor die Skifahrer den Wanderern weichen, bedeutet dies für die Alpbeizen, Bergrestaurants und Bahnbetriebe immer auch personelle Veränderungen. In den vergangenen Jahren hatten gerade die Gastronomen Mühe, ihre Küche und den Service mit den richtigen Saisonniers zu bestücken. «Das letzte Jahr war ein schwieriges für den gesamten Tourismus», bestätigt etwa Tobias Thut, Sprecher der Pilatusbahnen. «Auch wenn die Zentralschweiz nicht so stark davon betroffen war, gab es weniger Stellensuchende aus dem Ausland, die Auswahl an Fachkräften war kleiner.» Besonders bei den Köchen war laut Thut die Personaldecke dünn.

In einer aktuellen von Schwyz Tourismus durchgeführten Studie beklagen die Gastronomen, zu wenig fähiges Personal auf dem Markt zu finden. Die «Neue Zürcher Zeitung» analysierte vor ziemlich genau einem Jahr, dass der Fachkräftemangel, der im Tal beklagt wird, sich in Bergregionen noch einmal zuspitze, weil der Nachwuchs fehle: Auf dem Berg, da ist man als Arbeitnehmer oft weit weg von den Angeboten der Stadt, Arbeitseinsätze sind vom Wetter abhängig, die Bezahlung ist geringer. All dies halte die Jungen von den Bergen fern. «Der Nachwuchs wird in den Bergen schmerzlich vermisst», hiess es da.

Abgelegene Skihütte hat die volle Auswahl

Bei dieser Ausgangssituation erwartet man einen bedauernswerten Geschäftsführer des Restaurants Skihaus Edelweiss am Telefon. Besagtes Restaurant liegt auf 1720 Meter über Meer im urnerischen Bürglen, 15 Gehminuten von der Bergstation der Seilbahn Biel–Kinzig entfernt. Es erfüllt alle Ansprüche eines Gastronomiebetriebes, der zwar beliebt bei Tagesgästen ist – viele aus Luzern, wie der Gastgeber betont –, aber offenbar unattraktiv für Gastropersonal sein muss. Zurzeit sucht besagter Betreiber Marcel Ettlin einen Koch sowie Servicepersonal. Der Anruf hält eine Überraschung parat: «Wir haben 18 Bewerbungen erhalten aus der Schweiz, Österreich und Deutschland.» Fachkräftemangel sieht anders aus. «Natürlich wird die Auswahl schnell gefiltert und reduziert sich auf ein paar wenige Bewerber», relativiert Ettlin, der mit einem Vierer-Kernteam arbeitet, das je nach Arbeit durch Teilzeitangestellte ergänzt wird. Doch er ist zuversichtlich, die Stellen zu besetzen, bevor es im Juni wieder losgeht. Handelt es sich hier um den viel zitierten Einzelfall?

Mitnichten: «Mir sind zurzeit keine Bergrestaurants in Uri bekannt, bei denen akut Personal fehlt», sagt Felix Muheim, Geschäftsführer von Uri Tourismus. Auch in Andermatt, wo Fachkräfte anfangs zögerten, sich in den neuen, grossen Hotels zu bewerben, habe sich die Personalsituation inzwischen seines Wissens beruhigt.

Oben gelten nicht die gleichen Regeln wie im Tal

«Wir konnten alle Stellen besetzen. Wir können zum Glück seit Jahren auf ein oft einheimisches Stammpersonal zählen», sagt auch René Koller, Direktor der Bergbahnen Sörenberg, die etwa das Restaurant auf dem Brienzer Rothorn betreiben. Und auch auf dem zweithöchsten Luzerner berg, dem Pilatus, sieht es dieses Jahr gut aus, wo rund 40 Stellen zu besetzen waren: «Es ist defi­nitiv einfacher, die Situation hat sich entschärft», atmet Tobias Thut auf. Er sieht dafür verschiedene Gründe: Im vergangenen Jahr habe man etwa flexiblere Arbeitsmodelle ausgearbeitet, zudem sei man immer saisonalen und internationalen Schwankungen ausgesetzt. «Wir sind auf dem Pilatus eine multikulturelle Truppe, die etwa aus 70 Prozent Einheimischen und 30 Prozent Mitarbeitern aus dem Ausland besteht», führt Thut aus. Die spezielle Arbeitsumgebung am Berg erachtet er gar als Vorteil bei Personalentscheiden. «Für Stellensuchende ist die Arbeit am Berg entweder top oder Flop. Bei den meisten Bewerbungen, die bei uns eintreffen, haben sich die Bewerber schon vorher überlegt, ob sie das auch möchten.»

Marcel Ettlin ergänzt: «Zudem helfen sich die Restaurants beim Vermitteln von Personal aus.» Es gäbe so etwas wie eine Szene. Und auch er meint, dass der vermeintliche Nachteil auch sein Gutes hat: «Die Bergwelt, das Panaroma hier, es gibt eben auch viel retour.» Zudem seien die Gäste meist guter Laune. «Sie kommen hierher, um sich in ihrer Freizeit zu erholen und zu geniessen – das führt zu vielen positi­- ven Begegnungen.» Das wüssten auch die Mitarbeiter zu schätzen.

Offenbar gehorcht in den Bergen auch die Gastronomie eigenen Gesetzen – nicht jede Krise im Tal schafft es bis ganz nach oben. Klar scheint: Sobald der Schnee verschwunden ist, werden die wandernden Gäste wieder bedient. Die meisten der Hunderten von Alpbeizli, Bergrestaurants und Skihütten in der Zentralschweiz öffnen zwischen Mitte Mai und Anfang Juni.