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GASTRONOMIE: Was habt ihr gegen mein Kind?

In Sachen Kinderfreundlichkeit haben viele Gastronomiebetriebe Nachholbedarf. Erfahrungsbericht eines gepeinigten Vaters.
Sven Gallinelli
Es hapert mit Kinderfreundlichkeit in Restaurants. (Bild: PD)

Es hapert mit Kinderfreundlichkeit in Restaurants. (Bild: PD)

Ich lebe in der Stadt Luzern. Ich bin Vater einer zweieinhalbjährigen Tochter. Städte haben für Familien viele Vorteile: ein grosses Angebot, kurze Wege, man braucht kein Auto. Es gibt aber einen Punkt, bei dem mich das Stadtleben so richtig aufregt. Immer wieder. Und das muss jetzt einfach mal raus. Es geht um die Kinderfreundlichkeit in gastronomischen Betrieben. Um die ist es leider nicht zum Besten bestellt. Und das ist nicht etwa nur meine eigene Wahrnehmung. Spricht man mit anderen Eltern, dann bestätigt sich der Eindruck. So, dass man sich fragt: Was ist eigentlich los in der hiesigen Gastronomie? Warum fühlt man sich derart unwillkommen? Meine Frau hat einmal gesagt: «Seit ich ein Kind habe, bin ich mich dauernd am Entschuldigen.» Und bezog das nicht zuletzt auf die Restaurantbesuche.

Gut, aber was ist denn eigentlich das Problem bei diesen Restaurantbesuchen? Das Problem ist: Man fühlt sich als Eltern nicht willkommen. Man hat das Gefühl, man passe irgendwie nicht ins Konzept des Restaurants. Man fühlt sich bei jeder Nachfrage deplatziert («Haben Sie ein Kindersitzli?», «Dürfte ich vielleicht noch ein Röhrli haben?», «Könnten Sie mir vielleicht einen separaten Teller geben?» usw.). Und wenn der Nachwuchs es dann noch fertigbringt, das Sirupglas umzuschmeissen (für das man inzwischen in gewissen Gaststätten auch bezahlt), dann kann man sicher sein, dass man beim Personal untendurch ist.

Auf die Haltung kommts an

Es geht ja nicht mal darum, dass ich von jedem Restaurant eine riesige Spielecke erwarte. Ich bezahle auch gerne für den Sirup. Nein, es geht hier um etwas ganz anderes: die Haltung eines Betriebs. Familien mit Kindern bedienen zu wollen, das muss in der Philosophie eines Betriebs verankert sein, das Personal muss sensibilisiert sein. Doch genau da fängt ja das Problem schon an, wie mir ein Gespräch mit einem Arbeitskollegen zeigte, der früher mal als Kellner gejobbt hat. Er hat eine klare Meinung zum Thema Kinder und Gastronomie: «Kinder gehören nicht in ein Restaurant. Es ist der falsche Ort für sie. Zudem ist es gefährlich: Die Kellner sind meist zügig unterwegs, und wenn da ein Kind im Weg steht, dann nervt das und kann zu Unfällen führen.»

Selber schuld?

Aha. Das klingt so ein bisschen nach verstecktem Vorwurf, so nach dem Motto: «Selber schuld, dass du ein Kind hast. Jetzt bleib doch einfach zu Hause.» Ich will aber nicht zu Hause bleiben. Schon gar nicht in der Stadt, wo man leider selten den Luxus eines Gartens geniesst, sondern meist in beengten Verhältnissen lebt. Bei meinem Kind ist das fast wie mit einem Hund: Es will zweimal am Tag raus. Zudem hat man manchmal einfach keine Lust, daheim zu kochen. Da geht man halt ins Restaurant.

Und was trifft man da so an? Dies:

  • Ein bekanntes Restaurant an guter Lage in dieser Stadt bietet zwar Kindermenüs an. Die beginnen aber so bei 18 Franken. 18 Franken für einen Kinderteller Spaghetti. Auch wenn man die Spaghetti ohne Sauce bestellt, weil der Nachwuchs gern leere Spaghetti isst.
  • Manchmal bestellt man als Eltern kein Kindermenü, weil nichts Passendes im Angebot ist, sondern lässt den Nachwuchs vom eigenen Teller mitessen. Dann bestellt man beim Personal ein Kindersitzli, Extrabesteck und gleich noch etwas zu trinken mit Röhrli fürs Kind. Doch alles, was in der Bestellung mit dem Kind zu tun hat, geht vergessen. Den Kindersitz sucht und holt man sich dann selbst, das Extrabesteck fordert man nochmals an (und wartet lange drauf), das Getränk kommt ohne Röhrli, das man dann auch nochmal separat bestellt. Ich fühle mich dabei sehr unwohl, weil ich dauernd das Personal beanspruchen muss. Aber andererseits: Wieso hört mir denn das Personal nicht zu?
  • Eine grosse Lokalität in der Stadt Luzern, die sich platzmässig hervorragend für Kinder eignet, hat derart genug von Kindern, dass sie auf Tischen einen Flyer platziert mit Verhaltensregeln für Eltern und Kinder. Gut, man darf von den Eltern erwarten, dass sie sich um ihren Nachwuchs kümmern und schauen, dass er sich auch anständig benimmt. Aber in besagter Bar hats grad null Angebote für Kinder, keine Spielecke, nichts. Man bietet also keine Ablenkung für junge Gäste an, stellt aber – wohl zur Abschreckung – Verhaltensregeln auf.
  • Gleich zwei Lokalitäten in dieser Stadt, eine Bar und ein Café, dürfen sich rühmen, grosszügige Spielecken für Kinder zu haben. Die Kinderbücher und Spielsachen sind dort aber in einem derart erbärmlichen Zustand (Puppen mit herausgerissenen Extremitäten usw.), dass man sich fragt, wie ernst dieses Angebot gemeint ist.
  • Immerhin bieten viele Restaurants in ihrer Speisekarte auch Kindermenüs an. In den meisten Fällen regiert hier aber die Fantasielosigkeit. Pommes frites mit Chicken Nuggets ist da noch das höchste der Gefühle. Das versteh ich dann auch nicht: Die übrige Speisekarte ist voll mit kulinarischen Highlights, aber bei Kindern scheint Einfallslosigkeit vorzuherrschen. So weit reicht dann der Ehrgeiz gewisser Köche wohl nicht.

Beachtliches Potenzial

Also jetzt mal ehrlich, liebe Gastronomen: Ist das euer Ernst? In meiner Wohnstadt Luzern leben rund 83 000 Menschen, davon rund 12 500 Kinder. Da könnte man ja schon mal auf den Gedanken kommen, dass Familien mit Kindern eine relevante Gästegruppe sein könnten in der Gastronomie. Dass man an die Bedürfnisse dieser Kundschaft denkt und sie im Betriebskonzept berücksichtigt. Das hat erstmal gar nichts mit Investitionen zu tun. Sondern nur mit der richtigen Einstellung gegenüber der Kundschaft. Wie eben so oft im Leben.

Wenn man sich auf einschlägigen Familien-Webseiten kundig macht über kinderfreundliche Restaurants in der Stadt Luzern, dann findet man da ganze vier Einträge. Vier! Hallo? Luzern ist nicht irgendeine beliebige Stadt. Wir sind eine Stadt mit internationaler Ausstrahlung und überdurchschnittlich vielen Gastrobetrieben. Und da gibt es nur ganze vier, die sich das Prädikat «kinderfreundlich» anheften dürften. (Dass zwei der vier Restaurants noch zur selben Betreiberfirma gehören, ist eine kleine Ironie des Schicksals).

Es gäbe also einiges zu lernen. Vielleicht hilft dabei auch mal ein Blick ins Ausland. Zum Beispiel nach Amerika. Wo Kinder vom Personal mindestens so viel Zuwendung kriegen wie die Erwachsenen. Der Grund ist einfach: Ein Kellner in Amerika hat einen Stundenlohn von zwei Dollar. Den Rest muss er sich per Trinkgeld dazuverdienen. Das führt dann dazu, dass der Gast auch als solcher behandelt wird. Auch Städte wie Berlin zeigen, wies geht. Ich habe kein Restaurant in Berlin erlebt, wo Kinder nicht herzlich begrüsst worden wären. Und in Eltern-Kind-Cafés können die Erwachsenen gemütlich einen Kaffee trinken und die Kinder sich in einer ausgedehnten Spielewelt vergnügen. Das bezahlt man zwar extra. Aber zwei Euro ist das den Eltern locker wert.

Es geht doch

So, genug lamentiert. Dieser Text soll versöhnlich enden, nämlich mit Worten des Dankes. Danke an das kleine Café nahe dem Vögeligärtli-Park, das zwar nur eine kleine Kiste mit Kinderbüchern und ein paar wenige Holzspielzeuge hat, die aber immer in tipp-toppem Zustand sind. Danke an das Restaurant beim Einkaufszentrum Schönbühl, das für Kinder ein ganzes Spielzimmer anbietet. Danke an die Bar an der Obergrund­strasse, die eine kleine Legokiste und ebenfalls ein paar Kinderbücher zur Verfügung stellt. Ihr habts irgendwie gecheckt. Und erreicht, dass ich bei euch öfter mit meinem Kind vorbeischaue. Mögen viele andere Betriebe in dieser Stadt von euch lernen.

Das sagen die Gastronomen

Was hält viele Wirte davon ab, ihre Restaurants kinderfreundlich auszugestalten? Eine Anfrage zu diesem Thema beim Branchenverband Gastrosuisse blieb grösstenteils unbeantwortet – dies aus Zeitgründen, wie es hiess.

Immerhin schreibt der Verband: «Kinder sind die Gäste der Zukunft. Zahlreich sind die Hotels und Restaurants, die sich mit ihrem Angebot auch auf die Bedürfnisse von Kindern und Familien ausrichten.» Untermauert wird das mit statistischem Material: Demnach bieten 46,5 Prozent der Restaurants Kindersitze an, in 39,8 der von Gastrosuisse erhobenen Restaurants gibts Kindermenüs, 24,1 Prozent haben einen Wickeltisch, 18,7 Prozent einen Spielplatz und 10,5 Prozent ein Spielzimmer oder eine Kinderecke.

Wichtige Zielgruppe

Deutliche Worte zum Thema Kinderfreundlichkeit findet man beim Familienunternehmen Remimag, das mehrere Restaurants in der Zentralschweiz betreibt (etwa das «Opus» in Luzern) und sich ganz der Kinderfreundlichkeit verschrieben hat. Es gibt spezielle, selbst produzierte Mal- und Rätselbücher für Kinder, die Kindermenükarte ist ausführlich und individuell, einige Restaurants bieten gar ein Spielzimmer an. Die Brüder Bastian und Florian Eltschinger, Geschäftsleiter der Remimag, begründen dies so: «Familien mit Kindern sind bei uns eine Zielgruppe, die wir bewusst pflegen. Nicht zuletzt deshalb, weil die Kinder vielleicht unsere zukünftigen Gäste sein könnten, wenn sie erwachsen werden.»

Entspannte Eltern

Den Betrieben entstehe zwar etwas mehr Aufwand, aber wenn dies zu entspannten Eltern in den Restaurants führe, sei es das wert. Die Brüder Eltschinger halten auch nichts von Verhaltensregeln für Eltern (siehe Haupttext). Man gehe grundsätzlich davon aus, dass Eltern wissen, wie man sich mit Kindern im Restaurant benimmt.

Dass Kindermenüs ein Verlustgeschäft sind, glauben die Eltschingers nicht. «Die Eltern essen ja auch etwas, und in der Mischrechnung geht das auf.» Dass die Remimag sich derart um Kinder kümmert, liegt auch am Firmengründer Peter Eltschinger: «Unser Vater hat fünf Kinder, und er hat sehr bald erkannt, dass das Segment der Familien nicht abgedeckt ist. Daher rührt das Engagement unseres Familienbetriebes», so Bastian Eltschinger.

Was sind Ihre Erfahrungen?

In Sachen Kinderfreundlichkeit haben viele Gastronomiebetriebe Nachholbedarf. Welche Erfahrungen haben Sie als Eltern gemacht? Haben Sie sich auch schon nicht willkommen mit Ihren Kindern gefühlt? Loggen Sie sich ein auf unserem Forum auf www.luzernerzeitung.ch/forum und diskutieren Sie mit.

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