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Gebärmutterkröte, Schluckbildchen und Podcasts: Frischer Wind weht durch die Sammlung Zihlmann

Das Historische Museum Luzern trug Ausstellungsstücke der Sammlung Zihlmann aufs Land – um sie mit Geschichten anzureichern und zurückzuholen.
Ismail Osman

Wenn Ausstellungsstücke eines Museums in einem anonymen silbernen Koffer aus dem Gebäude gebracht werden, verheisst das zuweilen nichts Gutes. So geschehen vergangenen Frühling im Historischen Museum Luzern. Dieses wurde allerdings nicht Opfer eines Kunstraubes. Im Gegenteil.

Die Exponate im silbernen Koffer gingen auf Reisen. (Bilder: PD)

Die Exponate im silbernen Koffer gingen auf Reisen. (Bilder: PD)

Auf innovative Art und Weise – und mit eben jenem oben erwähnten anonymen silbernen Koffer – gelang es dem Museum, eine ihrer umfangreichsten Sammlungen in einem neuen Licht erscheinen zu lassen – mit unterhaltsamem Nebeneffekt. Aber der Reihe nach.

Die Geschichten hinter den Objekten

Die Sammlung Zihlmann umfasst weit über 2000 einzelne Objekte. Ein Grossteil der Gegenstände entstammt dem Luzerner Hinterland und zeugt von religiösem Volksglauben, der einst zum Alltag der Menschen unserer Region gehörte (siehe Kasten).

Vergangenes Jahr übernahm Sibylle Gerber, Kuratorin und interimistische Leiterin des Historisches Museums, die Betreuung der Sammlung Zihlmann vom bekannten Volkskundler Kurt Lussi. «Es war der richtige Zeitpunkt, um mit dieser Sammlung etwas Neues zu probieren», sagt Sibylle Gerber rückblickend. Mit der Aufgabe, frischen Wind in die Sammlung zu bringen, fand sich in der Folge eine vierköpfige Projektgruppe zusammen. «Wir fragten uns: ‹Worum ging es Josef Zihlmann eigentlich, als er all diese Objekte zusammentrug?›», erklärt Gerber. Die Antwort darauf war klar:

«Es ging Zihlmann in erster Linie gar nicht um das Objekt selbst, sondern um die Geschichte dahinter.»

Und genau diese «Geschichten über eigenartige Gegenstände» trugen Gerber und ihr Team in den vergangenen Monaten wortwörtlich wieder in die Welt hinaus. Gut gepolstert, in besagtem silbernen Koffer, wurden zehn ausgewählte Gestände der Sammlung verstaut und zurück in die Luzerner Landschaft getragen. Dort wurden die Ausstellungsstücke Auslöser für über ein Dutzend Gespräche mit diversen Menschen. Diese neuen Geschichten wiederum sind nun in vier kurzen, durchwegs unterhaltsamen Podcasts mit dem Titel «Abgestaubt» zusammengefasst und veröffentlicht worden (siehe Hinweis).

Andachts- und Schluckbildchen

Der Inhalt des Koffers gibt tatsächlich viel zu sagen, fragen und assoziieren, wie man den aufgezeichneten Gesprächen entnimmt. Manche Objekte scheinen zumindest familiär, wie etwa die Andachtsbildchen, die früher zuweilen wie WM-Klebbildchen gesammelt und getauscht wurden.

Der Grossteil des Kofferinhaltes scheint heute, zumindest auf den ersten Blick, geradezu exotisch. Darunter fallen etwa die Schluckbildchen. Kleine, mit Bildern verschiedener Heiliger bedruckte Zettelchen, die man noch im 19. Jahrhundert zur Heilung diverser Krankheiten schluckte. Man kann solche Praktiken zwar belächeln, Sibylle Gerber weist aber darauf hin, dass solche Heilversprechen auch heute noch gemacht und gesucht werden:

«Man denke da etwa an Schüssler-Salze oder den Trend zu so genanntem Superfood.»

Zu den auffälligsten und faszinierendsten Inhalten des Museumskoffers gehört die rot eingefärbte Kröte aus Wachs. Es handelt sich dabei um eine sogenannte Gebärmutterkröte. «Man stellte sich früher bei Gebärmutterschmerzen eine Kröte vor, die im Innern nagt und um sich schlägt», erklärt Gerber die Symbolik der Kröte. «Frauen mit Unterleibsschmerzen oder solche, die keine Kinder bekommen konnten, versuchten dem mittels dieses Wachsvotivs Abhilfe zu leisten.» Dafür reiste man an Wallfahrtsorte und deponierte dort eine solche Wachskröte – in der Hoffnung, auch die gesundheitlichen Probleme an diesem Ort zurückzulassen. Die Kröte konnte aber auch als Dank für eine Heilung deponiert werden.

Faszinierend ist auch die Geschichte hinter dem Schabfigürchen: Eine Einsiedler Madonna aus Ton, von der man bei Bedarf etwas abschabte und im Essen zu sich nahm. Aber auch die kleine Kapsel mit winzigen Reliquien (sprich Knochensplitterchen) sorgt bei Betrachtern für ausgiebigen Diskussionsstoff. Der Koffer und weitere Exponate aus der Sammlung sind mittlerweile wieder sicher im Foyerbereich des Historischen Museums angekommen und in einer kleinen Cabinet-Ausstellung zu sehen. Ob die Podcastserie weitergezogen wird, ist noch offen, die Möglichkeit bestehe aber durchaus: «Zunächst wollen wir die Rückmeldungen der Besucher, beziehungsweise der Hörer, abwarten», sagt Gerber. «Wir könnten uns aber gut vorstellen, das Projekt in dieser oder ähnlicher Form weiterzuziehen.» Gesprächsstoff hätte diese Sammlung jedenfalls noch zu Genüge zu bieten.

Objekte aus dem Luzerner Hinterland

(io) Josef Zihlmann (1914 – 1990) aus Hergiswil bei Willisau war neben seinem Beruf als Kaufmann ein bekannter Volkskundler und Namensforscher. Er bereiste das Luzerner Hinterland und sammelte dabei Geschichten und Objekte, die im Zusammenhang mit Volksglauben, Spiritualität oder Aberglauben standen. 1984 überliess er seinen Nachlass dem Kanton Luzern. Die Sammlung wurde in der Folge von Lothar Emanuel Kaiser und später von Kurt Lussi betreut und erweitert. Seit Mitte 2018 betreut Sibylle Gerber die Sammlung.

Alle Folgen des Podcasts «Abgestaubt» können unter www.soundcloud.com/abgestaubt gehört werden. Mehr Infos: www.historischesmuseum.lu.ch.

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