GEBURTSTAG: Ihr Erfolgsrezept: Eine Tasse Milch – und der Glaube

Jda Flüeli wird morgen 101 Jahre alt. Obwohl sie schon lange im Kanton Zürich lebt, hat sie ihre Heimat Escholzmatt nie vergessen.

Stephan Santschi
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Ihr Motto lautet: Das Leben nehmen, wie es kommt. Morgen feiert Jda Flüeli, in Escholzmatt geboren, ihren 101. Geburtstag in der alten Heimat. (Bild Manuela Jans-Koch)

Ihr Motto lautet: Das Leben nehmen, wie es kommt. Morgen feiert Jda Flüeli, in Escholzmatt geboren, ihren 101. Geburtstag in der alten Heimat. (Bild Manuela Jans-Koch)

«Sorg, aber sorge nicht zu viel, es geht doch alles, wie Gott es will.» Das Zitat des deutschen Dichters Julius Wilhelm Zincgref (1591–1635) steht auf einer Tafel an der Wand neben der Eingangstür. Es hat wohl sinnbildlichen Charakter für das Leben der Bewohnerin dieses Hauses an der Grafschaftstrasse in Niederglatt. Jda Flüeli lebt hier seit 1952, seit sie Escholzmatt verlassen hat. Morgen, am Ostermontag, wird sie 101 Jahre alt. «Nein, dass ich so alt werde, hätte ich nicht gedacht», sagt sie und lächelt. Die tägliche Tasse mit warmer Milch sei ihr Gemeinrezept. Und der Glaube. «Er bedeutet mir alles.»

An diesem verregneten Karfreitagnachmittag sitzt sie im Sessel des Wohnzimmers. Vor ihr liegt eine Ausgabe der «Neuen Luzerner Zeitung» – ein untrügliches Zeichen dafür, dass es sie noch immer Wunder nimmt, was in ihrer ursprünglichen Heimat passiert. Sie liest langsam und versteht auf Anhieb nicht alles, was da steht. Vielleicht liegt es an der Müdigkeit, die das hohe Alter mit sich bringt. Vielleicht aber auch schlicht an der Gegenwart, die mitunter kuriose Blüten treibt. «Ehe light», liest sie. Und fragt: «Was ist das denn?» Mit ihrem Mann Adolf, der in den Achtzigerjahren starb, war sie 33 Jahre verheiratet.

Gemüse, Honig und viel Strickarbeit

Aufgewachsen ist Jda Flüeli auf dem Hof Schnerlen in Escholzmatt – als Zweitjüngste von 13 Kindern. Eine harte Zeit sei es gewesen, erst recht, als ihr Vater früh einer Grippe erlag. «Wir haben zu Hause viel geholfen, gingen raus, um zu heuen», erinnert sie sich. Später arbeitete sie als Dienstmädchen bei betuchten Familien, ehe sie mit ihrem Mann, einem Frachtarbeiter bei der Swissair, das Haus in Niederglatt kaufte. Auch hier zählte jeder Franken. Mit dem Verkauf von selbst angebautem Gemüse und Honig besserte sich die Familie das Gehalt auf. «Sie hat einen sehr starken Willen, immer gearbeitet, viel gestrickt und geflickt», erzählt ihr Sohn Robert Flüeli. Seine Mutter entgegnet: «Was hätte ich denn anderes machen sollen?» Kaputte Kleider wegwerfen, konnte man sich nicht leisten.

Robert Flüeli ist einer von drei Söhnen. Der 58-Jährige wohnt gemeinsam mit Jda im Elternhaus und ermöglicht ihr damit einen Lebensabend, der in unserer Gesellschaft keine Selbstverständlichkeit ist. «Als meine Mutter einen Unfall hatte, kam sie vorübergehend in ein Pflegeheim. Doch das Essen dort war halbroh», berichtet er, kratzt sich am Kopf und sagt: «Meine Mutter gefällt es hier einfach, sie hat doch so lange in diesem Haus gelebt.»

Morgens macht er ihr das Frühstück und legt die Medikamente bereit, ehe der Sanitärkalkulator zur Arbeit geht und durch die Spitex abgelöst wird. «Ohne die Spitex», betont er, «ginge es nicht.» Am Mittag kommt dann sein Bruder Peter (59) vorbei und kocht, am Abend übernimmt wieder Robert. Vor und nach dem Mittag ist Jda Flüeli zwei bis drei Stunden alleine. Dann liest sie, schaut Fernsehen oder schläft. Bis vor kurzem habe sie noch am Rollator gehen können. Jetzt ist sie auf den Rollstuhl angewiesen, wenn sie das Haus verlässt.

Meeresfrüchte müssen nicht sein

So wie morgen Mittag. Gemeinsam mit den Söhnen, drei Enkelkindern und auch weiteren Verwandten aus dem Kanton Luzern wird sie im Restaurant Löwen ihren 101. Geburtstag feiern. «So viele Leute kommen? Wo sollen wir die denn alle hintun?», erkundigt sie sich. «Im Restaurant wird es schon genug Platz haben», antwortet Robert. Welches ist denn ihr Lieblingsessen? «Ich ässä öppä alles», sagt sie in einem Dialekt, der trotz mehr als 60 Jahren im Kanton Zürich die Entlebucher Ursprünge nicht verbirgt. Nur beim Gedanken an Meeresfrüchte verzieht sie das Gesicht.

Bleibt die Frage nach dem Geburtstagswunsch. «Noch etwas gesund bleiben», antwortet Jda Flüeli, fügt aber an: «Hatte ich jemals Wünsche? Ich nahm es doch immer so, wie es kam.» Ohne sich allzu viele Sorgen zu machen.

Stephan Santschi