Gefährlicher Wirkstoff: Luzerner Regierung tickt anders als diejenige in Bern

Für die Berner Regierung ist der im Trinkwasser nachgewiesene Wirkstoff Chlorothalonil sehr gefährlich, weshalb der Bund ein Verbot aussprechen soll. So weit geht der Luzerner Gesundheitsdirektor Guido Graf nicht.

Lukas Nussbaumer
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Sauberes Trinkwasser ist in der Schweiz die Regel. Im Surental waren im Oktober jedoch mehrere Quellen mit einem potenziell gesundheitsgefährdenden Wirkstoff belastet.

Sauberes Trinkwasser ist in der Schweiz die Regel. Im Surental waren im Oktober jedoch mehrere Quellen mit einem potenziell gesundheitsgefährdenden Wirkstoff belastet.

Symbolbild Keystone

Der Berner Regierungsrat verlangt vom Bund ein sofortiges Verbot des Pflanzenschutz-Wirkstoffs Chlorothalonil. Das entsprechende Schreiben an Bundesrat und Landwirtschaftsminister Guy Parmelin wurde am Mittwoch verschickt. Als Gründe führt die Berner Regierung die grosse Verunsicherung in der Bevölkerung an und eine Motion, die vom Kantonsparlament Ende November überwiesen wurde.

Im Vorstoss werden Massnahmen für sauberes Trinkwasser verlangt. Chlorothalonil wird gegen Pilzkrankheiten im Getreide-, Kartoffel- oder Weinbau eingesetzt und kann im Trinkwasser nachgewiesen werden. Die Abbauprodukte gelten als potenziell gesundheitsgefährdend.

Mindestens neun Trinkwasserquellen vom Versorgungsnetz genommen

Dieser Meinung ist nicht nur die europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde, die den Wirkstoff verboten hat (siehe Kasten am Ende des Textes), sondern auch der Hitzkircher SP-Kantonsrat Josef Schuler. Er stellte der Luzerner Regierung deshalb am Montag in einer als dringlich eingereichten Anfrage ein halbes Dutzend Fragen zu den Risiken des Wirkstoffs und ob sie ein Verbot vorsehe.

Die Luzerner Regierung war jedoch genauso wie die Mehrheit des Parlaments der Meinung, der Vorstoss sei nicht dringlich. Dies, obwohl in diesem Herbst im Suren- und Seetal mindestens neun Trinkwasserquellen vom Versorgungsnetz genommen werden mussten, in denen die Chlorothalonil-Konzentration zu hoch war. Für Josef Schuler ist deshalb klar:

«Ich würde es begrüssen, wenn sich auch die Luzerner Regierung für ein Verbot stark machen würde.»

Guido Graf verweist auf Zuständigkeit des Bundes

Das tut sie jedoch nicht so direkt wie die Berner Kollegen. Die Beurteilung und der Entscheid für ein allfälliges Verbot würden in die Zuständigkeit des Bundes fallen, sagt Gesundheitsdirektor Guido Graf auf Anfrage. «Die Luzerner Regierung wird sich zu einem allfälligen Verbot bei der Beantwortung des Vorstosses äussern.» Er unterstütze jedoch grundsätzlich die Haltung der Schweizerischen Gesundheitsdirektorenkonferenz, die beim Bund den Entzug der Zulassung von Chlorothalonil sowie ein sofortiges Verkaufs-, Aufbrauchs- und Verwendungsverbot gefordert habe.

Dass die Regierung die Problematik als nicht dringlich einstuft, sei begründet mit der «Kenntnis der Situation im Kanton Luzern», so Graf weiter. Der Kantonsrat habe diese Sicht deutlich gestützt.

Josef Schuler überlegt sich nun, seinem Anliegen mit einer Motion zum Durchbruch zu verhelfen. Belastete Trinkwasserquellen vom Versorgungsnetz zu nehmen, könne aufgrund der Wasserknappheit in den letzten beiden Jahren schliesslich keine Lösung sein. Wenn die EU den Wirkstoff Chlorothalonil verbiete und die Fenaco ihn nicht mehr verkaufe, zeige dies die Richtung auf, die der Bund einschlagen müsse.

Wirkstoff Chlorothalonil ist in der EU verboten

Der Wirkstoff Chlorothalonil kann gesundheitsgefährdend sein. Zu diesem Schluss kommt das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen aufgrund einer Risikobewertung. Der Wirkstoff ist in der Schweiz seit den 1970er-Jahren zugelassen. Er wird gegen Pilzkrankheiten wie Mehltau eingesetzt.

Im Juni versprach Bundesrat Guy Parmelin, der Wirkstoff werde bald verboten – bis jetzt hat er diese Ankündigung nicht umgesetzt. Der Schweizerische Bauernverband riet im November denn auch dazu auf, Chlorothalonil nicht mehr einzusetzen. Im gleichen Monat entschied Fenaco, vorerst kein Chlorothalonil mehr zu verkaufen. Die Europäische Union entzog die Zulassung für den Wirkstoff im April, nachdem er von der Lebensmittelsicherheitsbehörde als krebserregende Substanz eingestuft worden war. (nus)