Gegen den Ärztemangel: Neues Medizin-Zentrum in Hochdorf ist gestartet

In einer neuen Gemeinschaftspraxis in Hochdorf arbeiten nicht weniger als 27 Ärzte. Ausgestattet sind sie wie in einem kleinen Spital. Das Projekt hat Pioniercharakter.

Reto Bieri
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Rund 45 Personen arbeiten im neuen Ärztezentrum in Hochdorf.

Rund 45 Personen arbeiten im neuen Ärztezentrum in Hochdorf.

Bild: Nadia Schärli (Hochdorf, 13. Oktober 2020)

«Musterbeispiel», «Meilenstein», «Vorbildcharakter für die Schweiz»: Der Hochdorfer Gemeinderat Daniel Rüttimann wählte am Mittwoch grosse Worte. Zurecht, denn das neue «MedZentrum Hochdorf» an der Luzernerstrasse ist nicht nur für die Bevölkerung des Hauptorts, sondern für das ganze Tal ein Quantensprung. Auf einer Fläche von 1200 Quadratmetern, verteilt auf drei Stockwerke, arbeiten rund 45 Personen des medizinischen Bereichs. Darunter sind 10 Allgemein- und 17 Fachärzte, wie Herz-, Lungen-, Hautspezialisten sowie Kinder- und Frauenärztinnen und -ärzte. Sogar ein kleiner Operationssaal ist vorhanden.

Anfang Oktober hat die Gemeinschaftspraxis den Betrieb aufgenommen. «Wir sind zufrieden mit dem Start, der Betrieb läuft bereits sehr gut», sagte Cornel Raess am Dienstag vor den Medien. Der Hitzkircher Arzt ist einer der geistigen Väter des neuen Zentrums. Auf seine Initiative hin sind bereits in Hitzkirch und Eschenbach Gemeinschaftspraxen entstanden. Am Mittwoch, 14. Oktober erfolgt der Spatenstich für eine weitere in Hildisrieden.

Einblick ins neue Zentrum in Hochdorf.

Einblick ins neue Zentrum in Hochdorf.

Bild: Nadia Schärli

Stiftung Sonnmatt gab Anstoss für Projekt

Weitsicht, der Wille zur Zusammenarbeit diverser Player sowie mehrere glückliche Fügungen hätten zum Erfolg beigetragen, sagte Daniel Rüttimann weiter. Für das Seetal sei das neue Ärztezentrum ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk. «Und es ist sogar schon ausgepackt.»

Der Anstoss für das neue Zentrum kam von der Stiftung Sonnmatt. Sie ist Mitaktionärin der Residio AG, wie das Alters- und Pflegeheim in Hochdorf seit 2016 heisst. Es umfasst die beiden Häuser Sonnmatt und Rosenhügel. Schon vor Jahren habe man erkannt, dass die medizinische Versorgung für die Heime, aber auch für die Gemeinde Hochdorf und die ganze Region wegen der Überalterung der Hausärzte gefährdet ist, sagte Stiftungspräsident Othmar Betschart. Auch habe sich eine Lücke in der Notfallversorgung sowie ein Fachärztemangel abgezeichnet. Man habe deshalb eine Gemeinschaftspraxis ins Auge gefasst. «Junge Medizinerinnen und Mediziner arbeiten lieber Teilzeit, zudem ist ihnen der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen wichtig.»

Stiftung und Hausarzt steckten Köpfe zusammen

Die Stiftung Sonnmatt lancierte ein Projekt, bekam dann aber Wind davon, dass der Hitzkircher Arzt Cornel Raess seine Fühler nach Hochdorf ausgestreckt hatte. «Wir haben uns vernetzt und sind zum Schluss gekommen, gemeinsam etwas zu realisieren», so Betschart.

Cornel Raess, Initiator des neuen medizinischen Zentrums in Hochdorf.

Cornel Raess, Initiator des neuen medizinischen Zentrums in Hochdorf.

Bild. Nadia Schärli

Als Investorin konnte die Stiftung die Baugenossenschaft Bellvue Hochdorf gewinnen, die in der Gemeinde rund 200 Wohnungen vermietet. Herzstück ist der Sonnenpark. Dort bietet die Genossenschaft in 43 Wohnungen begleitetes und betreutes Wohnen für ältere Menschen an. Diese wohnen selbstständig, können bei Bedarf aber Dienstleistungen des benachbarten Altersheim Sonnmatt beziehen, zum Beispiel Wäsche waschen, Spitexleistungen oder Mahlzeitendienst. Zudem steht rund um die Uhr ein Notrufdienst zur Verfügung.

Nachfrage nach Wohnungen ist gross

Das gleiche Prinzip kommt auch beim neuen «MedZentrum» zur Anwendung. In Stockwerk vier und fünf bietet die Genossenschaft weitere sieben Wohnungen für betreutes Wohnen an. «Die Nachfrage ist gross», sagt Präsident Guido Hörndli. «Nur eine Wohnung ist noch frei.»

Rund 11,5 Millionen Franken hat die Genossenschaft als Besitzerin ins neue Gebäude investiert. In die Einrichtung der Arztpraxis hat die «MedZentrum Hochdorf AG» nochmals rund 1,5 Millionen Franken gesteckt. Betschart und Hörndli sind stolz, dass sie zu einer Hochdorfer Lösung beitragen konnten. «Und dass wir die Arztpraxis nicht einer Krankenkasse übergeben haben, sondern die beteiligten Ärzte das Sagen haben.»

Tunnel verbindet Zentrum mit Pflegeheim

Dreieinhalb Jahre sind seit den ersten Gesprächen bis zur Eröffnung vergangen. «Das ist schon fast Rekordzeit», sagte Cornel Raess. Entscheidend für den Erfolg sei die gute regionale Zusammenarbeit zwischen den vier Seetaler Praxen. Ein weiterer Pluspunkt sei die Notfallversorgung, die vorerst werktags von 8 bis 20 Uhr und am Samstag von 8 bis 12 Uhr sichergestellt wird. Eng ist zudem die Zusammenarbeit mit dem Rettungsdienst Seetal, der nur zwei Häuser entfernt zu Hause ist.

In gleicher Distanz auf der anderen Seite befindet sich das Haus Sonnmatt. Der Clou: «MedZentrum» und Pflegeheim sind durch einen unterirdischen Tunnel verbunden. «So können wir mit den älteren Menschen trockenen Fusses zum Arzt», sagte Erika Stutz, Geschäftsleiterin der Residio AG. Besonders freut sie sich, dass eine Altersmedizinerin angestellt wird. «Das ist für uns wie ein Sechser im Lotto.»

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