Gegen die «Mächtigen in Davos»: 250 Personen demonstrieren in Luzern gegen das WEF

Gegen die «Mächtigen in Davos»: 250 Personen demonstrieren in Luzern gegen das WEF

Am Samstagnachmittag kam es in der Luzerner Innenstadt zu einer Demonstration gegen das Weltwirtschaftsforum (WEF). Organisiert hat die Kundgebung der Verein «Resolut».

Pascal Studer
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Das WEF polarisiert – auch in Luzern. Rund 250 Personen haben sich am Samstagnachmittag beim Torbogen auf dem Bahnhofplatz zusammengefunden, um gegen «Kapitalismus, Klimasünder und Kriegstreiber» zu demonstrieren. Die Parole war klar: «Wipe out WEF!», zu Deutsch das WEF ausradieren.

Eines vorneweg: So deutlich die Transparente auch waren und so laut die späteren Sprechchöre auch durch die Luzerner Innenstadt hallten: Die Demonstration verlief friedlich. Keine vermummten Gesichter, keine Sachbeschädigungen, keine pyrotechnischen Mitbringsel wie etwa vor einem Jahr in der Stadt Bern. Dies bestätigte auch Urs Wigger von der Luzerner Polizei am späteren Nachmittag:

«Die bewilligte Laufkundgebung gegen das WEF in der Stadt Luzern verlief ohne nennenswerte Probleme.»

Gegen Krieg und Kapitalismus

Zurück auf dem Bahnhofplatz: Kurz vor 14.30 Uhr sind alle Demonstranten eingetroffen. In der Luft hängt der Duft von Cannabis und Kaffee, Bier gibt es auch. Vorbeilaufende Passanten beäugen die Gruppe, geben ihre Meinungen über das WEF kund. Häufig wird bemerkt, wie durchmischt die Gruppe ist. «Mütter sind mit ihren Kindern hier – das finde ich gut», sagt etwa eine Schaulustige.

Einige Forderungen der Demonstrierenden – humorvoll verpackt.

Einige Forderungen der Demonstrierenden – humorvoll verpackt.

Bild: Pascal Studer, Luzern, 11. Januar 2020

Tatsächlich könnte die Menschenmenge bunter nicht sein: Man sieht Pensionierte mit Fahnen in LGBT-Farben, Väter tragen in der einen Hand das Kind, in der anderen das Megafon, Mütter stossen Kinderwagen, Jungpolitikerinnen, Studenten und zwei als Dinosaurier verkleidete Teilnehmer. Später wird eine junge Frau mit ihrem Hund an der Leine mitspazieren. Niemand ist vermummt, einzelne tragen allerdings dunkle Sonnenbrillen. Auch eine kleine Musikformation – die «Superband» – hat sich mit Fanfarenklängen zur Menschenmasse dazugesellt. Die Saxophonistin mit Künstlername Zita Zorro sagt: «Uns ist es wichtig, schweizweit ein Zeichen zu setzen – nicht nur in Davos. Darum sind wir hier: mit Musik gegen das WEF.»

Gelöste Stimmung, deutliche Botschaften: Die Demonstration zu Beginn beim Torbogen auf dem Bahnhofplatz.

Gelöste Stimmung, deutliche Botschaften: Die Demonstration zu Beginn beim Torbogen auf dem Bahnhofplatz.

Bild: Pascal Studer, Luzern, 11. Januar 2020

Inzwischen hat sich eine Frau das Mikrofon geschnappt. Später wird sie sich als Minu vorstellen. Die Mitorganisatorin der Demonstration hat eine eindeutige Botschaft an die vielen Vertreter, die sich in etwas mehr als einer Woche in Davos zusammenfinden werden:

«Ich will Frieden für die ganze Welt – es gibt genug Krieg wegen Geld und Macht!»

Wenn Frauen Frauen diskriminieren

Mit diesen Worten marschieren die Demonstrierenden los, der Lärmpegel steigt merklich. Die Route geht zuerst über den Bundesplatz, dann zum Helvetiaplatz. Dort hält Michelle Meyer eine Rede. Die erst 21-jährige Politik-Studentin ist im Vorstand der Jungen Grünen Schweiz. Auch sie findet klare Worte, steht für die Umwelt ein.

Aktivistin Chiara Colledani: «Das WEF nützt nur ein paar privilegierten Frauen»

Aktivistin Chiara Colledani: «Das WEF nützt nur ein paar privilegierten Frauen»

Bild: Pascal Studer, Luzern, 11. Januar 2020

Spätestens seit vergangenem Jahr ist ausserdem klar: Wirtschaftsthemen sind auch Frauenthemen. Das Bundesparlament ist so weiblich wie noch nie und Frauen fassen zunehmend Fuss in den Führungsetagen. In den Augen der Demonstrantinnen und Demonstranten allerdings ist damit erst ein Zwischenziel erreicht. Miriam Helfenstein und Chiara Colledani finden es vor allem alarmierend, dass das derzeitige System zwar einzelne Frauen privilegiere, es aber trotzdem noch immer hauptsächlich Frauen seien, welche am meisten darunter zu leiden hätten. Helfenstein sagt:

«Wir sagen nein zum WEF – und zu einer Welt, in der wir dankbar sein müssen, wenn wir von Frauen und nicht von Männern diskriminiert werden.»
Miriam Helfenstein betont, dass bis zur Gleichberechtigung noch ein Weg zu gehen ist.

Miriam Helfenstein betont, dass bis zur Gleichberechtigung noch ein Weg zu gehen ist. 

Bild: Pascal Studer, Luzern, 11. Januar 2020

Die Rede, welche die beiden jungen Frauen abwechselnd vortragen, stösst auf viel Applaus. Dann ertönen wieder Sprechchöre, die Demonstration geht weiter – durch die Kapellgasse über die Seebrücke und schliesslich zurück zum Torbogen. Dort findet die Schlusskundgebung statt.

Bewilligung der Demonstration kontrovers

Mit Jonas Heeb ist ein weiterer Jungpolitiker an der Kundgebung mitgelaufen. Die Luzerner Stimmbevölkerung hat den 22-Jährigen, welcher für die Jungen Grünen politisiert, erst vergangenen März als einziges Mitglied einer Liste einer Jungpartei in den Kantonsrat gewählt. Die Frage, ob er dem Weltwirtschaftsforum etwas Positives abgewinnen könne, verneint auch er deutlich:

«Das WEF hat nichts gebracht, was der Schweiz oder der Erde nachhaltig geholfen hätte.»

Zwar sei dem Grundgedanke, dass man grenzübergreifend Probleme angeht, zuzustimmen. Allerdings bleibe das Forum letztlich doch ein Treffen der Mächtigen. Heeb stellt klar: «Es geht um die Interessen der Wirtschaft.»

Mussten nicht eingreifen: Die Luzerner Polizei war mit einem Sicherheitsaufgebot vor Ort. Viel zu tun gab es für die Behörden allerdings nicht.

Mussten nicht eingreifen: Die Luzerner Polizei war mit einem Sicherheitsaufgebot vor Ort. Viel zu tun gab es für die Behörden allerdings nicht.

Bild: Pascal Studer, Luzern, 11. Januar 2020

Organisiert hat die Demonstration der Verein Resolut. Die Organisation setzt sich dafür ein, dass in der Zentralschweiz wieder mehr politische Aktionen stattfinden. Zum Verein gehört auch Adrian M., der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will. Er hat bereits vor zehn Jahren die letzte Anti-WEF-Demo in der Stadt Luzern mitorganisiert. Dass die Kundgebung ohne nennenswerte Zwischenfälle verlief, überrascht ihn nicht: «Bewilligte Demonstrationen in Luzern sind seit Jahren immer friedlich. Ich hatte da von Beginn weg keine Zweifel.» Die Möglichkeit, ein paar Worte an WEF-Gründer Klaus Schwab zu richten, lehnt er allerdings ab. 

Am Freitag hatte die SVP der Stadt Luzern die Bewilligung der Demonstration scharf kritisiert. Dieter Haller, Präsident der städtischen SVP, sagte: «Die Demonstranten hatten dem Stadtrat gedroht, ohne Bewilligung ihren Zug durch die Stadt aufzunehmen, wenn ihnen der Stadtrat keine Route und keinen Zeitraum zuweise, der ihnen höchstmögliche Aufmerksamkeit sichere.» Für Haller war klar:

«Der Stadtrat hat vor dieser Forderung richtiggehend kapituliert»

Tatsächlich musste die Polizei für die Demonstration den Verkehr punktuell unterbrechen, was zu temporären Rückstaus führte. Ein Polizeiauto fuhr zudem rund dreissig Meter vor dem Menschenzug, an vielen Stellen standen Sicherheitskräfte. Gemäss Angaben der Behörden wurden allerdings die Auflagen eingehalten. Die Demonstranten ihrerseits sagten, dass sie die Kundgebung auch ohne Bewilligung durchgeführt hätten.

Beitrag vom Zentralschweizer Fernsehen Tele 1:

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