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GELFINGEN: «Dialekt stirbt in Randregionen»

Am Sonntag lädt das Schloss Heidegg wieder zum Schweizer Mundarttag. Moderator Christian Schmid (67) spricht über Bedeutung und Zukunft des Dialekts.
Interview Stephan Santschi
Schweizer Autoren lesen am Mundarttag im Schloss Gelfingen aus ihren Werken. Im Bild die letztjährige Lesung des Surseer Autors Toni Schaller. (Archivbild Roger Grütter)

Schweizer Autoren lesen am Mundarttag im Schloss Gelfingen aus ihren Werken. Im Bild die letztjährige Lesung des Surseer Autors Toni Schaller. (Archivbild Roger Grütter)

Christian Schmid, wie steht es grundsätzlich um die Schweizer Mundart?

Christian Schmid: Die Schweizer Mundart ist nicht krank, aber sie verändert sich. Die Sprache muss die Welt mit ihren Fortschritten bewältigen, ihr sozusagen hinterherhasten. Man kann nicht erwarten, dass auf der Welt kein Stein auf dem anderen bleibt, die Sprache davon aber nicht beeinflusst wird. Begriffe aus dem Englischen oder dem Schriftdeutschen werden so in unsere Mundart übertragen.

Zum Beispiel?

Schmid: Beispiele liefert die Autobranche mit ihren Fachbezeichnungen. Kotflügel – mit Kot verbinde ich ursprünglich Dreck. Oder Scheinwerfer. Im Dialekt brauche ich für «werfen» eigentlich das Wort «schiessen». Ferner kommt es zu Ableitungen aus dem Schriftdeutschen. Anstelle von «ich chume de» wird immer häufiger ein «ich wirde cho» oder aus «ich gange uf Basel» ein «ich gange nach Basel». Nichts ist in der Sprache so konstant wie die Veränderung. Das kann man melancholisch bedauern, dafür habe ich Verständnis. Deshalb gehen die Schweizer Dialekte aber nicht kaputt.

Mundart-Rapper Bligg sagt, dass die Bedeutung der Mundart mit dem Selbstvertrauen der Schweizer steige.

Schmid: Im Kern hat diese Aussage etwas Richtiges. Ich mache mir keine Sorgen um die Mundart, solange man stolz auf seine Sprache ist. Das fribourgische Senslerdeutsch war vor 50 bis 60 Jahren fast ausgestorben, weil es als rückständiger Dialekt eines ärmlichen Gebiets betrachtet wurde. Als Politiker Hugo Fasel im Nationalrat und Musiker Gustav in seinen Konzerten den Fribourger Dialekt sprachen, war er plötzlich wieder populär.

Gibt es Dialekte, die aussterben?

Schmid: Ja. Betroffen sind Dialekte in Randregionen. In alpinen Gebieten des Berner Oberlands. Oder im St. Galler Rheintal, dort ist das Diepoldsauer-Deutsch fast verschwunden, weil es die jungen Leute nicht gerne sprechen. Weil sie ausserhalb der Heimat belächelt werden. In Randregionen gehen Dialekte verloren, in Grossregionen kommt es zu Vereinheitlichungen.

Welche Tendenzen stellen Sie in der Zentralschweiz fest?

Schmid: Hier ist die Tendenz zur Vereinheitlichung weniger ausgeprägt als beispielsweise im Berner Oberland. Für einen Urner ist sein Dialekt ein wichtiger Bestandteil seines Urnerseins. In Ob- und Nidwalden gibt es Wörterbücher des eigenen Dialekts. Anders sieht es in Schwyz und Zug aus. Durch den Zuzug anderssprachiger Menschen hält die Globalisierung dort stärker Einzug. Die Stadt Luzern ist derweil der Schwerpunkt der Region. Die städtische Mundart hat die Tendenz, sich auszubreiten, weil viele Menschen dorthin pendeln, um zu arbeiten. Der Dialektwandel in städtischen Mundarten geht schneller voran, weil hier die Unternehmer leben, die mit der Welt geschäftlich in Kontakt sind.

Was halten Sie von der Verenglischung der deutschen Sprache?

Schmid: Solche Einflüsse sind nichts Neues. Nun kommen sie einfach aus dem Englischen, früher war es das Französische. Begriffe wie Velo, Beret oder Trottinett, aber auch Verben mit der Endung «ieren», beispielsweise parkieren oder demonstrieren, stammen aus dem Französischen. Ein Problem sehe ich eher in der Einsprachigkeit. Im Moment stelle ich bei Politikern der EU starke Tendenzen zu einer englischen Vereinheitlichung fest.

Was spricht in diesem Zusammenhang für die Schweizer Mundart?

Schmid: Die ist nach wie vor unangefochten. Durch die voranschreitende Globalisierung wächst ein gewisser Stolz auf die eigene Region. Dieses Paradoxon lässt sich nicht nur in der Schweiz feststellen. Wer mit seiner Existenz in der grossen Welt aufgehen will, fühlt sich mitunter verloren. Ich sehe die Zukunft der Mundart daher nicht negativ. Wir werden in 50 Jahren nicht schriftdeutsch sprechen. Aber nicht mehr in den gleichen Dialekten wie heute.

Was denken Sie über die Diskussion «Schriftdeutsch oder Dialekt im Kindergarten»?

Schmid: Sie ist falsch, wenn sie mit dem Ziel der Ausschliesslichkeit geführt wird. Im Kindergarten sollte es Platz für beide Sprachformen haben. Aus pädagogischen Gründen auf eine der beiden zu verzichten, wäre nicht richtig.

Das Motto des Mundarttages am Sonntag im Schloss Heidegg lautet: « ... wis Mooden ischt». Was bedeutet das?

Schmid: Wir präsentieren mit unseren Lesungen verschiedene Moden in der Sprache, wie es zu den jeweiligen Zeiten eben üblich war. Fred Jaggi aus Gadmen und Urs-Karl Regli aus Andermatt sind Erzähler ohne schriftliche Vorlage aus dem alpinen Raum, die sich älterer Zeiten besinnen. Michael Stauffer und der verstorbene Hochdorfer Peter Halter, dessen Werke von Hans Halter vorgetragen werden, sind Vertreter aus dem Mittelland. Stauffers Texte sind kontrovers, ironisch, absurd. Halter gilt als Erzähler von traditionellen Geschichten aus dem Dorfleben.

Hinweis

Schweizer Mundarttag: Sonntag, 14 bis 17 Uhr im Schloss Heidegg. – Eintritt: 25 Franken.

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