GELFINGEN: Heidegg dreht am Rad der Postgeschichte

Die alte Post ist Geschichte. Eine Ausstellung erweckt sie nun wieder zum Leben – die eigentlichen Stars sind aber die Einheimischen.

Ernesto Piazza
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Kurator Dieter Ruckstuhl (rechts) und Künstler Tino Steinemann hinter dem alten Postschalter. (Bild Nadia Schärli)

Kurator Dieter Ruckstuhl (rechts) und Künstler Tino Steinemann hinter dem alten Postschalter. (Bild Nadia Schärli)

Dass die alte Post von Gelfingen doch nicht ganz in Vergessenheit gerät, dafür sorgt die Jahresausstellung auf Schloss Heidegg. Nachdem das ortsbildprägende Gebäude beim Kreisel im vergangenen November abgebrochen wurde, lässt Schloss-Kurator Dieter Ruckstuhl die Erinnerungen an dieses von 1883 bis 1951 dauernde Stück Post-Zeitgeschichte nochmals aufleben. Deshalb sind noch bis Ende Oktober auf Heidegg einige Originalmöbel wie auch zusätzliche Erinnerungsstücke zu besichtigen. Weiter kommen in einem 12-minütigen Film Zeitzeugen zu Wort. Sie drehen für einige Sequenzen das Rad der Zeit nochmals in eine vergangene Lebenswelt zurück.

Grussbotschaften von der Decke

Nach einem sechsmonatigen Vorlauf war die Ausstellung geboren. Dieter Ruckstuhl sagt dazu: «Für die Vorbereitung eines solchen Projekts war die Zeit von Oktober letzten Jahres bis Ende März eher knapp bemessen.» Möglich wurde die Einhaltung des engen Zeitkorsetts aber, weil einige Objekte – beispielsweise die Postkarten aus der Schlosssammlung – bereits wissenschaftlich aufgearbeitet waren. Diese an dünnen Fäden von der Decke hängenden Grussbotschaften gehören genauso zum Schritt zurück in die Postvergangenheit von Gelfingen wie auch Originalmöbelstücke – beispielsweise die Schaltertüre. Alle diese Exponate wurden Ende 19., Anfang 20. Jahrhundert hergestellt.

Eine Herausforderung für die Ausstellungsmacher war die Produktion des 12-minütigen Videos über die Gelfinger Postgeschichte. «Einheimische haben – mit vielen Originalrequisiten und als Akteure der nachgestellten Szenen – zu einem lebendigen Kurzfilm beige­tragen», wie Ruckstuhl sagt.

Auf die Idee, das Ausstellungsthema «Alte Post» aufzugreifen, kam der 52-jährige Kurator eher zufällig. Als er nämlich davon hörte, dass das Gebäude vor dem Abbruch stand, begann sich Ruckstuhl intensiv mit dem alten Haus zu befassen. «Wobei mich schon lange vorher der schmucke Bauerngarten und die dekorativen Kübelpflanzen vor der alten Post beeindruckt hatten», erinnert er sich. Ein Stück Gartenkultur, wie sie auch beim Schloss von alters her gepflegt wird. Dass der in Neuenkirch wohnhafte Künstler Tino Steinemann bei der diesjährigen Jahresausstellung im Schloss Heidegg ebenfalls mitmacht, darf als Verdienst von Ausstellungs­gestalter Philipp Clemenz bezeichnet werden.

Persönliche Karte gestalten

Die beiden waren nämlich bereits für die Gestaltung des Museums für Kommunikation – des früheren PTT-Museums – verantwortlich. Ruckstuhl sagt: «Tino Steinemann erhielt von uns eine Carte blanche.» Es ist nicht weiter verwunderlich, dass er die passende Form fand: Seit seiner Jugendzeit befasst er sich praktisch täglich mit Kuverts, Ansichtskarten und Briefen. Mit künstle­rischen Mitteln wie Collagetechniken oder selbst gestalteten Stempeln reagiert er immer wieder auf Erlebtes und Gesehenes.

Unter dem Titel «6284 liebe Grüsse aus ...» spannt Tino Steinemann den Ausstellungsbogen hin zur Gegenwart und zur weiten Welt. Sein «Atelier» auf dem Schloss hält einen Aktivitätentisch – bestückt mit Materialien, Stempeln und zusätzlichen Hilfsmitteln – bereit. Und so kann jeder Besucher seine persönliche Heidegger Karte gestalten und sie anschliessend per Post verschicken. Finanziell kann das Schloss Heidegg nicht die ganz grossen Sprünge machen. Dieter Ruckstuhl sagt: «Wir mussten uns auch bei dieser Ausstellung nach der Decke strecken. Einige tausend Franken hat sie aber schon gekostet.» Zudem steckt viel Eigenleistung drin. «Doch wir wollten diesem Projekt eine Chance geben», betont der Kurator.

Hinweis

Die Ausstellung dauert noch bis 31. Oktober 2013.r Informationen unter www.heidegg.ch.