GEMEINDEN: Leitfaden gegen Stolpersteine

Zwischen 30 und 50 Risiken beschäftigen eine Gemeinde durchschnittlich. Um diese besser im Griff zu haben, hat die Hochschule Luzern einen Leitfaden entwickelt.

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Die Hochschule Luzern hat für die Gemeinden einen Leitfaden entwickelt. (Symbolbild Neue LZ)

Die Hochschule Luzern hat für die Gemeinden einen Leitfaden entwickelt. (Symbolbild Neue LZ)

Ein reicher Steuerzahler zieht weg, die Zinsen auf dem Fremdkapital steigen, die Kosten im Sozialbereich explodieren, es kommt zu einer hohen Personalfluktuation, die Informatik fällt aus, oder es passiert ein Bergsturz. Dies sind nur einige Beispiele von Risiken, die für Gemeinden bestehen.

Risiko IT und Versicherungswesen

In der Luzerner Gemeinde Buchrain mit rund 6000 Einwohnern zählen aktuell die Finanzen zu den grössten Risiken. Daneben enthalten auch die Bereiche IT sowie politische Entwicklungen und Gesetzesänderungen ein Risikopotenzial. Dies sagt Oliver Furrer, Abteilungsleiter Finanzen der Gemeinde Buchrain. Um Risiken zu identifizieren, zu bewerten und zu minimieren, bedient sich die Gemeinde Buchrain eines Leitfadens, den die Hochschule Luzern entwickelt hat. Das zweijährige Projekt setzte die Hochschule Luzern gemeinsam mit der Fachhochschule Nordwestschweiz und der Treuhand- und Revisionsgesellschaft Mattig-Suter und Partner um. Oliver Furrer bilanziert: «Der Leitfaden hat uns unterstützt, unsere Abläufe zu hinterfragen und die Risiken zu identifizieren.» Obwohl ein Grossteil der Risiken schon zuvor bekannt gewesen sei, sei das Bewusstsein dafür gestiegen. «Damit wissen wir, wo die Stolpersteine liegen, und können professionell den Umgang mit den Risiken bewerten und Massnahmen beschliessen.»

Der Druck von aussen steigt an

Stefan Hunziker, Professor für Risikomanagement an der Hochschule Luzern, sagt zur Entstehung des Projekts: «Seminare am Institut für Finanzdienstleistungen mit Gemeindevertretern haben uns gezeigt, dass ein konkretes Hilfsmittel für den Umgang mit Risiken fehlt.» Zudem steige der Druck von der Finanzkontrolle auf die Gemeinden. Vermehrt werden Instrumente der Privatwirtschaft in der Verwaltung übernommen.

Hunziker erklärt weiter: «Die Anforderung an uns war klar: Wir entwickeln eine Art Kochrezept für das Risikomanagement, das pragmatisch ist und auf einzelne Gemeinden angepasst werden kann.» Dies habe das Projekt erreicht. «Wir haben einen Zehn-Schritte-Plan entwickelt, mit dem die Gemeinden ein internes Kontrollsystem und Risikomanagement einführen können.»

Zum Zehn-Schritte-Plan gehört etwa das Erfassen der Risiken sowie ihre Bewertung. «Erfahrungsgemäss gibt es pro Gemeinde rund 30 bis 50 wesentliche Risiken, die aktiv bewirtschaftet werden müssen», sagt Hunziker. Priorität hätten Risiken, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eintreten, oder solche, die einen hohen Schaden verursachen könnten. «Praktisch alle Schadensfälle haben schliesslich einen negativen Einfluss auf die Finanzlage einer Gemeinde – ob eine Naturkatastrophe, eine Veruntreuung oder ein Ausfall der Informatik.»

Risiken vor Schieflage feststellen

Risikomanagement bedeutet für Hunziker primär Prävention. «Wenn sich eine Gemeinde bereits in Schieflage befindet, spricht man nicht mehr von Risiken, sondern Schwächen. Dann sind konkrete Massnahmen gefragt, um diese zu beseitigen.» Die Analysen bestehen für Hunziker nicht nur darin, zu wissen, wo der Schuh drücken könnte, gefragt seien auch präventive Massnahmen. Er nennt ein Beispiel: «Fürchtet sich eine Gemeinde vor einer Abwanderung guter Steuerzahler, muss sie die Standortattraktivität für diese Einwohner erhöhen.»

«Exekutive blockt häufig ab»

Die Hochschule hat neben Buchrain mit 18 weiteren Gemeinden und Bezirken aus acht Kantonen zusammengearbeitet. Mitgemacht haben im Kanton Luzern die Stadt Luzern, Kriens, Buchrain, Reiden und Root. Laut Hunziker wurde das Projekt noch nicht überall zu Ende geführt.

Hunziker betont, dass die Gemeindemitarbeiter seit den letzten fünf Jahren stärker auf Risiken sensibilisiert seien. Beigetragen hätten unter anderem Meldungen zu Veruntreuungsfällen in den Medien und Entwicklungen in der Privatwirtschaft. Er sagt aber auch: «Oft ist die Verwaltung zwar sehr motiviert, das Risikomanagement anzugehen, aber die Exekutive blockt ab. Überlegungen wie: ‹Bis jetzt ist nichts passiert, weshalb sollen wir investieren?› haben wir mehrmals gehört.»

Buch zu Projekt erschienen

Das Projekt der Hochschule Luzern wurde vom Bund durch die Kommission für Technologie und Innovation mit einem Betrag von zirka 450 000 Franken mitfinanziert. Auch die Gemeinden und Bezirke haben einen Beitrag bezahlt. Dieser hat pro Gemeinde durchschnittlich 5000 Franken betragen. Laut Hunziker wollen weitere Gemeinden den Leitfaden anwenden. Im letzten Frühling ist ein Fachbuch zum Projekt erschienen. Es dient als Leitfaden zur Einführung eines internen Kontrollsystems, kombiniert mit einem Risikomanagement.

Für die Gemeinde Buchrain ist das Einführungsprojekt nun abgeschlossen. Die Gemeinde hat das systematische Risikomanagement implementiert und wird auch künftig die Risiken und Prozesse jährlich analysieren, um so Veränderungen zu erkennen, wie Oliver Furrer sagt.

Roseline Troxler

Hinweis

Das Buch zum Projekt: Ganzheitliche Risikosteuerung in 10 Schritten, Risikomanagement und IKS für Schweizer Gemeinden, Haupt Verlag, ISBN: 978-3-258-07921-9.