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Genf als Vorbild für Luzern: Das neue Theater ist architektonisch aufregend, volksnah – und günstig

Worüber Luzern seit Jahren diskutiert, wird 2020 in Genf Wirklichkeit: Das neue Theatergebäude wird eröffnet. Die Geschichte der «Comédie de Genève» ähnelt frappant jener in Luzern. Dient sie auch als Vorbild für die Zukunft?
Robert Knobel

Die roten Plüschsessel und die edlen Teppichstopper aus Messing verleihen dem Theaterbesuch einen romantischen Touch. Doch die Hülle des altehrwürdigen Kulturtempels beginnt zu bröckeln. Die Bühnenscheinwerfer drohen in Bälde auszugehen, doch eine Sanierung lohnt sich nicht – auch weil das Haus für einen modernen Theaterbetrieb viel zu unflexibel ist. Ein Neubau muss her – und zwar schnell, sagt die Stadt. Viel zu teuer, ruft der Kanton zurück.

Kommt Ihnen das Drehbuch bekannt vor? Nun, es geht hier nicht um Luzern, sondern um Genf. Doch die Parallelen sind frappant. Mit dem Unterschied, dass die Rhonestadt in rund einem Jahr ihr neues Wahrzeichen, das Theater «Nouvelle Comédie», feierlich eröffnen wird. Während man in Luzern erst mit der Planung eines neuen Theatergebäudes beginnt.

Der Weg zum neuen Paradestück war auch in Genf lang und beschwerlich. 1987 kam erstmals die Idee auf, ein neues Theater zu bauen. Denn die altehrwürdige «Comédie» am Boulevard des Philosophes aus dem Jahr 1913 zeigt immer deutlichere Alterserscheinungen. Und wie die meisten Stadttheater aus der damaligen Zeit entspricht auch das in Genf nicht mehr den heutigen Anforderungen an ein modernes Theaterhaus.

Blick ins Treppenhaus der Comédie de Genève. (Bild PD)

Blick ins Treppenhaus der Comédie de Genève. (Bild PD)

Nach jahrelangem Seilziehen um die Finanzen wurden Stadt und Kanton Genf 2016 endlich handelseinig: Der Theater-Neubau soll 98 Millionen Franken kosten, wovon die Stadt 53 Millionen und der Kanton 45 Millionen beisteuern. Soviel Geld hat der Kanton Genf in seiner Geschichte noch nie für ein Kulturprojekt ausgegeben. Als Gegenleistung für den grosszügigen Betrag musste sich die Stadt Genf verpflichten, die Subventionen für den Betrieb des künftigen Theaters alleine zu übernehmen. Diese werden rund 12,5 Millionen Franken pro Jahr betragen – deutlich mehr als bisher.

Der Neubau mit dem Namen «Skyline» stammt vom Pariser Architektenbüro Fres und entsteht rund 2 Kilometer vom alten Standort stadtauswärts, im Quartier Eaux-Vives. Die «Nouvelle Comédie» soll nichts weniger als das Herz eines neuen Stadtteils werden: Ab Ende 2019 soll hier die neue Bahnlinie «Léman Express» verkehren, ein Jahrhundertprojekt, das die Stadt Genf unterirdisch näher an Frankreich bindet. Unmittelbar neben dem Theatergebäude befindet sich der neue Bahnhof Eaux-Vives, der von Jean Nouvel entworfen wurde. Hinzu kommen 350 Wohnungen, die in die Überbauung integriert werden.

Die neue Comédie verfügt über zwei Theatersäle, wovon einer modulabel ist und vielfältige Nutzungen zulässt. Doch nicht nur dies erinnert an die Theater-Debatten in Luzern. Denn die Maxime der Architekten lautete, das neue Kulturzentrum möglichst mit dem Stadtraum verschmelzen zu lassen. Dies ist auch das erklärte Ziel in Luzern – im Rahmen einer Testplanung schlugen die Basler HHF Architekten 2018 vor, den Luzerner Theaterplatz quasi ins Gebäude zu integrieren (wir berichteten). Um eine Verschmelzung von «Innen» und «Aussen» geht es auch in Genf. Architektonisch wird diesem Anspruch zunächst einmal mit viel Glas nachgelebt:

Visualisierung der Nouvelle Comédie de Genève. (Bild PD)

Visualisierung der Nouvelle Comédie de Genève. (Bild PD)

Doch das Bekenntnis zur Transparenz wird mit aller Konsequenz weiter gezogen. So sollen die Arbeitsräume der Theater-Mitarbeiter öffentlich einsehbar sein. Man kann dann also den Perückenmachern beim Arbeiten zuschauen.

Blick in ein Kulissen-Atelier. (Visualisierung PD)

Blick in ein Kulissen-Atelier. (Visualisierung PD)

«Ein Theater in der Stadt – und eine Stadt im Theater», wie es die Architekten formulierten. Ein Haus, das mit den abgeschotteten Kulturtempeln des 19. Jahrhunderts so gut wie nichts mehr gemein hat, wie auch die Co-Direktorin der Comédie, Natacha Koutchoumov, 2017 gegenüber der Zeitung «Tribune de Genève» klar machte: Der Ort solle vielmehr zu einem gesellschaftlichen Hotspot werden, in dem Kultur und städtisches Leben verschmelzen: Während im Saal drinnen Molière gespielt wird, sollen auf dem grossen Vorplatz Kinderfeste stattfinden, Weindegustationen oder ein Markt mit lokalen Produkten. Die Co-Direktorin wünscht sich zudem Freiluft-Aufführungen ausserhalb der Theatersäle sowie Theaterproduktionen, die auf Grossleinwand übertragen werden. «365 Tage im Jahr soll dies ein Ort des Lebens und Arbeitens sein. Die Leute kommen zum Kaffeetrinken, zum Zeitvertreib, um ein Theaterstück zu sehen. Das eine bringt das andere mit sich», sagte Koutchoumov gegenüber der «Tribune».

Der kleine Saal mit 250 Plätzen wird flexibel und modulabel sein. (Visualisierung PD)

Der kleine Saal mit 250 Plätzen wird flexibel und modulabel sein. (Visualisierung PD)

Bei der weiteren Planung des neuen Theaters kann Genf also durchaus Vorbild für Luzern sein – städtebaulich, aber auch finanziell. Immerhin schaffen es die Romands offenbar, ein Leuchtturm-Projekt für unter 100 Millionen Franken zu realisieren. Und dies bei einem Gebäudevolumen, das mit 100x40x30 Meter deutlich grösser ist als ein allfälliger Theater-Neubau in Luzern. Andererseits ist das Luzerner Projekt deutlich komplexer und somit auch potenziell kostenintensiver: Im Gegensatz zu Genf soll das neue Theater mitten in die historische Kulisse der Altstadt gesetzt werden. Und vor allem muss das Luzerner Theater weit vielfältigere Nutzungsanforderungen erfüllen als in Genf, da im Innern nicht nur Theater gespielt, sondern auch Opern und Ballett aufgeführt werden. Dies zeigen allein schon die Zuschauerzahlen von rund 74000 pro Jahr in Luzern – mehr als doppelt soviel wie in der alten Comédie de Genève.

Das Projekt Nouvelle Comédie auf der Website der Architekten, mit vielen Visualisierungen. Näheres zum Projekt findet man auch auf der Website der Comédie selber.

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