GERICHTSPROZESS: Kiffer hält ein wirres Plädoyer vor Gericht

In einem Prozess musste sich ein Autolenker vor dem Bezirksgericht verantworten. Er fuhr Auto unter dem Einfluss von Marihuana. Der Prozess selber allerdings verlief äusserst skurril.

Lena Berger
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Ein Lenker musste sich vor dem Bezirksgericht verantworten, da er unter Einfluss von Rauschgift Auto fuhr. (Symbolbild) (Bild: Keystone)

Ein Lenker musste sich vor dem Bezirksgericht verantworten, da er unter Einfluss von Rauschgift Auto fuhr. (Symbolbild) (Bild: Keystone)

Das Gegenteil von gut ist nicht böse, sondern gut gemeint. Das behauptete einst der bekannte deutsche Journalist und Schriftsteller Kurt Tucholsky. Als Beobachter eines Prozesses, der kürzlich vor dem Bezirksgericht stattfand, ist man geneigt, ihm recht zu geben.

 

Die Verhandlung steht von Beginn weg unter keinem guten Stern. Sie sollte um 9 Uhr beginnen. Der Minutenzeiger hat die volle Stunde längst überschritten – doch vom Beschuldigten keine Spur. Immer wieder reckt die Gerichtsschreiberin den Kopf zur Tür heraus. Blickt nach links und nach rechts – und verschwindet dann wieder im Gerichtssaal.

Volle 15 Minuten vergehen, da stürmt ein junger Mann ins Gerichtsgebäude. Er ringt um Atem, das Haar ist zerzaust, er ist gerade erst vom Slalomboard gestiegen, das er jetzt unter den Arm geklemmt hat. Der vorsitzende Richter macht keinen Hehl daraus, dass er den verspäteten Auftritt des jungen Mannes keineswegs goutiert. Zumal er heute ja wohl um seinen Fahrausweis kämpfe, poltert er. Dem Elektromonteur scheint es nach der Standpauke nicht richtig wohl zu sein in seiner Haut. Es war ein schlechter Start, das lässt sich nicht leugnen. Und besser wird es nicht.

Der Richter bittet ihn, für die Befragung vorne Platz zu nehmen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann den Konsum von Marihuana und das Fahren unter Drogeneinfluss vor. Zudem hatte er seinen Fahrausweis nicht dabei, als er im August von der Polizei kontrolliert wurde. Ob er vor oder nach der Fahrt Rauschgift konsumiert habe, will der Richter deshalb wissen. «Nein», behauptet der Beschuldigte selbstbewusst. Der Richter hakt nach. Der Drogentest sei doch positiv gewesen, wie er sich das denn erkläre. «Zählt Cannabis denn als Rauschgift?», fragt der Beschuldigte erstaunt zurück. Ja, das habe er konsumiert. Tags zuvor und nach der Kontrolle.

Das will der Richter jetzt genauer wissen. «Wann genau haben Sie Cannabis konsumiert?» Eben erst nachdem die Polizisten ihn angehalten hätten, das sei das Missverständnis. «Sie haben also das Auto auf Geheiss der Polizei abgestellt, sind ausgestiegen und haben sofort einen Joint geraucht?», fragt der Richter ungläubig. «Ja», antwortet der Beschuldigte, ohne mit der Wimper zu zucken.

Aber ein Polizist habe als Zeuge etwas anderes ausgesagt, hält der Richter dem Beschuldigten vor. «Keine Ahnung, was er für Beweggründe hatte, das zu behaupten», lautet die lapidare Antwort.

Mehr gibt es für die Richter offenbar nicht zu wissen. Die Befragung hat sich erschöpft. Der Beschuldigte erhält die Gelegenheit für sein Plädoyer. Darauf hat er gewartet, darauf hat er sich vorbereitet. Wie sonst unter Anwälten üblich, überreicht er der Gerichtsschreiberin lässig eine Abschrift.

Was folgt, ist allerdings ein erstaunliches juristisches Kauderwelsch. Der Beschuldigte wirft mit Sachbegriffen und Fremdwörtern um sich, die er in seiner Nervosität kaum aussprechen kann. Er spricht von sich in der dritten Person und kündigt an, dass man die ausgefällte Strafe «mutatis mutandis», also mit den notwendigen Änderungen akzeptieren werde. Seine Ohren werden rot, als er ins Stocken gerät. Die Leute im Publikum werfen sich verstohlene Blicke zu.

Am Ende des Plädoyers herrscht kurze Zeit völlige Stille. Jeder im Raum scheint einen Moment zu brauchen, um darüber nachzudenken, was der junge Mann wohl gemeint haben könnte. Es läuft darauf hinaus, dass er beantragt, die verhängte Geldstrafe nur teilbedingt auszusprechen. Das heisst, er müsste nur einen Teil zahlen, der Rest würde ihm erlassen, wenn er in den nächsten zwei Jahren nicht wieder straffällig wird. Es ist ganz offensichtlich, dass der Beschuldigte einen befreundeten Jus-Studenten gebeten hat, für ihn eine Verteidigungsschrift abzufassen.

Schliesslich ergreift der Richter das Wort. «Haben Sie irgendetwas von dem verstanden, was Sie da vorgelesen haben?», fragt er geradeheraus. «Ja, sicher, auch wenn ich es anders formuliert hätte.» Der Richter runzelt die Stirn. Er fragt nach der Entschädigung, die der Beschuldigte eingefordert hat – auf wie viel sich diese denn seiner Ansicht nach belaufen solle. «Ich weiss es nicht. Einfach das, was im Plädoyer steht», sagt der Beschuldigte resigniert.

Der Richter seufzt. Scheint kurz mit sich zu hadern und richtet dann doch ein paar persönliche Worte an den Beschuldigten. «Richten Sie der Person, die das geschrieben hat, aus, sie solle so etwas nie wieder machen!», rät er. «Das bringt nichts. Das wirkt ganz schlecht.» Gut gemeint, ist eben noch lange nicht gut. Ob das Gericht dem Antrag des Beschuldigten trotzdem nachkommen wird, ist offen. Das Urteil steht noch aus.

Hinweis

An dieser Stelle berichten wir in loser Folge von Verhandlungen an den erstinstanzlichen Gerichten in Luzern. Vergangene Beiträge finden Sie unter www.luzernerzeitung.ch/gericht